Johnson-Regierung gerät weiter unter Druck

dpa/uri

25.5.2020 - 08:51

Johnsons Chefberater Dominic Cummings ist mit Fahrten zu seinen Eltern während des Lockdowns in Grossbritannien in die Schlagzeilen geraten. (Archiv)
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Der britische Premierminister will die Affäre um die angeblichen Lockdown-Verstösse seines Chefberaters möglichst schnell vom Tisch haben. Doch die Wogen sind noch längst nicht geglättet.

Der britische Premierminister Boris Johnson ist nach dem demonstrativen Eintreten für seinen in die Kritik geratenen Chefberater Dominic Cummings selbst unter Beschuss geraten. Johnson hatte am Sonntag versucht, einen Strich unter die Affäre wegen angeblicher Lockdown-Verstösse zu ziehen und seinen Berater von jeglichem Fehlverhalten freigesprochen.

Cummings wird vorgeworfen, mit einer Reise von London zu Familienangehörigen ins rund 430 Kilometer entfernte Durham Ende März gegen die Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie verstossen zu haben. Der Berater gab an, er habe keine andere Möglichkeit gehabt, die Betreuung seines vier Jahre alten Sohns sicherzustellen. Johnson liess das als legitimen Grund gelten, um die damals geltenden strengen Ausgangsbeschränkungen zu umgehen und wies Forderungen nach einem Rauswurf Cummings' zurück.

«Alle Ratschläge in die Tonne getreten»

Doch Kritiker fürchten, die Glaubwürdigkeit der Regierung könne durch die grosszügige Auslegung der Lockdown-Regeln für den Regierungsberater ernsthaften Schaden genommen haben. Mehrere Experten, die nach eigenen Angaben die Regierung bisher beraten hatten, äusserten sich besorgt. Innerhalb von ein paar Minuten habe Johnson «alle Ratschläge, wie man Vertrauen aufbaut und das Einhalten der Massnahmen sicherstellt, die für die Kontrolle von Covid-19 notwendig sind, in die Tonne getreten», twitterte beispielsweise der Psychologe Stephen Reicher von der St.-Andrews-Universität in Schottland.

Boris Johnson ist mit seinem Eintreten für Cummings weiter unter Druck geraten. (Archiv)
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Die einflussreiche Boulevardzeitung «Daily Mail» titelte am Montag zu Bildern von Johnson und Cummings: «Auf welchem Planeten leben die eigentlich?» Oppositionschef Keir Starmer von der Labour-Partei zeigte sich von Johnsons Vorgehen enttäuscht. «Das war ein grosser Test für den Premierminister und er ist gerade durchgefallen», sagte Starmer in einem BBC-Interview. Millionen Menschen hätten qualvolle Entscheidungen treffen müssen, beispielsweise Angehörige nicht zu besuchen, und nicht zu Beerdigungen zu gehen, sagte der Labour-Chef.

Weitere Details möglich

Nicht auszuschliessen scheint, dass in der Sache noch weitere Details an die Öffentlichkeit gelangen. Der «Guardian» und der «Daily Mirror» berichteten am Sonntagabend, ein Augenzeuge, der Cummings am 12. April an einem Ausflugsziel rund 50 Kilometer vom Wohnhaus seiner Eltern entfernt gesehen haben will, habe inzwischen Anzeige erstattet. Auch für einen weiteren Aufenthalt Cummings' in Durham am 19. April gibt es demnach einen weiteren Augenzeugen. Die Regierung stritt weitere Aufenthalte Cummings in Durham ab.



Grossbritannien hat offiziellen Statistiken zufolge die höchste Zahl an Todesfällen durch die Coronavirus-Pandemie in Europa. Bis Samstag starben dort knapp 36'800 Menschen, nachdem sie positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Inzwischen ist die Zahl der täglich neu gemeldeten Infektionen und Todesfälle zurückgegangen. Doch es wird befürchtet, dass die Epidemie wieder an Fahrt aufnehmen könnte, wenn die Regeln zur Kontaktbeschränkung nicht mehr eingehalten werden sollten. Cummings könnte das Vertrauen in die Regierung irreparabel beschädigt haben, meinen Kritiker.

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