Kim Jong Un auf Geheim-Besuch in China?

AP

27.3.2018 - 04:48

War Kim Jong Un in Peking? Vieles deutet darauf hin. Ein Sonderzug aus Nordkorea - und ein grosser Empfang, den sonst nur Staatsgäste geniessen. Konnte Peking von dem hohen Besucher erfahren, unter welchen Bedingungen Nordkorea seine Atomwaffen aufgeben will?

Spekulationen über einen Geheimbesuch von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in Peking haben Hoffnungen auf neue Bewegung im Atomkonflikt mit Pjöngjang geweckt. Chinas Aussenministerium wollte die Visite «gegenwärtig» nicht bestätigen, unterstrich aber, dass Peking alle Bemühungen für eine Beseitigung der Atomwaffen von der koreanischen Halbinsel unterstütze.

Die US-Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete unter Hinweis auf drei Personen, die über den Besuch Bescheid wüssten, dass es sich bei dem mysteriösen hohen Gast aus Nordkorea tatsächlich um Machthaber Kim Jong Un handele.

Hat Kim in diesem Zug Peking verlassen?
Bild: Reuters

Überraschend kurze Visite

Es wäre das erste Mal seit seinem Amtsantritt als Führer 2011, dass Kim Jong Un sein Land verlassen und China besucht hätte. Schon sein Vater Kim Jong Il hatte 2010 und 2011 ähnliche Geheimbesuche mit dem Zug in China gemacht, die erst nach seiner Rückkehr bestätigt wurden. Er fuhr immer mit der Bahn, weil er Angst vorm Fliegen hatte. Ob der Sohn auch Flugangst hat oder aus Sicherheitsgründen und der Furcht vor einem Attentat in der Luft lieber mit dem Zug fährt, war unklar.

Der Besuch dauerte nur rund 24 Stunden. Der dunkelgrüne Sonderzug, der am Montag eingetroffen war, verliess Peking am Dienstagnachmittag wieder. Es gab strenge Sicherheitsmassnahmen am Bahnhof und um das Staatsgästehaus Diaoyutai, wo der hohe Gast aus Nordkorea übernachtet hatte. Für seinen Konvoi mit einer Staffel von weissen Motorrädern waren die Strassen abgesperrt worden. Eine Ehrengarde hatte den hohen Besucher am Vortag am Bahnsteig empfangen. Einen solchen Aufwand betreibt Chinas Protokoll normalerweise nur bei Staatsgästen.

Wenn es sich bei dem Besucher tatsächlich um Kim Jong Il gehandelt hat, wäre es der vorläufige diplomatische Höhepunkt in dem Streit über das Atomwaffen- und Raketenprogramm Nordkoreas. Nach seiner überraschenden Annäherung an Südkorea fasst Nordkoreas Machthaber voraussichtlich im April und Mai Gipfel mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In sowie mit US-Präsident Donald Trump ins Auge. Am Donnerstag sind vorbereitende Gespräche mit Südkorea geplant.

Angespanntes Verhältnis

In der Gipfeldiplomatie stand der grosse Nachbar China bisher etwas aussen vor. Beide Länder pflegen eigentlich traditionell freundschaftliche Beziehungen, aber das Verhältnis ist wegen der nordkoreanischen Atom- und Raketentests sehr angespannt. Peking setzt die im Weltsicherheitsrat beschlossenen Sanktionen der Vereinten Nationen gegen seinen Nachbarn verstärkt um, was in dem verarmten und isolierten Land zu Engpässen führt.

Beobachter spekulierten, dass Nordkoreas Machthaber vielleicht eine Lockerung der Sanktionen bewirken und sich in China Schützenhilfe für seine diplomatischen Bemühungen holen will. «Er braucht dringend Unterstützung», sagte ein Diplomat. «Besonders wenn der Gipfel mit Trump platzt, dann wächst wieder die Wahrscheinlichkeit, dass es auf eine militärische Lösung zuläuft.» Dann brauche Kim Jong Un die Chinesen, um mässigend auf die USA einzuwirken.

«Vor dem Gipfel mit Trump braucht Kim Jong Un ein Faustpfand», sagte der kritische chinesische Historiker Zhang Lifan. Nordkoreas Machthaber müsse sich mit Chinas Führung treffen, um sein Gewicht in den Verhandlungen mit den USA zu erhöhen. Umgekehrt könne ihn auch China brauchen. Angesichts eines drohenden Handelskrieges mit den USA könne Peking jetzt Nordkorea «als Druckmittel» benutzen.

Ob Kim Jong Un aber wirklich seine Atomwaffen aufgeben will, ist zweifelhaft. «Ohne Atomwaffen ist er nichts», sagte Zhang Lifan. «Wenn er sie aufgeben soll, muss er bekommen, was er will.» Wenn er tatsächlich China besucht habe, wäre das ein Hinweis, dass der junge Machthaber Vertrauen zur Führung in Peking gewonnen habe. «Er wäre dann zuversichtlich, dass China sich nicht traut, ihn aufzugeben, ihn zu stürzen oder ihn in seine Gewalt zu nehmen.»

Beobachter sahen in einem Besuch von Kim Jong Un vor den geplanten Gipfeln eine gute Gelegenheit für Peking, um auszuloten, wie ernst es der Machthaber mit der geforderten Denuklearisierung nimmt. Indem sich Kim Jong Un wieder dem grossen Nachbarn zuwendet, rückt Peking auch erneut ins Zentrum der diplomatischen Bemühungen. Schon bei den 2009 abgebrochenen Sechs-Parteien-Gesprächen mit Nordkorea, den USA, Südkorea, Japan und Russland war China der Vermittler.

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