Wenn selbst die Londoner ihren Galgenhumor verlieren

Von Hanspeter Künzler, London

22.12.2020

epa08897943 A deserted Burlington Arcade in London, Britain, 21 December 2020. Tougher tier four coronavirus restrictions in London and parts of south east and England have come into force on 20 December. EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA
Gähnende Leere: Der Burlington Arcade in London ist zwar weihnachtlich dekoriert, aber wegen des mutierten Corona-Virus und den neuen Schutz-Regeln wie ausgestorben.
Bild: Keystone

Noch am Samstag befand sich ganz London auf Geschenkli-Jagd, nun ist die Hoffnung auf Weihnachten im trauten Familienheim dahin. Das bringt selbst den englischen Galgenhumor an seine Grenzen. Ein Stimmungsbericht.

Normalerweise bestehen die Facebook-Postings von meinem Ex-Nachbar Nigel aus Fotos von seinem Schosshund, einem englischen Bullterrier namens Elvis, oder vom Töff, den er in seiner Küche gerade in die Einzelteile zerlegt hat.

Vor ein paar Tagen änderte sich das Bild plötzlich. Es sei dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass man die Sache überaus ernst nehmen müsse, so schrieb er: Sein früherer Arbeitgeber habe ihn dringend gebeten, für ein paar Wochen an den alten Platz zurückzukehren.

Beim Arbeitsort handelt es sich um ein Bestattungsinstitut. Zum letzten Mal hat Nigel dort während des ersten Höhepunktes in der Covid-19-Pandemie im Frühling ausgeholfen.



Seit Sonntagabend wissen wir es offiziell: Ab sofort beschränken sich die gesetzlich noch erlaubten Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den 16 Millionen Menschen, die in und um London leben, und der restlichen Welt auf Laptop und Handy. (Lesen Sie hier mehr zur Corona-Mutation.)

Jedenfalls dann, wenn sie wie ich ihre Arbeit im Homeoffice erledigen können. Draussen regnet es. Ist egal. Eigentlich will man ja eh nicht aus dem Haus. Redet man sich wenigstens ein.

Die eigene Regierung ist ins Kreuzfeuer geraten

Nun bin ich trotzdem aus dem Haus gegangen und habe mir die Zeitungen geholt. Im Laden dieselbe Geschichte wie seit Anfang des ersten Lockdowns: Reden will niemand, man wirft sich von Gestell zu Gestell, als gelte es, dahinter in Deckung zu gehen, und wenn ein Maskenverweigerer mit forschem Blick auf die Kasse zusteuert, realisiert die restliche Kundschaft plötzlich, dass in ihrem Körbchen ja doch noch etwas fehlt.

Zum Autoren
zVg/Julian Hanford

Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Künzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussballspezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie «blue News» oder die NZZ. Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».

Verändert hat sich indes der Ton in der Presse, insbesondere in den konservativen Blättern wie der «Daily Mail» und den populistischen wie «The Sun». Derweil sie in der Vergangenheit jedes Debakel irgendwie so drehen konnten, dass die Verantwortung dafür nicht bei Premierminister Johnson lag, sondern bei Emmanuel Macron und Angela Merkel, ist es die eigene Regierung, die inzwischen ins Kreuzfeuer geraten ist.

So wirft man ihr in einem fulminanten Leitkommentar in der «Sun» vor, sie habe sich beim Entschluss für einen neuerlichen Lockdown im Zentrum der britischen Wirtschaft von Wissenschaftern, die der Menschheit auf immer und ewig Masken aufsetzen wollen, einschüchtern lassen.

Jeder Brite hat eigenen «gesunden Menschenverstand»

Als Leser wird man von der Flut von Behauptungen und Gegenbehauptungen in einen Sumpf der Ratlosigkeit gestürzt. Gleichzeitig bleibt es der Bevölkerung überlassen, aus all den Meinungen und Gegendarstellungen die Rosinen herauszupicken.



So appelliert Premier Johnson seit Monaten immer wieder an den «gesunden Menschenverstand» der Briten, nur tickt dieser bei jedem Briten leicht anders. Kurz nachdem er am Sonntag die neuen Massnahmen bekannt gab, waren die Bahnhöfe und Autobahnen verstopft von Menschen, welche die neuen Regeln – zum Beispiel die, dass Bewohner von Gegenden, die der neuen vierten und somit schlimmsten Stufe unterworfen sind, diese nicht mehr verlassen dürfen – im letzten Moment noch zu umschiffen trachteten.

Ein wiehernder Premier und viel Pausenplatzpolitik

Auch in der Schweiz, so entnehme ich den Medien, herrscht Unsicherheit und Uneinigkeit betreffend der Covid-Massnahmen. Der Unterschied zu Grossbritannien besteht darin, dass die zuständigen Instanzen immerhin versuchen, einigermassen nüchtern an die Sache heranzugehen.

Das ist in England nicht so. Erst vor wenigen Tagen war ein Austausch im Parlament zwischen dem Premierminister und dem Oppositionsführer Keir Starmer im Fernsehen zu sehen gewesen. Starmer hatte die Frage gestellt, ob die geplante einwöchige Lockerung der Covid-Regeln über Weihnachten angesichts der steigenden Fallzahlen wirklich zu verantworten sei.

Johnson wieherte daraufhin höhnisch wie ein Primarschüler auf dem Pausenplatz, wühlte sich im Haar und wandte sich seiner Fraktion zu: Man sehe wohl, was der wolle, der wolle den Briten die wohlverdienten Weihnachten stehlen! Rhetorik und Pausenplatzpolitik war ihm offensichtlich immer noch wichtiger als eine ernsthafte Debatte.

Solche Momente sind es, welche die britische Bevölkerung an den Motiven der eigenen Regierung und damit auch am Sinn ihrer Verordnungen zweifeln lässt. Die resultierende Verunsicherung nagt stärker am Gemüt als irgendwelche Regeln, wenn sie denn klar erklärt und begründet wären.

Die Nerven liegen blank

Übrigens liegen auch in unserem Haushalt die Nerven blank. Die Jüngste, 19, kehrte vor zehn Tagen, als dies noch erlaubt war, für die Weihnachtsferien aus der Kunstschule in Cornwall nach London zurück. Jetzt befürchtet sie, monatelang von den Eltern gefangen gehalten zu werden, wo sie diese doch soeben erst losgeworden war.

Als sie von den neuen Beschränkungen erfuhr, weinte sie zuerst einmal eine Stunde lang.

Heute steckt sie auch am späten Nachmittag noch immer im Pyjama.

Zurück zur Startseite