Massenproteste schüren Angst vor neuer Corona-Welle

AP/toko

1.6.2020 - 12:51

In den USA gehen die Menschen gegen Polizeigewalt auf die Strasse, in Hongkong für Demokratie, in Paris für Arbeiterrechte. Gesundheitsbehörden fürchten leichtes Spiel für das Coronavirus.
Jim Weber/Daily Memphian/dpa

In den USA gehen die Menschen gegen Polizeigewalt auf die Strasse, in Hongkong für Demokratie, in Paris für Arbeiterrechte. Gesundheitsbehörden fürchten leichtes Spiel für das Coronavirus.

In Atlanta, wo die Proteste gegen Polizeigewalt wie in vielen anderen US-Städten hochkochen, hat die Bürgermeisterin eine klare Botschaft an die Demonstranten: «Wenn Sie gestern Abend protestierend auf der Strasse waren, dann sollten Sie diese Woche wohl einen Covid-Test machen.»

Nicht nur die Lockerungen von Ausgangsbeschränkungen, die Öffnung von Geschäften und Freizeiteinrichtungen, sondern auch Demonstrationen und Proteste quer über den Globus bereiten den Virologen Sorge. Denn sie fürchten, dass solche Massenansammlungen einer zweiten Corona-Welle Vorschub leisten.

Wie überzeugt die Menschen auch von dem Anliegen, für das sie auf die Strasse gehen, sein mögen, dürfe sich keiner in Sicherheit wiegen. «Ob sie aufgebracht sind oder nicht — das schützt sie nicht vor dem Virus», fasst Bradley Pollock von der University of California das offensichtliche Risiko zusammen.



Spence Ingram in Atlanta ist sich der Gefahr bewusst. Doch sie habe keine andere Wahl, meint die schwarze Frau. Die Warnungen der Bürgermeisterin machen sie eher wütend: «Es ist nicht ok, dass wir hier mitten in einer Pandemie auf die Strasse müssen und unser Leben riskieren», sagt Ingram. «Aber ich muss immerzu für mein Leben protestieren und um mein Leben kämpfen.»

Virus trifft Afroamerikaner besonders hart

Bürgermeisterin Keisha Lance Bottoms hat allerdings bei ihrer Warnung auch die besondere Corona-Gefährdung vieler Schwarzer im Blick. Statistiken zufolge waren in den USA Afroamerikaner überproportional betroffen. Sie leben häufiger in Armut, haben schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung, Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes sind stärker verbreitet. «Die Pandemie in den USA, die schwarze und farbige Menschen in grösserer Zahl tötet, hält an», erklärte die Stadtchefin von Atlanta.

Die Bedenken teilen die Behörden in zahlreichen anderen Ländern, unabhängig davon, wie ungelegen die Proteste ihnen ohnehin kommen. Beispiel Hongkong: Hier dürfen bis zum 4. Juni, dem Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste in Peking, eigentlich nur acht Menschen zusammenkommen. In den vergangenen Wochen demonstrierten aber trotz der Corona-Beschränkungen Tausende gegen das geplante Sicherheitsgesetz, von dem sie starke Einschnitte in die Autonomie der chinesischen Sonderverwaltungszone befürchten. Die Polizei setzte Tränengas, Pfefferspray und Gummigeschosse ein, um die Demonstranten auseinanderzutreiben.

Von Bereitschaftspolizisten festgehaltene regierungskritische Demonstranten im Zentrum von Hongkong.
Vincent Yu/AP/dpa

Auch in Paris ging die Polizei mit Tränengas gegen Demonstranten vor, die in grosser Zahl dem Aufruf von Gewerkschaften gefolgt waren. Die Kundgebung war nicht gestattet gewesen — wegen «der Gesundheitsrisiken, die eine solche Veranstaltung vermutlich darstellt», wie die Behörden erklärten.

Abstandsregeln sind meist nicht einzuhalten oder werden einfach ignoriert. Und viele Demonstranten tragen auch keinen Mund-Nasen-Schutz. Wie in vielen anderen Ländern rät die US-Gesundheitsbehörde zum Tragen der Gesichtsmasken, damit Infizierte das Virus weniger leicht verbreiten können. Die einfachen Masken sind aber nicht als Schutz für den Träger konzipiert.

Schutzmaske zur Vermummung?

Bei den Protesten bekommt die Frage der Masken zudem noch eine weitere Dimension: In Minnesota mutmasste Gouverneur Tim Walz, dass viele Demonstranten den Mund-Nasen-Schutz trügen, damit sie nicht erkennbar seien. Sie «sorgen für Verwirrung und nutzen diese Situation aus», sagte er. Die Demonstrationen in Minnesota und quer durch die USA entzündeten sich an tödlicher Polizeigewalt gegen den Schwarzen George Floyd vor einer Woche.

Die Proteste würden nahezu sicher mit steigenden Corona-Zahlen einhergehen, warnen die Gesundheitsbehörden von Minnesota. Bei mehr als sechs Millionen bestätigten Infektionen weltweit und einer vermutlich um ein Vielfaches höheren Dunkelziffer sprechen sie für viele Kollegen im In- und Ausland. «Wir haben zwei aufeinandergeschichtete Krisen, wie bei einem Sandwich», sagt der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey.


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