Streit um autonome Waffen KI-Firma Anthropic widersetzt sich Pentagon – trotz Ultimatum

Gabriela Beck

27.2.2026

Anthropic-Chef Dario Amodei hält KI-Systeme (noch) für nicht zuverlässig genug, um Roboterwaffen vollautonom zu steuern. 
Anthropic-Chef Dario Amodei hält KI-Systeme (noch) für nicht zuverlässig genug, um Roboterwaffen vollautonom zu steuern. 
Bild: IMAGO/Anadolu Agency

Der Konflikt zwischen dem KI-Unternehmen Anthropic und dem Pentagon spitzt sich zu: Soll die US-Regierung die Freiheit haben, Menschen mithilfe der hochentwickelten Technologie auszuspionieren oder gar zu töten?

Redaktion blue News

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  • Das KI-Unternehmen Anthropic und das Pentagon liefern sich einen Machtkampf über den militärischen Einsatz künstlicher Intelligenz.
  • Die US-Regierung droht mit Zwangsmassnahmen, wenn das Unternehmen Grenzen bei Waffen und Überwachung nicht aufgibt.
  • Der Ausgang entscheidet darüber, wie viel Kontrolle KI-Firmen künftig über ihre Technologien behalten.

Kurz vor dem Ablaufen einer vom US-Verteidigungsministerium gesetzten Frist bis Freitagnachmittag (17.01 Uhr Ortszeit, 23.01 Uhr MEZ) will der Chef des KI-Unternehmens Anthropic dem Pentagon weiterhin die uneingeschränkte militärische Nutzung seiner Technologie verweigern.

«Wir können ihrer Forderung nicht guten Gewissens nachkommen», erklärte der Anthropic-Vorstandsvorsitzende Dario Amodei am Donnerstag. Trotz Drohungen des Pentagon mit Zwangsmassnahmen und dem Ausschluss von künftigen Aufträgen fügte er hinzu: «Wir werden nicht wissentlich ein Produkt bereitstellen, das amerikanische Soldaten und Zivilisten in Gefahr bringt.»

Das KI-Start-up Anthropic steht damit vor einem offenen Konflikt mit dem Pentagon über den militärischen Einsatz künstlicher Intelligenz. Im Kern geht es um die Frage, ob Systeme wie das Anthropic-Sprachmodell Claude auch für autonome Waffen oder umfassende Überwachung genutzt werden dürfen – oder ob hier klare Grenzen gelten müssen.

Treffen mit Hegseth führt zur Eskalation

Auslöser der Eskalation waren Gespräche über mögliche Einsatzszenarien, etwa die Abwehr eines hypothetischen Atomangriffs, bei dem der Handlungszeitraum auf Sekunden begrenzt sein kann. Offizielle Stellen nannten dieses Szenario und ein weiteres, wonach Claude zur Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eingesetzt wurde, als Brennpunkte in dem sich in den letzten Tagen zuspitzenden Konflikt zwischen dem Unternehmen und dem Pentagon.

Während das Verteidigungsministerium betont, KI solle für «alle rechtmässigen Zwecke» verfügbar sein, warnt Firmenchef Dario Amodei, heutige Systeme seien zu unzuverlässig für Entscheidungen mit tödlichen Konsequenzen und könnten demokratische Prinzipien gefährden. Anthropic erklärt sich zwar bereit, die Zusammenarbeit fortzusetzen, lehnt es aber ab, seine Software für die «Massenüberwachung im Inland» oder in vollautonomen Waffensystemen einsetzen zu lassen.

Ein persönliches Treffen zwischen Amodei und Verteidigungsminister Pete Hegseth verschärfte die Spannungen weiter, wie die «Washington Post» berichtet. Regierungsvertreter argumentieren, über den Einsatz militärischer Technologie müsse letztlich der Staat entscheiden – nicht private Firmen.

Machtfrage zwischen Staat und Tech-Konzernen

Der Streit gilt als richtungsweisend für die wachsende Kooperation zwischen Technologiebranche und Militär. Anthropic arbeitet seit 2024 an geheimen Netzwerken der US-Streitkräfte. KI-Systeme werden dort bereits für Analyse, Operationsplanung und Cyberabwehr genutzt. Gleichzeitig drängt die Regierung auf eine stärkere militärische Nutzung, während Entwickler vor ethischen Risiken warnen.

Konkret droht das Pentagon damit, Anthropic als «Sicherheitsrisiko in der Lieferkette» einzustufen. Eine solche Bewertung vergibt die US-Regierung üblicherweise an Unternehmen aus Ländern, die von den USA als Gegner betrachtet werden, schreibt die Washington Post. Träfe dies nun Anthropic, könnte das Unternehmen künftig keine Staatsaufträge mehr erhalten und einen erheblichen Reputationsschaden erleiden.

Anthropic wurde 2021 von ehemaligen Mitarbeitern des KI-Unternehmens OpenAI gegründet. Während OpenAI durch seinen Chatbot ChatGPT der breiten Öffentlichkeit deutlich bekannter ist, zielt Anthropic mit seinem Chat Claude auf Programmierer und Unternehmen ab, denen unter anderem Datensicherheit wichtig ist.

Amodei hat bislang beharrlich daran festgehalten, dass Anthropic in Bezug auf autonome Waffensysteme und Überwachung klare Grenzen setzt – eine Haltung, die ihm die Unterstützung seiner Mitarbeiter eingebracht hat und idealistischen Ingenieuren als Rekrutierungsinstrument dienen könnte, da das Unternehmen auf einen erwarteten Börsengang zusteuert.

Kritik an der Trump-Regierung kam nicht gut an

Experten sehen hinter dem Konflikt auch politische Spannungen. Führungskräfte des Unternehmens gerieten wiederholt öffentlich mit dem Weissen Haus aneinander. So kritisierte Anthropic zentrale KI-Positionen der US-Regierung. Amodei missbilligte die Bestrebungen der Trump-Regierung, den Export amerikanischer KI-Chips nach China zu ermöglichen. Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos verglich er diese Politik mit dem «Verkauf von Atomwaffen an Nordkorea».

«Es schwingt die unterschwellige Botschaft mit, dass Anthropic nicht mit der MAGA-Agenda übereinstimmt», sagt Steven Feldstein, Senior Fellow bei der Carnegie Endowment, der den Einsatz von KI im Krieg erforscht, der Washington Post. «Dies ist ebenso sehr ein politischer Kampf wie eine Frage des militärischen Einsatzes.»

Experten zufolge könnte der Ausgang des Konflikts die Entwicklung der wachsenden Beziehung zwischen der KI-Branche und dem US-Militär massgeblich beeinflussen und anderen führenden Unternehmen signalisieren, dass der Preis für eine Zusammenarbeit mit dem Pentagon im Verlust der Kontrolle über ihre Innovationen liegen könnte, so die Analyse der Zeitung.

KI beeinflusst Entscheidungen von Menschen

Unstrittig bleibt bislang nur ein Punkt: Entscheidungen über den Einsatz von Atomwaffen sollen weiterhin Menschen treffen. Dennoch könnte KI künftig Zielauswahl, Bedrohungsanalyse und Reaktionsgeschwindigkeit ausschlaggebend beeinflussen – und damit indirekt über Leben und Tod mitentscheiden.

Auch in einer kürzlich am King’s College London durchgeführten Atomkriegssimulation sprachen sich viele führende Sprachmodelle, darunter Versionen von ChatGPT, Claude und Googles Gemini, schnell für den Abschuss von Atomsprengköpfen aus.

Dies könnte die Entscheidung eines Menschen zum Abschuss beeinflussen, so Paul Dean, Vizepräsident des globalen Nuklearprogramms der gemeinnützigen Nuclear Threat Initiative gegenüber der Washington Post. «Es geht nicht einfach nur darum sicherzustellen, dass ein Mensch in den Entscheidungsprozess eingebunden ist», sagt Dean. «Die Frage ist vielmehr, inwieweit KI diese menschliche Entscheidungsfindung beeinflussen wird.»

mit Agenturmaterial

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