Verdacht auf fahrlässige TötungKapitän nach Schiffskollision in der Nordsee festgenommen
AFP / dpa
12.3.2025
Nach Schiffsunglück in Nordsee: Kapitän festgenommen - Gallery
Rauch auf dem Frachtschiff «Solong».
Bild: dpa
Die «Solong» treibt in der Nordsee.
Bild: dpa
An der «Stena Immaculate» sind deutliche Schäden zu erkennen.
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Nach Schiffsunglück in Nordsee: Kapitän festgenommen - Gallery
Rauch auf dem Frachtschiff «Solong».
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Die «Solong» treibt in der Nordsee.
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An der «Stena Immaculate» sind deutliche Schäden zu erkennen.
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Verdacht auf fahrlässige Tötung: Nach dem Schiffsunglück vor der britischen Nordseeküste wurde eine Person festgenommen. Was über die Kollision bislang bekannt ist.
AFP / dpa
12.03.2025, 06:10
12.03.2025, 06:13
Maximilian Haase
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Wegen eines Schiffsunglücks läuft vor der britischen Nordseeküste ein Grosseinsatz.
Bei dem Unglück am Montag war das in Portugal registrierte Containerschiff «Solong» mit Tanker «Stena Immaculate» kollidiert.
Eine Person wurde wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung festgenommen.
Nach einer Schiffskollision in der Nordsee hat die britische Polizei Ermittlungen eingeleitet und einen Verdächtigen festgenommen. Gegen den 59-jährigen Mann bestehe der Verdacht der grob fahrlässigen Tötung im Zusammenhang mit der Kollision, teilten die Behörden am Dienstag mit.
Die deutsche Reederei Ernst Russ bestätigte der BBC, dass es sich um den Kapitän des Containerschiffs «Solong» handele. Ein Polizeisprecher sagte der BBC zufolge, gegen den Mann werde wegen grober Nachlässigkeit im Zusammenhang mit der Kollision ermittelt. Weitere Angaben machte die zuständige Humberside Police zunächst nicht.
Bei dem Unglück am Montag war das in Portugal registrierte Containerschiff «Solong» mit toxischen Chemikalien an Bord mit dem mit Flugzeugtreibstoff für das US-Militär beladenen Tanker «Stena Immaculate» kollidiert. Beide Schiffe fingen Feuer. Flugzeugtreibstoff aus einem beschädigten Tank lief in die Nordsee.
Die Küstenwache erklärte am Dienstag, die «Solong» stehe noch immer in Flammen, der Brand an Bord der «Stena Immaculate» sei dagegen stark zurückgegangen. Insgesamt 36 Besatzungsmitglieder beider Schiffe waren sicher an Land gebracht worden, ein Mensch wurde medizinisch behandelt. Ein Seemann wurde vermisst, die Suche wurde am Montagabend eingestellt. Der britische Unterstaatssekretär Mike Kane bestätigte, dass vom Tod des Besatzungsmitglieds der «Solong» ausgegangen werde.
Warum der Frachter «Solong» der Hamburger Reederei Ernst Russ AG gegen den vor Anker liegenden Öltanker «Stena Immaculate» prallte, ist noch unklar. Was bislang über die Schiffskollision bekannt ist:
Nach der Kollision zweier Schiffe in der Nordsee wurde der Kapitän des Containerschiffs festgenommen.
Bild:Keystone/AP/Denys Mezentsev
Der Unfallhergang
Die 183 Meter lange «Stena Immaculate» lag rund 15 Kilometer vor der nordostenglischen Hafenstadt Hull vor Anker, als sie nach Angaben ihres in Florida ansässigen US-Betreibers Crowley Maritime am Montag von dem 140 Meter langen Frachtschiff «Solong» gerammt wurde. Der Alarm wurde um 09.48 Uhr Ortszeit (10.48 Uhr MEZ) ausgelöst.
Infolge der Kollision brach ein Grossbrand aus, der beide Schiffe erfasste. Laut Crowley Maritime hatte die «Stena Immaculate» rund 220'000 Barrel Flugkraftstoff geladen, laut Pentagon war das Schiff vom Military Sealift Command der US-Armee gechartert worden. Die Kollision habe den Kerosintank zum Bersten gebracht, teilte Crowley Maritime mit. Ausserdem gebe es Berichte über auslaufendes Öl.
Nach «zahlreichen Explosionen an Bord» verliess die Besatzung der «Stena Immaculate» den Tanker, wie Crowley Maritime weiter berichtete. Insgesamt 36 Besatzungsmitglieder beider Schiffe wurden an Land gebracht. An dem Rettungseinsatz waren laut Küstenwache ein Flugzeug, Rettungsboote mehrerer Küstenstationen sowie andere Schiffe beteiligt.
Stena Bulk, der schwedische Eigentümer der «Stena Immaculate», teilte mit, dass die gesamte Besatzung des Tankers überlebt habe. Von der unter portugiesischer Flagge fahrenden «Solong» wurden 13 Besatzungsmitglieder an Land gebracht. Die Suche nach einem vermissten Besatzungsmitglied wurde laut Küstenwache in der Nacht zum Dienstag eingestellt. Die britische Regierung geht nach eigenen Angaben davon aus, dass der Mann tot ist.
Der «Solong»-Reeder Ernst Russ dementierte am Dienstag Angaben der auf Seetransporte spezialisierten Website «Lloyd's List Intelligence» vom Vortag, der Frachter habe 15 Container leicht entflammbares Natriumcyanid geladen. An Bord befänden sich lediglich vier leere Container, die in der Vergangenheit zum Transport der Chemikalie verwendet worden seien.
Infolge des Unfalls setzte der Hafenbetreiber Associated British Ports (ABP), der auch für die nahegelegenen Häfen Hull und Immingham zuständig ist, den gesamten Schiffsverkehr in der in die Nordsee führenden Humber-Mündung aus.
Auf Bildern von der Unglücksstelle waren Flammen und dichter schwarzer Rauch zu sehen. Die Einsatzkräfte waren am Dienstag weiter mit der Brandbekämpfung beschäftigt. Der Brand auf der «Stena Immaculate» sei «stark eingedämmt» worden, erklärte die Küstenwache. Die «Solong», die sich von dem Tanker gelöst habe und südwärts drifte, stehe weiter in Flammen.
Der niederländische Schifffahrtsdienstleister Boskalis, der nach eigenen Angaben mit der Bergung der «Stena Immaculate» beauftragt wurde, teilte der niederländischen Nachrichtenagentur ANP mit, es seien vier für das Löschen von Bränden einsetzbare Schiffe auf dem Weg an den Unglücksort. Der Öltanker müsse zunächst heruntergekühlt werden, bevor der Brand gelöscht werden könne.
Vom deutschen Havariekommando traf das Mehrzweckschiff «Mellum» mit Technik zur Brandbekämpfung sowie zur Aufnahme von Öl am Unglücksort ein. Ausserdem startete vom niedersächsischen Marinefliegerstützpunkt Nordholz ein Überwachungsflugzeug, das Chemikalien an der Wasseroberfläche finden kann.
Folgen für die Umwelt
Der Greenpeace-Wissenschaftler Paul Johnston erklärte vor dem Natriumcyanid-Dementi von Ernst Russ mit Blick auf die Ladung der Schiffe, seine Organisation sei «extrem besorgt über die vielfältigen toxischen Gefahren, die diese Chemikalien für das Meeresleben darstellen könnten». Offenbar sei Kerosin in der Nähe eines Gebiets ins Wasser gelangt, in dem Schweinswale ihre Kälber grossziehen.
Ivan Vince von der auf Beratung zu Umweltrisiken spezialisierten Firma ASK Consultants sagte, die «gute Nachricht» sei, dass das auslaufende Kerosin das Meer nicht dauerhaft verschmutze wie Erdöl. «Das meiste davon wird ziemlich schnell verdunsten, ziemlich schnell von Mikroorganismen zersetzt werden», sagte der Experte. Allerdings werde das Kerosin Fische und andere Lebewesen töten.
Verkehrsstaatssekretär Mike Kane sagte vor dem britischen Parlament, derzeit gebe es «keine Anzeichen für eine Verschmutzung» der Nordsee durch die beiden Schiffe.
Mögliche Ursachen
Laut David McFarlane von der Schifffahrtsberatungsgesellschaft Maritime Risk and Safety gibt es weltweit jährlich etwa 200 bis 300 Schiffskollisionen. Bei den meisten handele es sich nur um leichte Zusammenstösse im Hafen. In der Nordsee gibt es zwar viel befahrene Schifffahrtsrouten, Unfälle kommen dennoch relativ selten vor.
Die Schifffahrtsregeln besagen, dass alle Schiffe «zu jeder Zeit» Ausschau nach anderen Schiffen und möglichen Hindernissen halten müssen. «Und hier ist eindeutig etwas schiefgelaufen, denn wenn es eine ordentliche Ausschau gegeben hätte, hätte diese Kollision vermieden werden können», sagte MacFarlane AFP.
Sobald die Brände gelöscht sind, werden die Ermittler auf beiden Schiffen nach den Rekordern suchen, die Daten der Schiffsaktivität aufzeichnen - ähnlich der Blackbox bei Flugzeugen. Darauf müssten sowohl Daten des Schiffsradars als auch Aufnahmen der Stimmen der Besatzungen auf der Brücke zu finden sein. Damit könnten Ermittler feststellen, ob und wie die beiden Schiffsmannschaften vor dem Unglück miteinander kommunizierten, erklärte McFarlane.
Ein Sprecher des britischen Premierministers Keir Starmer erklärte am Dienstag, derzeit gebe es keine Hinweise, dass das Unglück böswillig herbeigeführt worden sei. Die britische Behörde zur Untersuchung von Schiffsunfällen entsandte nach eigenen Angaben ein Team, um Beweise zu sammeln und die «nächsten Schritte» zu prüfen. Laut dem britischen Staatssekretär Matthew Pennycook sind allerdings die Behörden der USA und Portugals für die Aufklärung der Unglücksursache zuständig, da die Schiffe unter deren Flaggen führen.