Lage an der polnischen Grenze spitzt sich zu

dpa

9.11.2021 - 06:29

Hunderte Flüchtlinge an belarussisch-polnischer Grenze

Hunderte Flüchtlinge an belarussisch-polnischer Grenze

Hunderte von Flüchtlingen haben sich auf der belarussischen Seite an der Grenze zu Polen versammelt. Sie wollen auf diesem Weg in die EU kommen. Polnische Grenzer halten sie zurück.

08.11.2021

Dem belarussischen Machthaber Lukaschenko wird vorgeworfen, gezielt Menschen aus Krisenregionen in die EU zu schleusen. Tausende sind nun an der polnischen Grenze angekommen. Die Lage spitzt sich zu.

dpa

9.11.2021 - 06:29

Nach dem jüngsten Andrang von Migranten schliesst Polen einen Grenzübergang zu Belarus. Ab 7:00 Uhr am Dienstagmorgen werde der Grenzverkehr für Waren und Personen am Übergang Kuznica eingestellt, teilte der Grenzschutz über Twitter mit.

Reisende wurden gebeten, auf die Grenzübergänge in Terespol und Bobrowniki auszuweichen – rund 230 und 70 Kilometer von Kuznica entfernt. Am Montag hatten grössere Gruppen von Migranten in der Nähe von Kuznica vergeblich versucht, die EU-Aussengrenze von belarussischer Seite aus zu durchbrechen.

Nach Erkenntnissen der polnischen Behörden halten sich gegenwärtig zwischen 3000 und 4000 Migranten im belarussisch-polnischen Grenzgebiet auf – viele kommen aus Krisengebieten wie Afghanistan und dem Irak. Auf am Montagabend in sozialen Netzwerken veröffentlichten Videos war zu hören, wie polnische Beamte Menschen in einem provisorischen Zeltlager über Lautsprecher vor illegalen Grenzübertritten in die EU warnten. Staatsnahe belarussische Medien berichteten unter Berufung auf den Grenzschutz des autoritär geführten Landes von angeblichen Schüssen auf polnischer Seite. Aus Polen gab es dazu zunächst keine offiziellen Angaben.

Ein polnischer Militärhubschrauber fliegt über eine Gruppe Migranten, die sich an der weissrussisch-polnischen Grenze versammelt haben.
Bild: dpa

EU fordert weitere Sanktionen für Belarus

Die Regierung in Warschau und die EU werfen dem autoritären belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vor, gezielt Menschen aus verschiedenen Krisenregionen einfliegen zu lassen, um sie dann in die EU zu schleusen. Der immer wieder als «letzter Diktator Europas» kritisierte Lukaschenko hatte erklärt, Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa nicht mehr aufhalten zu wollen – als Reaktion auf Sanktionen gegen sein Land.

Angesichts der Lage an der polnisch-belarussischen Grenze forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zusätzliche Sanktionen. Belarus müsse mit der «zynischen Instrumentalisierung von Migranten» aufhören, sagte von der Leyen am Montagabend. «Ich fordere die Mitgliedstaaten auf, die erweiterte Sanktionsregelung gegen die belarussischen Behörden, die für diesen hybriden Angriff verantwortlich sind, zu billigen.»

Die EU arbeite insbesondere daran, Fluggesellschaften von Drittstaaten zu sanktionieren, die am Transport von Migranten nach Belarus beteiligt seien. EU-Kommissions-Vize Margaritis Schinas sagte, er werde in den kommenden Tagen in die Herkunfts- und Transitländer der Migranten reisen.



Engagement aus Brüssel gefordert

Auch der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, der CSU-Politiker Manfred Weber, sprach sich für «verschärfte Sanktionen gegen Lukaschenko und sein Umfeld» aus. «Die europäische Botschaft muss sein: Es reicht!», sagte Weber der Zeitung «Bild». Die EU-Reaktion auf Lukaschenkos Vorgehen müsse «geschlossen und entschlossen» sein.

Kritisch äusserte Weber sich mit Blick auf die Türkei – eins der Länder, von denen aus Migranten mit Flügen nach Belarus gelangten. «Wenn der türkische Präsident (Recep Tayyip) Erdogan nun mittels zahlreicher Migranten-Flüge aus der Türkei nach Belarus neue Erpressungsversuche gegen die EU unternimmt, braucht es eine unmissverständliche Antwort», sagte Weber. «Damit wird er genauso scheitern wie mit seinem Versuch, Migranten über die griechisch-türkische Grenze zu schleusen. Die Kommission muss umgehend Gespräche mit der türkischen Regierung aufnehmen.»

Auch der geschäftsführende Bundesinnenminister Horst Seehofer forderte Engagement aus Brüssel: «Wir müssen der polnischen Regierung bei der Sicherung der Aussengrenze helfen», sagte der CSU-Politiker der «Bild». «Das wäre eigentlich Aufgabe der EU-Kommission. An die appelliere ich jetzt, dass sie aktiv wird.» Die Situation könnten Polen und Deutschland nicht alleine bewältigen.



Lukaschenko von EU nicht als Präsident anerkannt

Die EU-Kommission hat jedoch nach eigener Aussage Polen bereits mehrfach ermuntert, Hilfe anzunehmen. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex, die Asylbehörde Easo und die Polizeibehörde Europol stünden bereit, bei der Registrierung von Migranten, Bearbeitung von Asylgesuchen und dem Kampf gegen Schmuggel zu helfen, hiess es am Montag.

Die EU erkennt den 67-jährigen Lukaschenko seit der weithin als gefälscht geltenden Präsidentenwahl im vergangenen Jahr nicht mehr als Staatsoberhaupt von Belarus an und hat in diesem Zusammenhang auch Strafmassnahmen verhängt. Unterstützt wird Lukaschenko unter anderem von Russland.

Die EU-Staaten Polen und Litauen haben in den vergangenen Monaten Tausende Grenzübertritte gemeldet. Deutschland gilt als ein Hauptziel der Migranten. Menschenrechtler fordern immer wieder Hilfe für die im Wald gestrandeten Menschen und warnen vor einer humanitären Katastrophe. In der Grenzregion sind bereits mehrere Migranten gestorben.

dpa