Tanker-Inferno in der Nordsee Polizei verhaftet Frachtschiff-Kapitän – Verdacht der fahrlässigen Tötung

Samuel Walder

12.3.2025

Ein Frachtschiff rammt vor England einen Tanker: 32 Menschen werden verletzt, es tritt Flugzeugtreibstoff aus. Der Tanker war offenbar vom US-Militär gechartert. Der russische Kapitän des Frachters wurde verhaftet.

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Samuel Walder, Andreas Fischer

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Vor der Küste von East Yorkshire wurde am Montagvormittag ein Öltanker von einem Frachtschiff gerammt, woraufhin ein Feuer ausbrach.
  • Der Öltanker fuhr unter US-Flagge und Flugzeugtreibstoff für das US-Militär geladen.
  • 36 Besatzungsmitglieder von beiden Schiffen wurden sicher an Land gebracht, eine Person wurde ins Spital gebracht.
  • Die Suche nach dem einzig vermissten Besatzungsmitglied wurde in der Nacht auf Dienstag abgebrochen.
  • Mittlerweile wurde der Kapitän des Frachtschiffes festgenommen. Bei dem 59-Jährigen handelt es sich nach Angaben seiner Reederei um einen russischen Staatsbürger.

Zwei riesige, teils ausgebrannte Schiffswracks liegen nach einer folgenschweren Kollision vor der englischen Nordseeküste. Die Behörden ermitteln derzeit die Ursache des Unglücks vom Montag.

Die Polizei nahm am Dienstagabend den 59-jährigen Kapitän des Containerschiffs «Solong» fest, der den vor Anker liegenden Tanker «Stena  Immaculate» gerammt hatte. Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung und grobe Fahrlässigkeit.

Laut Angaben der Reederei handelt es sich bei dem Mann um einen Russen. Die 14-köpfige Besatzung der «Solong» habe aus Russen und Philippinern bestanden, teilte die deutsche Reederei Ernst Russ mit. 

Die Brände auf dem Öltanker «Stena Immaculate» sind nach Angaben der britischen Küstenwache mittlerweile eingedämmt. Es gebe «keine sichtbaren Flammen» mehr an Bord, hiess es. Möglicherweise könne noch im Verlauf des Mittwochs eine Untersuchung auf dem verunglückten Schiff durchgeführt werden.

Die Suche nach dem einzig vermissten Besatzungsmitglied war bereits in der Nacht auf Dienstag abgebrochen worden. Die vermisste Person vom Containerschiff «Solong» sei «nach einer umfangreichen Suche» nicht gefunden worden, teilte die britische Küstenwache Medienberichten zufolge mit. 36 Besatzungsmitglieder von beiden Schiffen seien sicher an Land gebracht worden, ein Mensch sei ins Spital gebracht worden.

Kollision aus ungeklärter Ursache

Der Öltanker «Stena Immaculate» war am Montagvormittag aus bislang nicht geklärter Ursache in dem stark befahrenen Gebiet vom Frachtschiff «Solong» gerammt worden und in Brand geraten. Bei dem Unglück trat dem Schifffahrtsunternehmen Crowley zufolge Flugzeugtreibstoff aus.

Die Küstenwache teilte mit, es würden notwendige Massnahmen gegen Umweltverschmutzung geprüft. Laut Küstenwache standen beide Schiffe auch zwölf Stunden nach der Kollision weiter in Flammen.

Laut BBC hatte der vor Anker liegende Tanker Treibstoff für das US-Militär geladen. Die «Stena Immaculate» fährt unter US-Flagge, die «Solong» unter portugiesischer.

Mehrere Explosionen an Bord des Tankers

Nach Angaben aus Washington ist die «Stena Immaculate» vorübergehenden vom Military Sealift Command gechartert worden, erklärte dessen Sprecherin Jillian Morris am Montag. Das Kommando betreibt Schiffe mit ziviler Besatzung, die Seetransporte für das US-Verteidigungsministerium vornehmen.

Der Betreiber des Tankers, das in Florida ansässige US-Schifffahrtsunternehmen Crowley, teilte mit, es sei an Bord zu «zahlreichen Explosionen» gekommen. Zudem sei ein Tank beschädigt worden, aus dem Berichten zufolge Kerosin austrete. Wie viel und welche Folgen dies haben könnte, wurde zunächst nicht bekannt.

Dir Ursache des Zusammenstosses ist bislang ungeklärt. Auf Fotos und Videos von der Unglücksstelle waren dichte Rauchschwaden zu sehen. Ein Sprecher von Premierminister Keir Starmer äusserte, es sei eine «äusserst besorgniserregende Situation». Ohne weitere Details zu kennen, werde nicht über die Unglücksursache spekuliert.

Unglücksursache noch nicht bekannt

Es sei zu früh, um über die Unglücksursache zu spekulieren, sagte auch der Geschäftsführer der Reederei Stena Bulk, Erik Hanell. Das Unternehmen Crowley, das die Technik der «Stena Immaculate» betreut, teilte bei X mit, der Tanker habe vor Anker gelegen, als er von dem Frachter gerammt worden sei.

Dabei sei ein Tank mit dem Flugzeugtreibstoff beschädigt worden und ein Feuer ausgebrochen. Der Hafenchef von Grimsby, Marty Boyers, berichtete von einem gewaltigen Feuerball nach der Kollision. «Glücklicherweise war bereits ein Schiff zur Überführung der Besatzung vor Ort.»

Der Vorsitzende des Stadtrates der nahegelegenen Stadt Hull sprach in der BBC von einer «verheerenden» Lage. Die potenziellen Umweltfolgen seien besorgniserregend, in den kommenden Tagen müsse «sehr schnell» daran gearbeitet werden, diese zu verstehen. Die Küstenwache prüft, ob und welche Massnahmen zur Bekämpfung von Umweltbedrohungen erforderlich sein könnten.

Laut Berichten sollen die beiden Schiffe vor der Küste bei Hull zusammengestossen sein.
Laut Berichten sollen die beiden Schiffe vor der Küste bei Hull zusammengestossen sein.
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Dramatischer Funkspruch löst Alarm aus

Auf Websites, die Schiffsrouten detailreich verfolgen, ist zu sehen, wie mehrere Schiffe in der Nähe vor Ort sind. Der erste Alarm war um kurz vor 11 Uhr MEZ ausgelöst worden.

Die britische Verkehrsministerin Heidi Alexander schrieb bei X, sie sei «besorgt» und in Kontakt mit den Behörden und der Küstenwache. Sie dankte allen beteiligten Rettungskräften für deren Einsatz. Die Rettungsmassnahmen werden durch die schwierigen Bedingungen auf See erschwert.

Mehrere Menschen sollen die Schiffe verlassen haben, teilte die Royal National Lifeboat Institution (RNLI) mit. Es gibt Berichte über Brände auf beiden Schiffen, und laut BBC-Quellen steht der Öltanker in Flammen.

Wie «20 Minuten» berichtet, soll ein dramatischer Funkspruch den Moment der Evakuierung dokumentiert haben.

Ein Sprecher der Küstenwache von Humber meldete: «‹Solong› ist mit dem Tanker ‹Stena Immaculate› in der äusseren Ankerzone kollidiert. Beide Schiffe werden aufgegeben. Schiffe mit Feuerlöschgerät oder Rettungsausrüstung sollen sich bei der Humber-Küstenwache melden. Die ‹Stena Immaculate› transportiert Flugzeug-Treibstoff, der nun brennt und ins Wasser gelangt.»

Umweltschützer sind zutiefst besorgt

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace in Grossbritannien teilte mit, man beobachte die Berichte genau. «Sowohl die hohe Geschwindigkeit als auch die Videos von den Folgen geben Anlass zu grosser Sorge», sagte ein Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Es sei allerdings noch zu früh, die Umweltfolgen einzuschätzen. Die Kollision ereignete sich in wichtigen Fanggründen in der Nordsee und nahe an grossen Kolonien von Meeresvögeln.

Wäre in dem Tanker Rohöl transportiert worden, wären die Folgen vermutlich weit schlimmer, sagte Experte Mark Hartl vom Center for Marine Biodiversity and Biotechnology an der schottischen Heriot-Watt University. Der Flugzeugtreibstoff werde sich vermutlich rasch verflüchtigen.

Dieser Text wurde nach der Erstveröffentlichung mit Agenturmaterial aktualisiert.