Kaum lösbares DilemmaMitten im Krieg treibt Trump einen Mullah-Nachbarn in die totale Sackgasse
Sven Ziegler
23.4.2026
Iraks Premier Mohammed Sudani wird von Milizen und Trump bedrängt.
Bild:KEystone / Bildmontage blue News
Mitten im Konflikt zwischen dem Iran und den USA gerät mit dem Irak ein weiteres Land in den Zangengriff. Die US-Regierung fordert die Auflösung pro-iranischer Milizen, verhängt Sanktionen und stoppt die Sicherheitskooperation. Bagdad steht vor einem kaum lösbaren Dilemma.
Die Botschaft aus Washington ist unmissverständlich. «Die Vereinigten Staaten werden Angriffe auf US-Interessen nicht dulden und erwarten, dass die irakische Regierung sofort alle Massnahmen ergreift, um die Iran-gestützten Milizgruppen im Irak aufzulösen», erklärte Tommy Pigott, stellvertretender Sprecher des US-Aussenministeriums, unlängst öffentlich.
Was wie eine klare Forderung klingt, trifft in Bagdad auf eine Realität, die sich kaum kontrollieren lässt.
Denn die USA drohen nicht nur, sie handeln bereits. Laut US-Medienberichten hat die Regierung von Präsident Donald Trump die Sicherheitskooperation mit dem Irak vorerst ausgesetzt. Gemeinsame Anti-Terror-Einsätze gegen den «Islamischen Staat», Ausbildungsprogramme und militärische Finanzhilfen liegen vorerst auf Eis. Für ein Land, das sicherheitspolitisch weiterhin auf Unterstützung angewiesen ist, ist das ein empfindlicher Schlag.
Milizen sind längst Teil des irakischen Systems
In Bagdad weiss man das. Sicherheitsberater Hussein Allawi sagte gegenüber der «New York Times», die Zusammenarbeit müsse fortgesetzt werden. Gleichzeitig warnte das Verteidigungsministerium intern, dass ohne US-Unterstützung zentrale militärische Fähigkeiten beeinträchtigt würden. Der Irak kann sich einen Bruch mit Washington kaum leisten – und genau darin liegt das Dilemma.
Denn was die USA verlangen, ist nicht einfach umzusetzen. Die Milizen, auf die Washington zielt, stehen nicht ausserhalb des irakischen Staates – sie sind formal Teil davon, entziehen sich aber weitgehend seiner Kontrolle.
Der Analyst Ramzy Mardini bringt das Problem auf den Punkt. «Die Frage ist nicht mangelnder Wille oder mangelnde Kapazität – es ist, dass die Grenzen des irakischen Staates selbst verschwommen sind.» Washington gehe davon aus, dass Bagdad als einheitlicher Akteur handeln könne. Genau das ist aber nur begrenzt der Fall – auch wegen des massiven Einflusses Teherans.
Die Wurzeln dieser Lage reichen zurück ins Jahr 2003. Nach dem Sturz Saddam Husseins nutzte der Iran das Machtvakuum und baute im Irak systematisch Einfluss über schiitische Milizen auf. Netzwerke wie die Badr-Organisation, Asaib Ahl al-Haqq oder Kataib Hezbollah, eng verflochten mit der libanesischen Terrormiliz, wuchsen in den folgenden Jahren zu zentralen Machtfaktoren heran.
Mitglieder der Kataib Hezbollah auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2015.
Bild:Keystone
Den entscheidenden Schub erhielten diese Gruppen 2014 im Kampf gegen den «Islamischen Staat». Unter dem Dach der Popular Mobilization Forces, kurz PMF, wurden Dutzende Milizen gebündelt. Zunächst als Verteidigungsbündnis angedacht, entwickelte sich die PMF rasch zu einer parallelen Machtstruktur mit Hunderttausenden Kämpfern und erheblichem politischem Einfluss.
Der irakische Staat versuchte später, diese Kräfte zu integrieren. Mit einem Gesetz von 2016 wurden die PMF offiziell Teil der Streitkräfte und dem Premierminister unterstellt. Doch diese formelle Kontrolle blieb begrenzt. Viele der einflussreichsten Gruppen behielten eigene Strukturen, wirtschaftliche Netzwerke und enge Verbindungen zum Iran. Zeitweise kontrollierten die PMF sogar autonom Grenzübergänge – ohne das Einverständnis Bagdads.
Iranischer Kommandeur reist in den Irak
Wie präsent Teheran im Irak weiterhin ist, zeigte sich zuletzt erneut. General Esmail Ghaani, Kommandeur der iranischen Quds-Einheit, reiste nach Bagdad und warnte öffentlich vor «ausländischer Einmischung». Die Botschaft war deutlich: Der Iran beansprucht weiterhin Einfluss auf die politischen Entscheidungen im Nachbarland. Gleichzeitig fordert Washington jetzt die Auflösung ebendieser Kräfte, obwohl Bagdad sie nur teilweise kontrolliert. Eine Zwickmühle.
Für Premier Mohammed Sudani wird die Lage damit immer enger. Seine Regierung stützt sich auf ein politisches Bündnis, in dem Iran-nahe Kräfte eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig ist er darauf angewiesen, die Beziehungen zu den USA stabil zu halten.
General Esmail Ghaani, Kommandeur der iranischen Quds-Einheit.
Bild:Keystone
Sudani hat seine Position selbst klar gemacht. In einem Interview mit Reuters sagte er, Ziel sei es, alle Waffen ausserhalb staatlicher Institutionen zu beenden. Gleichzeitig stellte er eine Bedingung: zuerst der Abzug der US-Truppen. Solange amerikanische Soldaten im Land seien, lieferten sie den Milizen das wichtigste Argument für ihre Existenz.
Hier prallen zwei Logiken direkt aufeinander. In Bagdad glaubt man, dass erst ein US-Abzug die Grundlage für eine Entwaffnung schafft. In Washington wächst hingegen die Überzeugung, dass genau ein solcher Abzug den Iran stärken würde, wenn die Milizen zuvor nicht geschwächt werden. Die Fronten sind verhärtet, ein gemeinsames Verständnis bislang nicht in Sicht.
Nahost-Konflikt
Immer wieder kommt es zu Eskalationen im Nahen Osten. Jüngst sorgten die USA und Israel mit Angriffen auf den Iran für Unruhen. blue News informiert dich laufend über alle wichtigen Entwicklungen in Nahost.
Dabei existierte bereits ein Fahrplan. Die USA und der Irak hatten sich 2024 auf einen schrittweisen Abzug bis 2026 geeinigt.
Doch parallel dazu verschärft sich der Konflikt. Seit der Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran haben irakische Milizen ihre Angriffe ausgeweitet. Hunderte Raketen- und Drohnenangriffe auf US-Ziele und -Infrastruktur im Irak wurden in den vergangenen Wochen gezählt. Die USA haben deswegen den Truppenabzug vorerst auf Eis gelegt und wollen im Land präsent bleiben.
Parallel zieht die Trump-Regierung auch die diplomatische Schraube an. Mitte April setzte das US-Finanzministerium mehrere Kommandanten Iran-naher Milizen auf die Terrorliste. Die Botschaft ist klar: Die USA wollen den iranischen Einfluss im Irak aktiv zurückdrängen.
Nur: Genau dieser Einfluss ist längst Teil des Systems geworden.
Für Bagdad gibt es fast nur schlechte Auswege
Experten wie Renad Mansour vom Chatham House weisen darauf hin, dass selbst die Führung der PMF Mühe hat, ihre wichtigsten Fraktionen zu kontrollieren. Viele dieser Gruppen sind eigenständige Machtzentren mit Zugriff auf staatliche Ressourcen, wirtschaftliche Interessen und bewaffnete Strukturen.
Die US-Denkfabrik Foreign Policy Research Institute spricht deshalb von einer «hybriden Souveränität». Der irakische Staat ist gleichzeitig Akteur und Schauplatz dieser Machtverhältnisse. Ein direkter Bruch mit den Milizen würde nach Einschätzung vieler Beobachter das Risiko eines innerschiitischen Konflikts und damit eines möglichen Bürgerkriegs erhöhen.
Politisch mag die Forderung nach Entwaffnung der Milizen deshalb verständlich sein. Praktisch ist sie aber kaum umsetzbar.
Was bleibt Bagdad überhaupt noch? Viel mehr als schlechte Optionen gibt es nicht.
Das sind die möglichen Ausweg-Szenarien
Bagdad könnte am bestehenden Abzugsplan festhalten und versuchen, die Milizen erst nach einem vollständigen Rückzug der US-Truppen schrittweise zu entmachten. Doch viele Experten bezweifeln, dass sich die Kräfteverhältnisse dadurch grundlegend verändern würden.
Eine andere Möglichkeit wäre ein politischer Kompromiss in Bagdad. Ein Premier, den sowohl Washington als auch das Coordination Framework – also das Bündnis schiitischer, teils Iran-naher Parteien – akzeptieren, könnte die Lage zumindest diplomatisch beruhigen. Das Grundproblem bliebe jedoch bestehen.
Ebenso denkbar ist eine weitere Eskalation. Mehr Sanktionen, mehr militärischer Druck, weniger Zusammenarbeit. Dieses Szenario könnte die Beziehungen zwischen den USA und dem Irak nachhaltig beschädigen – und paradoxerweise den Einfluss des Iran weiter stärken.
Selbst ein Nachlassen der Spannungen zwischen Washington und Teheran wäre keine echte Lösung. Zwar würde den Milizen der unmittelbare Kriegsanlass fehlen. Ihre Strukturen, Netzwerke und ihre politische Verankerung im Staat blieben jedoch bestehen.
Der Kampf um Iraks Souveränität ist kein Randthema des Iran-Krieges – er ist sein innenpolitischer Kern. Die Trump-Administration nutzt den Kriegszustand als Hebel, um eine zwei Jahrzehnte alte Ambivalenz aufzulösen: Die PMF als formelle Staatsarmee mit faktischer iranischer Kommandostruktur. Die Milizen sind längst selbst zum Staat geworden – wirtschaftlich, politisch, territorial.
Sudanis Logik – zuerst Truppenabzug, dann Entwaffnung – hat eine innere Konsistenz. Solange US-Soldaten auf irakischem Boden stehen, bleibt ihre Anwesenheit das stärkste Rekrutierungs- und Rechtfertigungsargument der Milizen. In Washington hingegen wächst die Überzeugung, dass ein Abzug ohne vorherige Entflechtung den Iran in einem geschwächten Moment stärken würde.
Die Regierung in Bagdad steht also vor einer Entscheidung, die sie kaum gewinnen kann. Rückt sie näher an den Iran, verliert sie Washington. Geht sie auf die USA zu, riskiert sie innenpolitisch eine Eskalation. An diesem Widerspruch entscheidet sich, welchen Weg der Irak nimmt – und wie viel Kontrolle Bagdad überhaupt noch hat.
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