Impfskepsis wird zur Katastrophe für Russland

AP/toko

24.10.2021 - 15:48

Russian President Vladimir Putin speaks via video conference at a summit of the Eurasian Economic Union where pandemic's economic effect, gas and oil markets and climate change issues in St. Petersburg, Russia, Thursday, Oct. 14, 2021. (Alexei Druzhinin, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP)
Die Corona-Lage in Russland ist desaströs. Selbst Präsident Putin zeigt sich ratlos.
Alexei Druzhinin, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP/KEYSTONE

Erst etwa ein Drittel der russischen Bevölkerung ist bislang vollständig gegen Covid-19 geimpft. Nun steigt die Zahl der Fälle wieder stark an. Selbst Präsident Putin zeigt sich ratlos.

AP/toko

24.10.2021 - 15:48

Ramilja Schigalturina steht vor der Leichenhalle, in der ihre an Corona gestorbene Grossmutter liegt. Die junge Frau hat eine Botschaft an alle Impfskeptiker: «Ich flehe alle Russen an: Bitte lasst Euch impfen, denn das Virus ist wirklich schrecklich und gefährlich», sagt die Bewohnerin von Nischni Nowgorod, der fünftgrössten Stadt in Russland. Ihre 83-jährige, ungeimpfte Grossmutter sei unmittelbar nach der Infektion gestorben.

Als Russland im vergangenen Jahr als erstes Land einen Covid-19-Impfstoff, Sputnik V, auf den Markt brachte, rühmte die Regierung das als Zeichen für ein grosses wissenschaftliches Know-how. Doch seit Beginn des Impfprogramms im Dezember 2020 ist erst etwa ein Drittel der 146 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner vollständig immunisiert worden.



«Ich verstehe nicht, was passiert»

Die geringe Impfbereitschaft löst zunehmend Besorgnis aus, da Russland einen starken Anstieg an Corona-Fällen verzeichnet. An fast jedem Tag dieses Monats erreichten die Zahlen der Infektionen und der Todesfälle neue Höchststände. Am Samstag meldeten die Behörden ein Hoch von 1075 Toten und mehr als 37'678 neuen Ansteckungen innerhalb der vergangenen 24 Stunden.

«Ich verstehe nicht, was passiert», sagte Präsident Wladimir Putin in einem seltenen Zugeständnis von Ratlosigkeit. «Wir haben einen verlässlichen und wirksamen Impfstoff. Er reduziert wirklich die Risiken von Krankheit, schweren Komplikationen und Tod.»

Im Spital Nummer 23 in Nischni Nowgorod berichtet die Ärztin Natalia Soloschenko über eine riesige Zahl an ungeimpften Corona-Patienten. «Von 50 Aufgenommenen sind nur einer oder zwei geimpft», sagt sie. «Die ganze Intensivstation ist voll von Patienten in sehr kritischem Zustand, die alle ungeimpft sind. Um ehrlich zu sein, regen wir uns nicht einmal mehr auf, sondern haben nur noch Mitleid mit diesen Leuten.»

Impfskepsis weit verbreitet

Die Impfskepsis führt die Ärztin auf weit verbreitete Falschinformationen zurück. In sozialen Medien kursierten in Russland sehr negative Inhalte über das Impfen, sagt Soloschenko.

Viele Menschen im Land sehen Impfungen allgemein skeptisch aufgrund eines Misstrauens in den Staat, das in die Sowjetära zurückreicht. Bei Sputnik V befürchteten viele, dass das Vakzin vor der Zulassung nicht ausreichend getestet worden sei. Manche beklagten auch widersprüchliche Signale der Behörden. Während sie Sputnik V und drei weitere heimische Impfstoffe anpriesen, kritisierten staatliche Medien häufig die westlichen Pendants – nach Ansicht von Kritikern beförderte das allgemeine Zweifel am Impfen.

In der Region Nischni Nowgorod, etwa 400 Kilometer östlich von Moskau, liegt die Impfrate um 44 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt. Die Todesrate ist jedoch hoch. Die Behörden meldeten zuletzt innerhalb von 24 Stunden 40 neue Todesfälle und damit eine etwa doppelt so hohe Rate wie in Moskau. Regionalgouverneur Gleb Nikitin kündigte neue Massnahmen zur Eindämmung der Infektionen an.

Russen sollen nicht zur Arbeit gehen

Putin wies die Russinnen und Russen am Mittwoch an, vom 30. Oktober bis zum 7. November nicht zur Arbeit zu gehen. In den Zeitraum fallen insgesamt vier freie Tage aufgrund eines Feiertags. Die beiden bevölkerungsreichsten und wichtigsten Städte Moskau und St. Petersburg gingen noch einen Schritt weiter und verkündeten nach monatelanger Untätigkeit neue Beschränkungen.

So sollen in der Hauptstadt vom 28. Oktober bis zum 7. November Sportstudios, Kinos, Unterhaltungsstätten und die meisten Läden geschlossen werden. Restaurants sind nur noch zum Abholen oder Liefern geöffnet. In St. Petersburg müssen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Konferenzen und Sportveranstaltungen vom 1. November an einen digitalen Impfnachweis vorlegen. Ab dem 15. November gilt das auch für den Besuch von Kinos, Theatern, Museen und Fitnessstudios, vom 1. Dezember an zudem für Restaurants, Cafés und manche Geschäfte.

Ein ähnliches System war in Moskau bereits im Sommer getestet worden. Nach Beschwerden der Gastronomie über Umsatzverluste wurde es aber schon nach wenigen Wochen wieder abgeschafft.

AP/toko