London und Paris beschuldigen sich gegenseitig

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25.11.2021 - 18:10

Französische Polizisten patrouillieren am Strand auf der Suche nach Migranten.
Französische Polizisten patrouillieren am Strand auf der Suche nach Migranten. (Archivbild)
Louis Witter/AP/dpa

Schuldzuweisungen zwischen Paris und London dominieren den Tag nach der bislang höchsten Zahl toter Migranten im Ärmelkanal. Emmanuel Macron fordert mehr Hilfe von den europäischen Nachbarn.

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25.11.2021 - 18:10

Nach der Bootstragödie im Ärmelkanal, bei der 27 Geflüchtete ums Leben kamen, kocht der Streit um Wege zur Eindämmung der gefährlichen Überfahrten erneut hoch. London warf Paris vor, das Angebot für gemeinsame Patrouillen an der nordfranzösischen Küste ausgeschlagen zu haben.

Frankreich hielt Grossbritannien hingegen vor, die Krise überhaupt erst anzufachen. Trotz der jüngsten Tragödie und widriger Wetterverhältnisse wagten am Donnerstag weitere Menschen in kleinen und seeuntüchtigen Booten die riskante Überfahrt von Frankreich nach Grossbritannien.

27 Menschen gestorben

Erst am Mittwoch war im Ärmelkanal vor Calais ein Boot gesunken. Nach Angaben des französischen Innenministers Gérald Darmanin starben 27 Menschen, darunter Kinder und Schwangere. Die Nationalität der Toten werde noch geprüft. Zwei Überlebende aus dem Irak und Somalia würden wegen Unterkühlung behandelt.

Darmanin sagte, hinter den Schleusungen stünden Kriminelle aus Deutschland, Grossbritannien, den Niederlanden und Belgien. Nach der Festnahme von vier Verdächtigen am Tag der Tragödie sei in der Nacht zum Donnerstag ein weiterer in Gewahrsam genommen. Dieser habe Boote in Deutschland gekauft. Die Zusammenarbeit zwischen den Staaten müsse verbessert werden. Bitten Frankreichs um Informationen würden nicht immer vollständig beantwortet.

Darmanin warf Grossbritannien vor, es Migranten, die es einmal über den Ärmelkanal geschafft hätten, zu leicht zu machen, auf der Insel zu bleiben. Er legte nahe, britische Firmen ermunterten zu illegaler Zuwanderung, weil sie Menschen ohne Bleiberecht einstellten.

«Wir brauchen stärkere europäische Kooperation»

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte Frankreich am Mittwoch mangelnde Entschlossenheit vorgehalten. Es liege auf der Hand, dass die französischen Einsätze gegen Migrantenboote «nicht genug gewesen» seien, kritisierte er. Dabei habe seine Regierung im Sommer Millionen Pfund zugesagt, um mehr Polizeipatrouillien an den französischen Stränden zu finanzieren.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron betonte am Donnerstag indes, dass «es schon zu spät» sei, wenn Migranten mit der Hoffnung auf eine Überfahrt nach Grossbritannien an den französischen Küsten einträfen. Er sehe vielmehr die europäischen Nachbarländer in der Pflicht, mehr gegen illegale Migration nach Frankreich zu tun, sagte Macron bei einem Kroatien-Besuch.

Zwar setze sein Land Militärdrohnen für verstärkte Patrouillen und Rettungseinsätze für Migranten ein. Doch sei Frankreich in erster Linie «Transitland» für die Menschen mit Ziel Grossbritannien. «Wir brauchen eine stärkere Kooperation mit Belgien, den Niederlanden, Deutschland, aber auch mit den Briten und der (Europäischen) Kommission», forderte er. «Wir brauchen stärkere europäische Kooperation.»

Zahl der Migranten stark angestiegen

Unmittelbar nach der Tragödie hatten Johnson und Macron telefoniert. Sie seien sich einig, dass es «wichtig sei, alle Optionen auf dem Tisch zu behalten, um die tödlichen Überfahrten zu stoppen und das Geschäftsmodell der dahinter stehenden kriminellen Banden zu durchbrechen», teilte Johnsons Büro danach mit. Aus Macrons Büro verlautete, dass der französische Staatspräsident sich für eine sofortige Geldspritze für die EU-Grenzschutzagentur Frontex stark gemacht habe. Zudem habe Macron eine Krisensitzung europäischer Minister angeregt.

Die Zahl der Migranten, die den Ärmelkanal in kleinen Booten überqueren, ist in diesem Jahr stark angestiegen – trotz der Risiken, die sich mit dem Herbstwetter noch verschärfen. Mehr als 25'700 Menschen haben sich in diesem Jahr in kleinen Booten auf die gefährliche Reise gemacht – drei Mal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Am Donnerstag wollten britische Abgeordnete über den Andrang von Bootsmigranten beraten, Macron wollte das Gespräch mit Vertretern der EU suchen.

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