Neue Memoiren

Obama blickt zurück: «Trump war völlig hemmungslos»

Peter Zschunke, dpa/tafi

13.11.2020

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama rechnet in seinem neuen Buch «A Promised Land» nicht nur mit seinem Nachfolger im Weissen Haus ab, sondern analysiert die tiefgreifenden Veränderungen in den USA seit 2008.
Keystone/AP Photo/Andrew Harnik

Wie konnte es zu vier Jahren Donald Trump kommen? Und was hat Sarah Palin damit zu tun? Barack Obama liefert in seinen Memoiren «A Promised Land» erschreckende Erklärungen.

«Es war, als ob allein meine Anwesenheit im Weissen Haus eine tief sitzende Panik losgelöst hätte, eine Vorstellung, dass die natürliche Ordnung gestört worden sei» – so sieht Barack Obama (59) im Rückblick seine Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten der USA: Das Land der Verheissung ist ein Mythos, der so gar nicht zur amerikanischen Gegenwart passen will. Wenn Obama den ersten Band seiner zweiteiligen Memoiren über seine Zeit im Weissen Haus so betitelt, setzt er damit einen Kontrapunkt gegen die Regierungszeit von Donald Trump.

Das 768 Seiten starke Buch «A Promised Land» ist nach ersten Vorabmeldungen amerikanischer Medien in weiten Teilen eine Kritik an Entwicklungen der US-Politik seit 2008. Es erscheint am Dienstag kommender Woche, zeitgleich auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel «Ein verheissenes Land».

Rotes Tuch für alle Rassisten

Obamas Leser erfahren, wie der Präsident seinen Einzug ins Weisse Haus erlebt hat. Mit dem Wahljahr 2008 erhielt die Polarisierung der amerikanischen Politik im Rückblick des demokratischen Politikers – so fasst es CNN zusammen – einen entscheidenden Schub. Donald Trump hatte damals mit Unterstellungen begonnen, dass Obama nicht in den Vereinigten Staaten geboren und daher kein legitimer Präsident gewesen sei. «Millionen von Amerikanern, die über einen Schwarzen im Weissen Haus erschrocken waren, versprach er ein Heilmittel für ihre rassistischen Ängste.»

Barack Obama, der den «Unfug zunächst gar nicht beachtete», musste ziemlich schnell feststellen, dass Trumps Lügen verfingen – nicht nur in den Medien und rechten Kreisen. Auch in der Republikanischen Partei stiessen sie auf breite Zustimmung.

Festmachen lässt sich dies aus Sicht Obamas an der Berufung von Sarah Palin als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin durch den dann unterlegenen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. «Mit Palin schien es, als würden die dunklen Geister, die schon lange am Rand der modernen Republikanischen Partei lauerten – Fremdenfeindlichkeit, Anti-Intellektualismus, paranoide Verschwörungstheorien, eine Antipathie gegenüber Schwarzen und Braunen –, ihren Weg auf die Hauptbühne finden.»

«Trump war völlig hemmungslos»

Mit dieser Personalentscheidung habe McCain 2008 «für die Vorlage gesorgt für künftige Politiker, für eine Verschiebung des Zentrums seiner Partei und der Politik des Landes insgesamt in eine Richtung, die er verabscheute». McCain starb 2018. Aber er stelle sich vor, schreibt Obama laut CNN, dass McCain sich im Nachhinein anders entschieden hätte.



Vor allem, wenn er gesehen hätte, wie rasant sich die US-Gesellschaft polarisierte. Eine Entwicklung, die laut Obama nicht allein Donald Trump anzulasten ist. Auch andere Politiker der Republikaner, namentlich die hochrangigen Abgeordneten John Boehner und Mitch McConnell, hätten immer wieder und mit voller Absicht Öl ins Feuer gegossen: Der Wahrheitsgehalt dessen, was die beiden sagten, sei ihnen vollkommen gleichgültig gewesen, zitiert «Der Spiegel» aus Obamas neuem Buch.

Der gerade abgewählte US-Präsident hat es dann auf die Spitze getrieben: «Trumps politischer Stil unterschied sich nur dadurch von ihrem, dass Trump völlig hemmungslos war. Er verstand instinktiv, was die konservative Wählerbasis bewegte, und er bot es in unverfälschter Form da.»

«Tausende bewaffnete Männer» machten Michelle Angst

Neben den gesellschaftlichen Auswirkungen der rassistischen Lügen und Verschwörungstheorien waren die Obamas auch privat betroffen – weil sie in ständiger Sorge um die Sicherheit ihrer Familie leben mussten. Seine Frau Michelle hatte Angst, weil «da draussen Tausende bewaffnete Männer herumlaufen, die jedes Wort glauben, das ihnen erzählt wird».



In einer Besprechung für die «New York Times» schrieb die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, Obama gehe es zwar mehr um die Politik als um persönliche Dinge – «aber wenn er über seine Familie schreibt, geschieht dies mit einer fast nostalgischen Schönheit». Etwa wenn Obama das Lachen der kleinen Tochter Sasha beim Rubbeln ihrer Füsse beschreibe. Oder das langsamer werdende Atmen seiner Frau Michelle, wenn sie an seiner Schulter einschlafe.

Vergnügliche Lektüre

Das Buch sei «nahezu immer mit Vergnügen zu lesen, Satz für Satz», in einer grossartigen Prosa, die Schilderungen mit feinen und lebendigen Details, lobt die Schriftstellerin Adichie. Und Obama stelle sich auch immer wieder selbst infrage. Dies reicht bis hin zur Überlegung, ob seine Entscheidung zur Präsidentschaftskandidatur wirklich eine Entscheidung gewesen sei, sich in den Dienst des Landes zu stellen – oder ob es nicht mehr um das eigene Ego gegangen sei.



Über seinen Vizepräsidenten und gewählten Nachnachfolger Joe Biden schreibt Obama übrigens, dass er anständig, ehrlich und loyal sei. Aber er könne auch «pieksig» werden, wenn er nicht das bekomme, was ihm zustehe.

Das Buch «A Promised Land» («Ein verheissenes Land»), die Memoiren des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, ist ab Dienstag, 17. November 2020, in der Schweiz erhältlich. (ISBN978-3-328-60062-6, Penguin Verlag München, ca. 50 Franken)
Keystone/Penguin Random House/Pari Dukovic
Zurück zur Startseite