Ungarn wählt den KurswechselOrbán abgewählt – eine Chance für die EU, die Ukraine und den Frieden?
Samuel Walder
13.4.2026
Durch den Machtwechsel könnte nun eine neue Ära in der EU starten. Doch es könnte auch nach hinten los gehen.
blue News/Keystone SDA
Ungarn erlebt ein politisches Erdbeben: Nach 16 Jahren wird Viktor Orbán abgewählt. Könnte durch den Machtwechsel nun auch im Ukrainekrieg und in anderen Staaten ein anderer Wind wehen? Ein Experte ordnet ein.
Viktor Orbán wurde nach 16 Jahren abgewählt und durch Péter Magyar mit einer Zweidrittelmehrheit ersetzt.
Trotz Wahlniederlage bleibt Orbán ein einflussreicher Akteur, da er Institutionen geprägt hat und Magyars breite Koalition innenpolitisch schwer stabil zu halten ist.
Für die EU bedeutet der Machtwechsel mögliche erleichterte Entscheidungen und eine potenziell härtere Linie gegenüber Russland.
In Ungarn kam es am Sonntag zu einem politischen Beben. Ungarns Langzeitpremier Viktor Orbán ist abgewählt. Nach 16 Jahren der Konfrontation mit der EU steht das Land vor einem Kurswechsel. Péter Magyar wurde mit einer Zweidrittelmehrheit als Nachfolger festgelegt.
In der Vergangenheit, besonders seit dem Ukrainekrieg, zeigte Viktor Orbán sein wahres Gesicht: Putin-nah, populistisch und auf keinen Fall einverstanden mit der EU. Was bedeutet nun dieser Machtwechsel für Europa – und dürften auch andere populistische Regime einen Richtungswechsel in Betracht ziehen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Hat Orbán noch einen Einfluss?
Klar ist: Ungarn steht vor einem Richtungswechsel. Orban ist aber nicht komplett von der Bildfläche verschwunden. Auf Anfrage von blue News erklärt Jonathan Slapin, Professor für Politikwissenschaften und europäische Politik an der Universität Zürich: «Orbán wird höchstwahrscheinlich nicht verschwinden. Er ist 62 Jahre alt und könnte die ungarische Politik noch jahrelang massgeblich beeinflussen, selbst wenn er diese Wahl verloren hat.»
Zudem habe er die letzten 16 Jahre Zeit gehabt, die Verfassung zu ändern, sowie Justiz und Medien nach seinen Vorstellungen zu besetzen. «Es ist nicht sicher, dass Orbáns autoritäre Massnahmen schnell rückgängig gemacht werden können», erklärt Slapin.
Mit seiner beachtlichen Mehrheit könnte Magyar einige von Viktor Orbáns autoritären Änderungen rückgängig machen, müsste dies jedoch auf eine Weise tun, die die liberale Demokratie fördert und nicht ihn selbst. Kurz gesagt: Magyar darf Orbáns Machtstrukturen nicht einfach durch seine eigenen ersetzen, sondern sollte echte demokratische Regeln wiederherstellen. «Ausserdem ist Magyars Unterstützerbasis eine breite und vielfältige Koalition, die nicht einfach zusammenzuhalten sein wird», sagt Slapin.
Köszönet minden magyarnak itthon és szerte a nagyvilágban!
Óriási megtiszteltetés, hogy a valaha volt legtöbb szavazattal hatalmaztatok fel minket kormányalakításra és arra, hogy a következő négy évben a szabad, európai, működő és emberséges Magyarországért dolgozzunk.
— Magyar Péter (Ne féljetek) (@magyarpeterMP) April 13, 2026
Das ist Jonathan Slapin
Universität Zürich
Jonathan Slapin absolvierte sein Studium der Politikwissenschaft an der Rutgers University und sammelte als DAAD-Stipendiat Auslandserfahrung an der Universität Konstanz. Im Jahr 2007 schloss er seine Promotion an der University of California in Los Angeles ab. Inhaltlich konzentriert sich seine wissenschaftliche Arbeit auf demokratische Systeme, Parteienforschung sowie Gesetzgebungsprozesse.
Auf Magyar kommt nun eine grosse Aufgabe zu: «Wenn Magyar erfolgreich sein will, muss er auch die Unterstützung von Menschen gewinnen, die zuvor Orbán unterstützt haben.» Das würde bedeuten, dass Magyar sich wohl kaum weit in eine linke oder progressive Richtung bewegen wird. Er werde die Unterstützung gesellschaftlicher Konservativer aufrechterhalten müssen und gleichzeitig demokratische Reformen vorantreiben.
Seit dem 1. August 2019 wirkt Slapin als Professor für politische Institutionen und europäische Politik an der Universität Zürich. Zuvor war er an mehreren international renommierten Hochschulen tätig, darunter die Universität von Nevada in Las Vegas, das Trinity College in Dublin, die Universität von Houston sowie die Universität von Essex. An letzterer übernahm er zudem die Leitung der angesehenen Essex Summer School für sozialwissenschaftliche Datenanalyse.
Startschuss für andere Regierungen?
Der Regierungswechsel in Ungarn ist ein Knall. Denn nach 16 Jahren einen Premier abzuwählen gelingt nicht immer. Die Frage liegt also nahe, ob so ein Ereignis auch in anderen Staaten als Signal wahrgenommen werden könnte. Slapin sagt dazu: «Es sendet das Signal, dass Amtsinhaber verlieren können, solange die Wahlen einigermassen frei bleiben – auch wenn sie nicht vollständig fair sind.»
Ähnliches habe man bei den letzten polnischen Präsidentschaftswahlen gesehen. Einerseits könnte das Ergebnis zeigen, dass Autokraten weiterhin angreifbar sind, was den Befürwortern der liberalen Demokratie Hoffnung geben könnte. Andererseits könnte es Anführer mit autoritären Tendenzen dazu veranlassen, noch härter daran zu arbeiten, eine Wahlniederlage zu vermeiden.
Polens neuer Präsident Karol Nawrocki ist seit August 2025 im Amt.
Pawel Supernak/PAP/dpa
Diese Wahl zeige zusammen mit der vorangegangenen Präsidentschaftswahl in Polen, dass Autokraten wahlpolitisch angreifbar sein können, auch wenn sie die Karten zu ihren Gunsten stapeln. «Solange es einigermassen freie Wahlen gibt, können Autokraten verlieren. Allerdings glaube ich nicht, dass diese oder eine andere Wahl auf eine größere Verschiebung quer durch Europa hindeutet.»
Was bedeutet der Regierungswechsel für Russland?
Es ist bekannt, dass Orbán ein Freund Putins ist. So fuhr er beispielsweise einen deutlich anderen Kurs als die EU und hat Waffenlieferungen in die Ukraine über Ungarn nicht toleriert und kritisierte Sanktionen gegen Russland stark. Orbán ist nun nicht mehr am Machthebel. Was bedeutet das für Russland?
Viktor Orbán (links) ist ein Befürworter Putins und gilt als rechtspopulistisch.
Valeriy Sharifulin/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Slapin erklärt: «Es wird der EU erleichtern, Massnahmen gegen Russland zu ergreifen und die Ukraine zu unterstützen. Orbán war zweifellos der pro-russischste europäische Staatschef.»
Es gebe jedoch nun andere Staatsoberhäupter, die in der EU die pro-russische Rolle übernehmen könnten, etwa Andrej Babiš in Tschechien oder Fico in der Slowakei. «Ob sie dieselbe Fähigkeit haben, die EU-Politik zu blockieren wie Orbán, oder ob sie sich nach Orbáns Abgang genauso stark engagieren, bleibt abzuwarten», sagt Slapin.
Was bedeutet das für die Ukraine?
Der Politologe sagt: «Die EU ist weitgehend in der Lage gewesen, Orbáns Widerstand gegen die Ukraine-Unterstützung zu umgehen, selbst als er noch an der Macht gewesen sei. «Die grössere Frage ist, wie der Krieg im Nahen Osten den Krieg in der Ukraine beeinflussen wird. Möglicherweise durch eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland», sagt Slapin.
Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico hat die Europäische Union aufgefordert, die Sanktionen gegen russische Öl- und Gasimporte aufzuheben. Darüber hinaus müsse die EU Maßnahmen ergreifen, um die Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline wiederaufnehmen zu können, sowie…
Welche Folgen hat der Machtwechsel für die Schweiz?
Das ist nicht ganz klar. Slapin sagt: «Wenn die EU in der Lage ist, Russland stärker zu sanktionieren oder der Ukraine mehr Unterstützung anzubieten, weil Orbán nicht mehr im Amt ist, könnte möglicherweise mehr Druck auf die Schweiz entstehen, die EU-Linie zu verfolgen.» Das könnte unter anderem beispielsweise heissen, gleiche Sanktionen gegen Russland zu erlassen.
Was bedeutet Orbáns Abwahl konkret für die EU?
Der Ex-Premier Ungarns hat sich regelrecht mit der EU angelegt. Besonders nach dem Start des Angriffskriegs in der Ukraine wütete Orbán gegen Brüssel. Slapin sagt: «Orbán war der EU lange ein Dorn im Auge, und sein Verlust wird die Entscheidungsfindung in Brüssel zweifellos erleichtern.»
Andere rechtsgerichtete Autoritäre, wie zum Beispiel der Premier der Slowakei, oder der Tschechische Ministerpräsident, hätten einen starken Verbündeten verloren und würden es schwerer haben, Brüssel zu beeinflussen. Das könnte bedeuten, dass Brüssel nun schneller handeln könne, wo man sonst Zeit hätte aufwenden müssen, um Wege um Orbán herum zu finden. «Dennoch bleiben ähnliche Politiker wie Babiš in Tschechien und Fico in der Slowakei weiterhin bestehen», so Slapin.
Wie stabil ist der politische Neustart in Ungarn wirklich?
Der Wechsel ist zwar gelungen, dennoch bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt. Slapin sagt: «Magyar führt eine breite Koalition an, die alles von progressiven Liberalen bis zu konservativen Nationalisten umfasst, die nur durch ihre Abneigung gegen Orbán vereint sind.»
Allerdings scheine Magyar eine Zweidrittelmehrheit im Parlament zu kontrollieren, was ihm ausreichend Macht gebe, Orbáns Reformen rückgängig zu machen.
Weiter erklärt der Experte: «Die Hoffnung ist, dass Magyar politische Institutionen wieder aufbaut, die Gewaltenteilung gegen Autoritarismus gewährleisten. Er sagt, das sei sein Ziel.»
Die Schwierigkeit bestehe darin, dies auf eine Weise zu tun, die wirklich freie und faire Institutionen schaffe und nicht den Eindruck erwecken würde, dass er Institutionen aufbaut, die ihn selbst unterstützen würden – wie es Orbán getan habe. «Aber mit einer so beachtlichen Mehrheit besteht Hoffnung, dass dies gelingen kann.»