Krieg und Karaoke am Detroit River Werden aus den Nachbarn Kanada und USA Feinde?

SDA

29.3.2025 - 09:10

Ein Bild vom 9. Februar 2022: Kanadierinnen und Kanadier protestieren auf der Ambassador Bridge zwischen den USA und Kanada gegen Pandemie-Restriktionen. Die Brücke verbindet die Orte Windsor und Detroit. 
Ein Bild vom 9. Februar 2022: Kanadierinnen und Kanadier protestieren auf der Ambassador Bridge zwischen den USA und Kanada gegen Pandemie-Restriktionen. Die Brücke verbindet die Orte Windsor und Detroit. 
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Eine Reportage aus dem Grenzgebiet zwischen Kanada und den USA zeigt einen Riss zwischen den eigentlich so eng befreundeten Ländern: Zunächst gibt es nur einen Handelsstreit, doch auch Krieg wird schon thematisiert.

Keystone-SDA

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Eine Reportage fühlt den Puls im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada bei Detroit, Michigan.
  • «Wir würden sie bekämpfen»: Sogar über Krieg sinniert ein kanadischer Gemeindepräsident.
  • Nachtleben an der Grenze: Nervosität liegt in der Luft. 
  • Deshalb gefährdet Trumps Zollpolitik die Wirtschaft in der Grenzregion.
  • US-Schnaps ist aus den Geschäften verschwunden.

In Kanada bekommt man dieser Tage eine überraschend ernste Antwort auf eine eigentlich absurde Frage: Was tun, wenn Amerika einen Krieg beginnt? «Wir würden sie bekämpfen», sagt Drew Dilkens, der Gemeindepräsident von Windsor, Ontario – Kanadas wichtigster Grenzstadt zu den USA.

«Wir würden mit allem, was wir haben, hart kämpfen», sagt Dilkens. Durch das Fenster seines Büros kann er die mächtigen Türme der US-Autometropole Detroit sehen. Seit über 100 Jahren sind die Städte eng und freundschaftlich verbunden, doch Annexionsdrohungen von US-Präsident Donald Trump machen das Undenkbare in Windsor nun greifbar.

Das kanadische Windsor (rot markiert), Ontario,  liegt gleich neben Detroit, Michigan.
Das kanadische Windsor (rot markiert), Ontario,  liegt gleich neben Detroit, Michigan.
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«Wir wissen, dass sie militärisch stärker sind. Und wir hoffen, dass wir Verbündete auf der Welt haben, die uns unterstützen würden», sagt Dilkens lächelnd, er will Zuversicht zeigen. Trump hat einen Handelskrieg begonnen, wohl auch um Kanada mürbe zu machen. Die Töne waren zuletzt versöhnlicher, doch die nächste Eskalation könnte kommende Woche folgen.

Einen «Tag der Befreiung» hatte Trump den 2. April zuletzt genannt, an dem er eine Reihe von Entscheidungen über Zölle verkünden will. Bereits am 26. März wurden Sonderabgaben in Höhe von 25 Prozent auf weltweite Autoimporte in die USA verhängt. Zudem gelten Zölle gegen China sowie auf Stahl- und Aluminium weltweit.

Kanada als 51. Bundesstaat

Trump will damit eigenen Angaben zufolge produzierende Jobs zurückbringen und unfaire Handelsbilanzen ausgleichen. Viele Experten befürchten dagegen Chaos und Verluste. Der Handelsstreit mit den nordamerikanischen Nachbarn Mexiko und Kanada hatte an den US-Börsen und in den Ländern für Turbulenzen gesorgt.

Trump hatte zunächst 25 Prozent Sonderzölle auf alle Waren angekündigt, diese dann aber ausgesetzt, einige Wochen später wieder eingesetzt – um sie kurz darauf erneut teilweise auszusetzen. Momentan gelten bis Anfang April keine Strafabgaben auf Einfuhren unter dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen USMCA.

Laut Washington fallen etwa 38 Prozent der Einfuhren aus Kanada unter das Abkommen. Kanada droht mit Gegenzöllen. Zuletzt zeigten sich beide Seiten bemüht, eine Lösung am Verhandlungstisch zu finden. Doch die Drohkulisse bleibt. Auch weil Trump im Zuge des Zollstreits immer wieder davon gesprochen hat, Kanada zum 51. Bundesstaat der USA machen zu wollen.

Werden aus Nachbarn Feinde?

Was als vermeintlicher, spöttischer Witz begann, nehmen mittlerweile viele ernst. In der Region der Grossen Seen, wo Michigan an Ontario grenzt, wurde das Gezerre zur Zerreissprobe.

Zehntausende Jobs sind gefährdet, nicht nur in der eng verflochtenen Autoindustrie. Über die berühmte Ambassador Bridge fahren täglich Waren von rund 285 Millionen Franken – über ein Viertel des Handels beider Länder.

Doch auch die von Trump provozierte Feindseligkeit zwischen Nachbarn und Freunden geht an die Substanz. In die Fabrik des Autobauers Stellantis im kanadischen Windsor würde das Weisse Haus rund 170 Mal passen. Drinnen laufen Chrysler-Modelle vom Band, draussen strömen die Arbeitenden durch Drehkreuze in den Feierabend.

Kaum jemand will mit dem Reporter sprechen. Nur einer hält kurz an – er freut sich über den Besuch aus Europa. Ja, über den Zollstreit spreche er mit den Kollegen natürlich, ruft er über den Lärm. «Aber es gibt nichts, was ich tun kann.» Die Entscheidungen fälle jemand anderes – dabei zeigt er mit seinem Finger nach oben.

Scham und Wut in der Grenzregion

Auf der US-Seite der Grenze reden vor allem diejenigen, die sich für das Verhalten ihres Präsidenten schämen. Man sei die Lachnummer Europas, schimpft die Mitarbeiterin einer Autovermietung am Flughafen. Touristinnen und Touristen könnten das Land meiden – und Leute ihre Jobs verlieren.

Luka Backus mixt Cocktails im Zentrum des einst glamourösen Detroit – heute Symbol für Verfall, Wandel und Neuerfindung. Backus' Bar ist hip, die Drinks starten bei 20 Dollar. Am Wochenende sei es noch voll, unter der Woche hingegen leer. «Mittwochs und donnerstags ist es wie ausgestorben», sagt er. Die Leute seien nervös, sparten – auch beim Trinkgeld. «Es trifft uns hart.»

Spendabel zeigte sich ein Paar, das auf der kanadischen Seite des Detroit River das Restaurant «Toast» in Windsor betrat. «Sie erzählten uns, dass sie aus den USA kommen und Kanadier lieben», erzählt Restaurant-Mitbesitzerin May Hermiz. «Sie sagten, nicht alle Amerikaner liebten Trump, und sie wollten ihre Wertschätzung und ihre Liebe zu Kanada zeigen.»

US-Schnaps aus den Geschäften verschwunden

So hätten sie die 1000-Franken-Rechnung für das gesamte Lokal gefordert, für etwa 70 Personen. «Alle applaudierten und jubelten ihnen zu, und sie gingen auf sie zu und umarmten sie», sagt Hermiz. Es sei ein Moment des Zusammenhalts gewesen, herzerwärmend «trotz all der Spaltungen».

Im Grenzgebiet liegt Nervosität in der Luft – einige sind verlegen, die anderen wütend. Die Kanadier lassen ihre Flagge aus Autofenstern wehen, ein Zeichen ihres neuen Zusammenhalts und Stolzes. US-Schnaps ist aus den Geschäften verschwunden.

Patriotisches Sortiment: eine Boutique namens Whiskeyjack in Windsor, Ontario, am 4. März.
Patriotisches Sortiment: eine Boutique namens Whiskeyjack in Windsor, Ontario, am 4. März.
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Erin Hawkins macht ihrem Ärger lautstark Luft. Es ist 00.23 Uhr am Montagmorgen, als sie im Pub Villains in Downtown Windsor ans Mikrofon tritt. Es ist Karaoke-Abend, aus den Boxen dröhnt «I will survive», doch Hawkins hat ihren eigenen Text mitgebracht.

«Jetzt stehen wir zusammen, eure Zölle haben uns stark gemacht», singt Hawkins zur Melodie des Hits von Gloria Gaynor. Und weiter: «Es gibt nicht die geringste Chance, dass wir euer 51. Bundesstaat werden». Der Karaoke-Klassiker mündet in einem entschlossenen: «We will survive!».


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