BND ging früh von Labor-Unfall ausMerkel und Scholz hielten wohl geheimen Corona-Bericht zurück
Andreas Fischer
12.3.2025
Ein Security-Mitarbeiter versucht im Februar 2021 vor dem Institut für Virologie in Wuhan, Journalisten am Fotografieren zu hindern: China hat die Hypothese stets zurückgewiesen, dass das Coronavirus aus dem Labor entwichen sein könnte.
Bild:Keystone/AP/Ng Han Guan
Der deutsche Geheimdienst BND hielt es bereits 2020 für sehr wahrscheinlich, dass ein Laborunfall in China die Corona-Pandemie ausgelöst hat. Das Kanzleramt hielt die Erkenntnisse aber unter Verschluss.
Brisante Erkenntnis: Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hält es für wahrscheinlich, dass ein Laborunfall im chinesischen Wuhan die Ursache der Corona-Pandemie gewesen ist. Zu dieser Bewertung kam der deutsche Auslandsgeheimdienst nach Informationen von «Süddeutscher Zeitung» und «Zeit» bereits im Jahr 2020. Das deutsche Kanzleramt soll die Befunde danach aber unter Verschluss gehalten haben.
Die BND-Analyse stützte sich den Recherchen zufolge zum einen auf eine Auswertung öffentlicher Daten. Zum anderen habe der BND auf Material zurückgreifen können, das im Rahmen einer nachrichtendienstlichen Operation mit dem Codenamen «Saaremaa» beschafft worden sei.
Dabei handelt es sich den Berichten zufolge unter anderem um wissenschaftliche Daten aus chinesischen Forschungseinrichtungen – darunter dem «Wuhan Institut für Virologie», einer der führenden chinesischen Einrichtungen für Viren-Forschung. Neben Hinweisen auf riskante Experimente, bei denen in der Natur vorkommende Viren künstlich verändert wurden, soll das Material auch zahlreiche Verstösse gegen Vorschriften für die Labor-Sicherheit nachweisen.
Kanzleramt hält brisanten BND-Bericht unter Verschluss
Den Auftrag, die Herkunft des neuartigen SARS-CoV-2-Virus zu untersuchen, hatte demnach das deutsche Kanzleramt selbst erteilt. Noch in der Regierungszeit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe BND-Präsident Bruno Kahl persönlich das Kanzleramt über die nachrichtendienstliche Operation und die Bewertung des Dienstes unterrichtet.
Die Labor-These wurde mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 95 Prozent bewertet, wie «Zeit» und «SZ» berichteten. Das Kanzleramt habe dennoch entschieden, die brisante Einschätzung unter Verschluss zu halten.
Die Bundesregierung wolle zu den Medienberichten nichts Konkretes sagen. Es sei «gute Praxis», dass sich die Regierung zu nachrichtendienstlicher Tätigkeit und Erkenntnissen nicht äussere, sagte eine Sprecherin. Sie fügte hinzu, dass die Bundesregierung im Allgemeinen «insbesondere die zuständigen geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestags in solchen Angelegenheiten» unterrichte.
Merkel schweigt
Altkanzlerin Merkel wollte sich auf Anfrage von «Zeit» und «SZ» nicht dazu äussern, ob sie von dem Vorgang Kenntnis erhielt. Der damalige Kanzleramtsminister Helge Braun und der für die Nachrichtendienste zuständige Staatssekretär, Johannes Geismann, wollten sich demnach ebenfalls nicht äussern.
Direkt nach dem Regierungswechsel von Merkel zu Olaf Scholz (SPD) hatte BND-Chef Kahl den Berichten zufolge das Kanzleramt erneut informiert. Das für die Kontrolle der Nachrichtendienste zuständige Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages sei hingegen nicht unterrichtet worden, ebenso wenig wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Externe Experten überprüfen BND-Erkenntnisse
Ende vergangenen Jahres entschied die Bundesregierung dem Bericht zufolge, externe Experten mit der Überprüfung der BND-Erkenntnisse zu beauftragten. Seit dem vergangenen Dezember prüfen demnach im Auftrag des Kanzleramts hochrangige externe Wissenschaftler die Validität der BND-Erkenntnisse. Zu der Gruppe gehörten der Präsident des Robert-Koch-Institutes, Lars Schade und der Berliner Virologe Christian Drosten. Ein abschliessendes Ergebnis liege noch nicht vor.
Die Frage der Herkunft des Virus ist bis heute ein Rätsel. Die Aufklärung wird erschwert, weil die chinesische Regierung Untersuchungen der WHO blockiert. Diese hat bereits vor Jahren alle Staaten aufgerufen, ihr zur Verfügung stehende Informationen zur Verfügung zu stellen.
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