Baguette-gross und brandgefährlich Eine 65-Zentimeter-Rakete soll jetzt Putin stoppen

Sven Ziegler

12.11.2025

Diese Mini-Rakete soll die grosse Wende bringen.
Diese Mini-Rakete soll die grosse Wende bringen.
Bild: Frankenburg Technologies

Ein estnisches Start-up will Europas Drohnenabwehr radikal verbilligen: Die nur 65 Zentimeter lange Rakete «Mark 1» soll russische Langstreckendrohnen stoppen – massenhaft, günstig und «gut genug».

Sven Ziegler

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  • Die «Mark 1» ist eine rund 65 Zentimeter kurze Abwehrrakete, ausgelegt auf kurze Reichweite und günstige Serienfertigung.
  • Der Hersteller Frankenburg Technologies will gemäss «Telegraph» in zwei Nato-Ländern Hunderte Raketen täglich produzieren; Kosten soll eine Drohne rund 40'000 Euro. 
  • Ziel ist, kostspielige Abwehrduelle gegen günstige Shahed-Drohnen zu vermeiden; am 9. September mussten Nato-Jets teure Lenkwaffen gegen Drohnen über Polen einsetzen.

Ein Gerät so klein wie eine Baguette-Stange – und doch gedacht als vorderste Linie gegen russische Drohnen: In Tallinn führt Frankenburg-Chef Kusti Salm eine Schaumattrappe der neuen «Mark 1» vor. Die Abwehrrakete misst rund 65 Zentimeter und soll, so die Vision, in grosser Zahl zu einem Bruchteil der heutigen Kosten produziert werden. «Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass wir Waffen produzieren», sagt Salm laut «Telegraph». «Und wir sagen offen, dass diese Waffen russische Langstreckendrohnen abschiessen sollen.»

Der Ansatz konterkariert die hochgezüchteten, teuren Systeme vieler westlicher Arsenale. Statt «exquisit» setzt Frankenburg auf «affordable mass»: kurze Reichweite von etwa 2 Kilometern, robuste Standardteile, KI-gestützte Zielansteuerung – und eine Fertigung, die auf Hunderte Stück pro Tag skaliert werden soll. Beim Preis bleibt das Unternehmen vage: Der «Tagesspiegel» nennt umgerechnet rund 40'000 Franken pro Rakete – deutlich unter den Kosten von Stinger- oder gar Patriot-Abwehr.

Mark I soll Wende in Europas Drohnen-Kampf bringen

In einem Briefing während Estlands «Defence Week»  Ende September  kritisierte Salm, die westliche Luftverteidigungsindustrie habe in den vergangenen drei Jahren «praktisch nichts» gegen die Drohnenbedrohung erreicht. Er positioniert SHORAD als «grösstes Bedürfnis der Welt» in den nächsten fünf bis zehn Jahren – entscheidend sei die Ökonomie der Abwehr. Nach GlobalData/ArmyTechnology produzierte Russland 2024 über 6000 One-Way-Attack-Drohnen; 2025 wurden zeitweise 500 bis 700 an einem Tag gestartet.

Warum der Preisdruck? Am 9. September mussten Nato-Jets über Polen rund 20 russische Drohnen bekämpfen – mit Lenkwaffen im Wert von hunderttausenden Franken pro Schuss, während die Shahed-Drohnen nur einen Bruchteil kosten. Dieses Missverhältnis gilt als nicht nachhaltig; europäische Regierungen planen deshalb eine «Drohnenmauer» mit elektronischen Gegenmassnahmen und physischen Abfängern.

Die «Mark 1» soll in genau diese Lücke stossen: als massenproduzierbarer Interzeptor mit Feststofftriebwerk und autonomer Führung, optimiert für langsame, tieffliegende UAV-Schwärme.

Grosse technische Herausforderung

Technisch ist der Mini-Abfänger eine Herausforderung: In so kurzer Bauform verändern Treibstoffverbrauch und Massenverteilung den Flugwinkel stark. Frankenburg experimentiert mit Flügelgeometrie, Schwerpunkt und Druckpunkt. In 53 Scharfschusstests sei die angestrebte Treffergenauigkeit bislang in etwa der Hälfte erreicht; mittelfristig peile man 90 Prozent an. Laut dem Fachportal ArmyTechnology detoniert der Gefechtskopf ein bis zwei Meter vor dem Ziel, um die Wirkung gegen Drohnen zu maximieren.

Rückhalt gibt die Personalseite: Chefingenieur Andreas Bappert wirkte am IRIS-T-Luftabwehrsystem mit; hinzu kommen Spezialisten aus MBDA-Programmen wie Spear III sowie ein Team «lettischer Genies», heisst es im «Telegraph». Der Raketentechniker Fabian Hoffmann betont laut Bericht, es gebe viele Profis für Gefechtsköpfe, Sensorik, Triebwerke – doch nur wenige, die alles zuverlässig integrieren können.

Für Salm ist die Mission klar: «Das wird die im Westen am dringendsten benötigte Fähigkeit der nächsten fünf bis zehn Jahre.» Die Produktion in Serie soll jenen Kostenvorteil bringen, der Europas Abwehr finanzierbar macht – gerade im Dauerduell mit Billig-Drohnen.

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