Massaker von Mai-Kadra bleibt im Schatten

AP/toko

15.12.2020 - 00:00

A Tigrinyan refugee woman who fled Ethiopia's conflict, plays with her on-year-old niece after her arrival from Village 8, the transit center near the Lugdi border crossing, at Umm Rakouba refugee camp in Qadarif, eastern Sudan, Sunday Dec. 13, 2020. Convoys carrying over 500 Tigrinyan refugees arrived in Umm Rakouba, the only official refugee camp on Sunday. (AP Photo/Nariman El-Mofty)
Eine Frau, die vor dem Konflikt in der Region Tigray in Äthiopien geflohen sind, spielt mit ihrer einjährigen Nichte nach ihrer Ankunft im Flüchtlingslager Umm Rakouba.
AP Photo/Nariman El-Mofty/Keystone

Hunderte Menschen sollen in Mai-Kadra in der umkämpften äthiopischen Region Tigray grausam getötet worden sein. Wer die Angreifer waren und wer die Opfer, darüber gehen die Berichte auseinander.

Dass viele, viele Menschen in Mai-Kadra grausam getötet wurden, darin sind sich die Überlebenden einig. Dann enden aber die Übereinstimmungen in den Berichten. Bei der Frage, wer für das Massaker in der nordäthiopischen Region Tigray Anfang November verantwortlich war, gehen die Darstellungen auseinander. Augenzeugen berichten jeweils von schrecklichen Übergriffen von Sicherheitskräften und deren Verbündeter.

Mit Macheten und Messern seien Bewohner von Mai-Kadra erstochen oder mit Stricken stranguliert worden. Der Leichengeruch habe tagelang über der Stadt nahe der Grenze zum Sudan gelegen, während die Gefechte zwischen Truppen der äthiopischen Zentralregierung und der Tigray-Regionalregierung Fahrt aufnahmen. Die Kämpfe fanden nahezu ungesehen von der Weltöffentlichkeit statt, die Kommunikationswege lagen brach.

Berichte von Toten und von Massengräbern

Was aus Mai-Kadra nach aussen drang und dringt, sind Bruchstücke, Berichte von Toten und von Massengräbern. Menschen in Mai-Kadra sagten der äthiopischen Menschenrechtskommission und Amnesty International, dass Tigray-Kämpfer und deren Verbündete Angehörige der Amhara-Volksgruppe angegriffen hätten. Die Amhara stellen eine der grössten Volksgruppen in Äthiopien, sind in der Region Tigray aber eine Minderheit. Im Sudan, wohin Zehntausende geflüchtet sind, schilderte ein Amhara-Flüchtling der Nachrichtenagentur AP Ähnliches.



Mehr als ein Dutzend Tigray-Flüchtlinge hingegen berichteten von Angriffen auf sich und ihr Umfeld und wiesen die Verantwortung für das Blutbad äthiopischen Regierungstruppen und deren Amhara-Verbündeten zu.

Möglich also, dass beide Volksgruppen angegriffen wurden, resümiert Amnesty International. Beim Bergen der Leichen habe ein Mitarbeiter berichtet, die dabei gefundenen Papiere hätten viele Tote als Amhara ausgewiesen. Tigray-Flüchtlinge berichten derweil, dass Soldaten der Zentralregierung oder Verbündete vor den Übergriffen nach ihren Ausweisen gefragt hätten. Unter den Angreifern hätten sie auch Nachbarn erkannt.

Widersprüche und Mosaiksteinchen

Er sei angehalten und gefragt worden, ob er der Tigray-Volksgruppe angehöre, sagt Samir Beyen im Flüchtlingslager im Sudan. Dann sei er geschlagen und ausgeraubt worden. Er habe ansehen müssen, wie andere mit Messern abgeschlachtet worden seien. «Es war wie das Ende der Welt», sagt er. «Sie haben alle getötet, die sie finden konnten», ergänzt Tesfaalem Germay, ein Tigray, der auch mit seiner Familie in den Sudan floh. Er habe Hunderte Leichen gesehen, sagt er.

Abebete Refe, ein Amhara, schildert hingegen der Nachrichtenagentur AP, viele Angehörige seiner Volksgruppe seien von Kämpfern aus Tigray getötet worden. Die Widersprüche und Mosaiksteinchen der Berichte sind beispielhaft für den Konflikt, auf den kaum ein Blick zu erhaschen war, seit die äthiopischen Truppen Anfang November ihre Offensive in Tigray begannen und die Region abriegelten. Auch Hilfsorganisationen und Journalisten mussten aussen vor bleiben.

Indes sind Lebensmittel und andere notwendige Güter knapp geworden, Krankenhäuser beklagen dramatische Engpässe. Aufgefüllt wird das Nachrichtenvakuum mit Propaganda: Beide Seiten ziehen das Blutbad von Mai-Kadra heran, um ihre Sache zu rechtfertigen.

Der Tigray-Konflikt eskalierte im November nach seit langem schwelenden Spannungen zwischen der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed und der in Tigray regierenden Volksbefreiungsfront TPLF. Beide Seiten erkennen sich nicht an und weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Mindestens Dutzende, wahrscheinlich aber Hunderte Menschen wurden nach Recherchen von Amnesty International in Mai-Kadra getötet. Die Menschenrechtler sichteten Fotos und Videos von Leichen und überprüften diese auf ihre Echtheit. Auch einige Gespräche mit Überlebenden flossen in die Nachforschungen ein. Was aus Mai-Kadra bekannt ist, könnte «nur die Spitze des Eisbergs» sein, befürchtet Fisseha Tekle von Amnesty International. Es seien mittlerweile andere glaubwürdige Vorwürfe von blutigen Übergriffen aufgetaucht, erklärt er. Nicht nur aus Mai-Kadra, sondern auch aus der nahe gelegenen Stadt Humera, aus Dansha oder aus der Hauptstadt Tigrays, Mekele.

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