Krieg gegen RusslandAndrij verlor beide Arme, ein Bein – und ist zurück an der Front
Von Hanna Arhirova, Evgeniy Maloletka und Vasilisa Stepanenko, AP
24.2.2025 - 21:29
Drei Jahre Krieg: Schicksal der Ukraine offen
Zehntausende Tote, kaputte Städte, verwüstete Landschaften: Der 24. Februar markiert den dritten Jahrestag der russischen Invasion. 2022, an diesem schicksalhaften Morgen, gab Russlands Präsident Wladimir Putin den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine. Seitdem steht das zweitgrösste Land Europas am Abgrund und die Sicherheitsstruktur Europas ist ins Wanken geraten.
24.02.2025
In vielen ukrainischen Brigaden ist mindestens ein Soldat, der einen Arm, ein Bein oder mehrere Gliedmassen im Krieg verlor, im Einsatz. «Solange der Krieg andauert, werde ich nicht aufgeben», sagt einer von ihnen.
DPA, Von Hanna Arhirova, Evgeniy Maloletka und Vasilisa Stepanenko, AP
24.02.2025, 21:29
dpa
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Weil ein Sprengsatz unter ihm explodierte, waren beide Arme und das linke Bein von Andrij Rubliuk nicht mehr zu retten.
Aufgeben kommt für den ukrainischen Soldaten trotzdem nicht infrage: Mittelerweile ist Rubliuk wieder an der Front.
Auch andere Kriegsversehrte kehren direkt ins Kriegsgeschehen zurück, wie Oleksandr Pusikow. Er sagt: «Solange der Krieg andauert, werde ich nicht aufgeben.»
Eine überwältigende Kälte, Dunkelheit und Angst sind alles, an was sich Andrij Rubliuk erinnern kann. Die Welt wurde schwarz und leer, als ein Sprengsatz unter dem ukrainischen Soldaten detonierte. Das war vor zwei Jahren. Heute ist Rubliuk zurück im Kriegseinsatz – ohne Arme und ohne linkes Bein.
Schon im Moment der Explosion wusste Rubliuk, dass – falls er überlebte – sich sein Leben für immer verändern würde. Doch sobald er wieder zu Bewusstsein kam, schwor er sich, die Ukraine weiter zu verteidigen. «Mit Armen und Beinen zu kämpfen ist etwas, das jeder tun kann. Ohne sie zu kämpfen – das ist eine Herausforderung», sagt der 38-Jährige. «Aber nur wer Herausforderungen annimmt und sich ihnen stellt, ist wirklich lebendig.»
In vielen ukrainischen Brigaden ist mindestens ein Soldat, bei dem Gliedmassen amputiert werden mussten, im aktiven Dienst. Oft sind es mehrere Soldaten, deren Uniformen Prothesen an Armen und Beinen bedecken.
Kriegsversehrter bildet Soldaten aus
Rund 380'000 ukrainische Kriegsversehrte gibt es nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj in dem bislang drei Jahre lang währenden russischen Angriffskrieg. Etwa 46'000 Soldaten wurden getötet, Zehntausende werden vermisst oder sind in Kriegsgefangenschaft.
Viele im Krieg verletzte Soldaten kehren aus Pflichtgefühl in den Kampf zurück, gerade jetzt angesichts des wachsenden Drucks auf die Ukraine. Russland ist waffentechnisch und zahlenmässig überlegen, und der bisherige Verbündete USA nimmt nach dem Regierungswechsel in Washington Gespräche mit Moskau auf. Äusserungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump lassen für die Ukraine nichts Gutes erwarten.
Andrij Rubliuk ist seit letztem Frühjahr wieder bei den Spezialkräften, in denen er in der Aufklärungseinheit Artan Soldaten ausbildet und feindliche Drohnen überwacht. «Jeder neue Tag ist Teil meiner Rehabilitation», sagt er.
Auch ohne Arme und mit nur noch einem Bein stellt sich der Ukrainer Andrij Rubliuk in den Dienst seines Landes.
Bild: AP Photo/Evgeniy Maloletka
«Was bringt es, zu trauern?»
Ähnlich geht es Maxym Wysotskyi. Ihm riss eine Minenexplosion an der Front im November 2023 das linke Bein ab. «Ich akzeptierte schnell die Tatsache, dass mein Bein weg war», sagt der 42-Jährige. «Was nützt es, zu trauern? Weinen und sich Sorgen machen, bringt es nicht zurück.» Im Mai vergangenen Jahres trug er wieder seine Uniform. Für ihn fühle sich das wie eine Rückkehr nach Hause an, erklärt Wysotskyi.
«Man muss aus dieser Zeit nicht als jemand hervorgehen, der durch den Krieg gebrochen wurde», sagt er. «Du bist zurückgekommen und zeigst, dass du immer noch etwas tun kannst, und du wirst nur dann gehen, wenn du dich selbst dazu entscheidest.» Er leitet jetzt ein Team, das mit Sprengstoff beladene Drohnen einsetzt.
Oleksandr Pusikow verlor seinen linken Arm in Krieg. Zuvor war er als Sanitäter im Einsatz, nach Amputation und Behandlung in verschiedenen Krankenhäusern lässt er sich zum Psychologen ausbilden, um anderen Soldaten beizustehen. «Solange der Krieg andauert, werde ich nicht aufgeben», betont Pusikow, auch wenn er selbst unter heftigen Phantomschmerzen leidet. «Ich werde auf jede erdenkliche Weise helfen.»
Soldat wollte eigentlich eine Gaststätte eröffnen
Bei Oleksandr Schalinskyi war es der rechte Arm, der nicht zu retten war. Als seine Stellung im Herbst 2023 von einem Artilleriegeschoss getroffen wurde, war der Infanteriesoldat der einzige seiner Gruppe, der überlebte. Auf der Suche nach Hilfe wurde er schliesslich von Soldaten einer anderen Einheit entdeckt, die ihn in Sicherheit brachten. Von diesem Moment an gab es für Schalinskyi keinen Zweifel, dass er an die Front zurückkehren wollte, sobald die schwere Verletzung das zulassen würde.
Eigentlich wollte er zurück zur Infanterie, erklärt der 34-Jährige. Jetzt ist er als Navigator eingesetzt, wertet Einsätze aus und sucht die sichersten Evakuierungsrouten. «Anfangs mochte ich diesen Job nicht», sagt der Soldat. «Aber mit der Zeit habe ich diese neue Rolle akzeptiert.»
In einer Sache sind sich die Rückkehrer aber einig: Sobald der Krieg vorbei ist, wollen sie die Uniform ablegen. Vor dem russischen Einmarsch habe er davon geträumt, eine Gaststätte in seiner Heimatstadt zu eröffnen, sagt Schalinskyi. Diesen Traum will er sich so bald wie möglich erfüllen.
Andrii Rubliuk (links) gibt sein Wissen an andere Soldaten weiter.