Mit Björn Höcke und Co. reden? Geht schon, aber einmal im Jahr reicht

Michael Angele

26.8.2020 - 16:03

Björn Höcke war zu Gast im «Sommerinterview» des Mitteldeutschen Rundfunks.
Bild: Getty Images

Das deutsche Fernsehen hat es getan: Es hat Björn Höcke vom rechtsextremen «Flügel» der AfD interviewt. Doch soll man mit Rechten überhaupt reden? Überlegungen von einem, der es versucht hat.

Der berüchtigte AfD-Politiker Björn Höcke wurde vom deutschen Fernsehen in der Reihe «MDR-Sommerinterviews» interviewt. Laut dem deutschen Verfassungsschutz darf man den sogenannten Flügel, dem Höcke angehört, rechtsextrem nennen. Darf man mit so einem reden? Ich bekenne: Ich habe es getan. Und zwar mit dem Spindoktor von Höcke, dem Verleger und Publizisten Götz Kubitschek.

Mit dem hatten da, vor drei Jahren, schon einige Journalisten geredet, es erschienen Porträts im «Spiegel» und anderswo. Aber mit seiner Frau hatten sie nicht geredet. Ellen Kositza nennt sie sich, in den Porträts tauchte sie am Rande auf, als die, die sich mit ihrem Mann siezt. Wie kurios! Dabei ist sie eine «Rechtsintellektuelle». Das fand ich interessant, davon gibt es in Deutschland vielleicht fünf, in der Schweiz vielleicht zwei, da war ich wie Ernst Jünger primär ein Insektenforscher, der sich für eine sehr seltene Spezies interessiert.

Wir trafen uns beim Inder bei mir um die Ecke. Deutsche Küche war also schon mal nicht, aber das schien die zwei nicht zu stören. Im Gegenteil, sie schwärmten mir von einem anderen Inder. Überhaupt, war es erst einmal ein angenehmes Gespräch, die beiden sind höfliche Menschen (vorsicht Falle?).

Durst nach Anerkennung

Es stellte sich heraus, dass sich Kositza gut in der jungen deutschen Literatur auskannte und fast manisch Rezensionen der linken Blätter las, mehr als viele Linken selbst. Überhaupt war sie auf die Linke fixiert. Die Rechten, jedenfalls die, die überhaupt reden wollen, wollen ständig mit dem Gegner reden. Sie wollen dessen Anerkennung. So platt ist das, psychologisch betrachtet.

Nur der Gegner will nicht reden. Schon gar nicht öffentlich. Könnte man schlecht aussehen. Lieber ausladen lassen. Cancel Culture: zu Deutsch die Angst vor dem Anderen. So platt ist auch das, psychologisch betrachtet.

Egal. Frau Kositza war nicht annähernd so rechts, wie vermutet, sondern führte ein ums andere Mal den Nachweis, wie weltoffen sie sei (vorsicht Falle?). Auch ihr Mann war in seinem breiten schwäbischen Akzent eher ein gemütlicher Spiesser, der erst etwas unangenehm wurde, als das Gespräch auf die «Zigeuner» kam – wie das Spiesser eben so sind. Keinesfalls besonders gefährlich. Halt auf ein Thema fixiert: Nichts gegen Ausländer, aber 2016 kamen zu viele nach Deutschland und leider auch nicht die Gutqualifizierten, sondern die «aus einem anderen Kulturkreis».

Alles halb so wild?

Gut, mit so einem möchte man jetzt nicht die Ferien in Antalya verbringen, aber er war keiner, der den «deutschen Gruss» macht. Im Gegenteil, in seinen Kreisen verehrt man den konservativen Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg. Ich finde das kitschig, aber diesen Kitsch findet man von Che Guevara bis zu Greta von Thunberg auch in der linken und grünen Szene.

Also alles halb so wild? Ich musste mir von meinen Freunden anhören, dass ich naiv sei. Denen auf dem Leim gekrochen sei. Kann sein. Kann aber auch sein, dass der Abgrund wirklich nicht viel weiter reicht, als dass da jemand allen Ernstes glaubt, es könne die Globalisierung ungeschehen machen, indem er ein rigides Einwanderungsrecht einführt und in der Schule wieder deutsche Gedichte auswendig lernen lässt.

Partei mit bescheidener Haltung

Die Partei dazu heisst in Deutschland AfD, und es steht jedem frei, sie nicht zu wählen. Heute haben wir Corona und morgen wieder den Klimawandel, und was die AfD dazu zu sagen hat, ist mehr als bescheiden.

Aber ist die AfD nicht nur ein Deckmantel von etwas Radikalerem? Bei Björn Höcke stellt sich diese Frage. Er spricht mit zwei Zungen, scheint es. Hier der ehemalige Gymnasiallehrer für Sport und Geschichte, der als besorgter Patriot echte Opposition sein will. Da der fanatische Rechtsextreme, der sich über die Schriften des Nationalsozialismus gebeugt und allerhand Erwägenswertes gefunden hat. Einer, der glaubt, dass nicht «die Aggressivität der Deutschen ursächlich für zwei Weltkriege war, sondern letztlich ihr Fleiss, ihre Formliebe und ihr Ideenreichtum.»

Björn Höcke wehr «alte Geschichten» ab – anstatt sie einfach zu klären.
Bild: Keystone

Das schrieb ein gewisser «Landolf Ladig» in einer rechtsextremen Postille. Landolf Ladig sollte das Pseodonym von Höcke sein. Höcke selbst bestreitet das, obwohl es sogar seine eigene Partei behauptet hatte, als noch Frauke Petry deren Vorsitzende war.

Höcke in der Falle

Im alljährlichen «Sommerinterview» mit dem MDR, das so dahinplätscherte, und man schon dachte, Mensch Moderator, jetzt zieh diesem Schaf doch mal den Pelz ab, da kam der Moderator zum Schluss auf Landolf Ladig zu sprechen.

Diese alte Geschichte wehrte Höcke ab. Nun ist Höcke gut bekannt mit dem Verleger der Zeitschriften, in der dieser Ladig publiziert hat. Wenn er den Verleger doch so gut kenne, warum er den dann nicht einfach frage, wer hinter dem Pseudonym stecke. Das könne er dann mitteilen und er habe seine Ruhe.

Da sass Höcke nun in der Falle. Das hat mir imponiert. Zugegeben, mit der Überzeugungskraft des besseren Arguments in einem Streitgespräch hat eine solche List nur bedingt zu tun. Aber sehr wohl mit einer Gesprächskunst, die auch der Historiker Per Leo und die anderen Autoren des Bandes «Mit Rechten reden: Ein Leitfaden» empfehlen. Beim Inder, wo wir uns freundlich verabschiedet haben, kann man solche Dinge nur begrenzt zur Wirkung bringen. Man muss dazu schon in den öffentlichen Ring zu steigen. Einmal im Jahr reicht völlig.

Zum Autor: Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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