Analyse

Ein Mann, zwei Meinungen.

Kommt es in der Ukraine zum Krieg?
Das spricht dafür – und das dagegen

Kein Krieg

Two white  doves ascend between  umbrellas in front of the town hall in Frankfurt, Germany, Monday, Oct. 2, 2017. The pigeons come from a wedding couple and fly back to their owner in a nearby small city. (AP Photo/Michael Probst)

Die Sicht des

Optimisten

Natürlich schreibt mein pessimistisches Alter Ego, dass es Krieg gibt: Die Zeichen haben sich zuletzt zwar verdichtet. Aber so schnell schiessen die Russen nicht.

Die USA warnen Europa davor, dass Russland die Ukraine angreifen könnte. Das war Mitte November. Eine Invasion steht kurz bevor – das sagte Joe Biden im Dezember. Im Januar weist Washington darauf hin, dass eine Attacke «unmittelbar» bevorstünde. Und jetzt im Februar ist es fünf vor zwölf. Immer noch? Oder schon wieder?

Es kommt einem langsam vor, als wäre man beim Hirtenjungen und dem Wolf. Und wenn einer immer wieder Alarm schlägt, dann aber doch nichts kommt, muss sich niemand wundern, wenn niemand mehr so richtig reagieren mag.

Ja, Russland hat eine Menge Truppen an der Grenze, aber das nun auch schon seit April 2021. Und auch damals wurde schon gewarnt, Russland falle demnächst über seinen Nachbarn her. Passiert ist aber nichts. Ähnlich wie auch jetzt.

Der Preis wäre zu hoch

Was gegen eine russische Invasion spricht, ist der hohe Preis – in doppelter Hinsicht: Zum einen würde ein Angriff eine Reaktion der Nato nach sich ziehen. Wahrscheinlich würde das Bündnis in diesem Falle seine Präsenz in Osteuropa deutlich erhöhen.

Im Gegenzug wäre der Kreml gezwungen, selbst mehr Soldaten im Westen des Landes zu stationieren. Eine rund 120'000 Mann starke Armee, so, wie sie jetzt an der Grenze zur Ukraine steht, würde zum Normalfall werden – und das kostet kräftig.

Auf der anderen Seite wäre da der Effekt neuer Sanktionen des Westens. Nord Stream 2 könnte Wladimir Putin im Falle einer Invasion grad vergessen, doch was vielleicht noch schwerer wiegen würde als der Wegfall eines Absatzmarktes für Energie, sind die persönlichen Sanktionen, die dem russischen Präsidenten und seiner Entourage in Aussicht gestellt worden sind.

A Ukrainian soldier poses for a photo as he sits in a fighting position on the line of separation from pro-Russian rebels, near Donetsk, Ukraine, Monday, May 3, 2021. (AP Photo/Felipe Dana)
Ein ukrainischer Soldat an der Front im Donbass.
AP

Bauen auf die Diplomatie

All jene, die unter Wladimir Putin reich geworden sind, haben ihr Geld angelegt – oft genug im Ausland. Wenn, wie angedroht, die Machtclique um den Kreml herum selbst mit Sanktionen belegt würde, wären äusserst empfindliche finanzielle Verluste die Folge.

Und neben den Technokraten muss sich Moskau auch fragen, was das eigene Volk eigentlich von einem Krieg halten würde. Putin hat «tatsächlich Angst» vor einem Krieg, glaubt zum Beispiel Michail Chodorkowski, der im Londoner Exil lebende frühere Öl-Magnat.

«Derzeit ist die Opposition in Russland durch Verhaftungen, Druck auf Familien und Weiteres auf ein Minimum reduziert», begründet er das bei «Sky News». «Aber das heisst auch, dass oppositionelle Meinungen mehr in den Untergrund gerückt sind. Putin weiss also nicht, wie die Gesellschaft reagieren würde. Er weiss nicht, wie stark die Gegenbewegung wäre.»

Nicht zuletzt hat Putin gerade beim Treffen mit Emmanuel Macron selbst davor gewarnt, dass es «keine Gewinner» geben werde, wenn es zum Krieg mit der Ukraine käme. Nach dem Besuch des französischen Präsidenten gibt es wohl eine neue Basis für Verhandlungen: «Ich sehe, dass wir die Sorge darüber teilen, was in der Sicherheitssphäre Europas passiert», so Putin. Darauf kann man aufbauen.

Philipp Dahm, Auslandredaktor und Friedenstaube

Krieg

In this photo taken Thursday, April 23, 2015, a sparrow hawk looks up after catching a pigeon on a falcon farm, near the northern Serbian town of Coka. Most of the birds end up in the Emirates which has a long tradition of falconry. The sport involves trained birds that typically circle above the falconers and take high-speed dives at flushed prey such as grouse. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Die Sicht des

Pessimisten

Niemand will Krieg – weder die Friedenstaube noch der Falke in mir. Doch mein Alter Ego sollte mal in der Realität ankommen – und in der stehen leider alle Zeichen auf Sturm.

Es ist eine Invasion mit Ansage – und das wirkt unwirklich. Aber wie war das noch gleich im Jahr 2014? Da wurden in Kiew im Februar Demonstranten niedergemäht, bis der damalige Machthaber Wiktor Janukowytsch ins Exil nach Russland floh. Auch damals hatte Moskau Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen.

Auch damals sagte Wladimir Putin, er werde das Nachbarland nicht angreifen. Dann entfernten seine Soldaten kurzerhand ihre Hoheitsabzeichen und machten sich auf, die Flughäfen auf der Krim und wichtige Knotenpunkte zu besetzen.

Viele Warnzeichen gab es damals nicht, doch ein Punkt waren die russischen Medien: Sie begannen kurz vor der Invasion, das Volk auf den Konflikt vorzubereiten – ähnlich wie auch jetzt: Drei Kreml-nahe TV-Sender in Russland haben angefangen, von Krieg zu sprechen.

Moskau hat sich abgesichert

Wladimir Putin will unbedingt verhindern, dass sich die Ukraine nach Westen orientiert. Was soll ihn aufhalten? Gar die Drohung von Sanktionen, die – analog zu den unendlichen Weiten des Weltraums – «nie ein Mensch zuvor gesehen hat»? Wohl kaum.

Moskau hat sich bereits abgesichert – und gerade erst mit Peking bei den Olympischen Spielen einen Deal mit einer Laufzeit von 30 Jahren gemacht: Russland verkauft China Gas über eine neue Pipeline – und abgerechnet wird das Ganze nicht in Dollar, sondern in Euro.

Gleichzeitig hat Gazprom den Durchfluss durch die Ukraine bereits um 57 Prozent gesenkt – ein Schelm, wer daraus den baldigen Ausbruch von Feindseligkeiten herausliest. Ein anderes kleines, aber verunsicherndes Detail: Anfang Februar hat Moskau die Ammoniumnitrat-Ausfuhr verboten, das einerseits zwar für die Herstellung von Dünger-, andererseits aber auch für die von Sprengstoff gebraucht wird.

In this photo provided by the Russian Defense Ministry Press Service on Tuesday, Jan. 25, 2022, a Russian soldier attends a military exercising at the Golovenki training ground in the Moscow region, Russia. (Russian Defense Ministry Press Service via AP)
Ein russischer Soldat beim Training nahe Moskau.
AP

Das Zeitfenster schliesst sich

Das Exportverbot gilt für zwei Monate – und wenn im April die Temperaturen in Europa steigen, kann Wladimir Putin auch keinen Druck mehr machen, indem er den Gashahn auf- oder zudreht. So ein Zufall! Oder halt doch nicht?

Die Chancen für den Kreml werden nie mehr so gut stehen. Die USA haben sich von ihrem Pazifik-Abenteuer ablenken lassen, die Ukraine noch nicht so hochgerüstet, wie sie es in zwei Jahren sein wird. Und Europa ist immer noch nicht vorbereitet.

Im Gegenteil: Durch seinen Kumpel Viktor Orban kann Wladimir Putin die Nato und EU sogar ausbremsen. Das hat sich gerade gezeigt, als Ungarn durch ein Veto dafür gesorgt hat, dass Kiew keinen Zugang zum Cybersecurity-Zentrum der Nato bekommt. Eine umfassende Internetattacke würde mit einer russischen Invasion natürlich einhergehen.

Am 10. Februar beginnen Minsk und Moskau ihr Manöver in Belarus. Russland hatte angekündigt, es seien weniger als 13'000 Soldaten involviert. Die Nato spricht von 30'000 Militärs. Wladimir Putin verspricht, er plane keine Invasion. Es erinnert alles frappierend an die Situation im Jahr 2014. Das Zeitfenster schliesst sich – und die Geschichte, ist zu befürchten, wiederholt sich.

Philipp Dahm, Auslandredaktor und Falke