System der Macht Orban kann auch mit Minderheit der Stimmen Wahl gewinnen

Stefan Michel

12.4.2026

Er hat seine Stimme abgegeben: Ministerpräsident Viktor Orban hat das Wahlsystem auf seine Partei Fidesz ausgerichtet. 
Er hat seine Stimme abgegeben: Ministerpräsident Viktor Orban hat das Wahlsystem auf seine Partei Fidesz ausgerichtet. 
Petr David Josek/AP/dpa

Die Opposition liegt laut Umfragen vorne, doch Ungarns Wahlsystem verzerrt die Wahl: Selbst mit mehr Stimmen könnte Péter Magyar scheitern. Nur mit einem deutlichen Vorsprung wird er Viktor Orban ablösen.

Stefan Michel

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  • Viele Prognosen sehen den Herausforderer Peter Magyar an den ungarischen Parlamentswahlen gegenüber dem Langzeit Ministerpräsidenten Viktor Orban im Vorsprung. 
  • Das von Orban eingeführte Wahlsystem begünstigt grosse Parteien, sodass selbst ein Stimmenrückstand zu einer Sitzmehrheit führen kann.
  • Experten zufolge braucht die Opposition einen deutlichen Vorsprung (mindestens 6, vielleicht auch 15 Prozent), um genügend Parlamentssitze zu erreichen, sodass sie den Ministerpräsidenten stellen kann.

Viktor Orban gibt am Morgen der Parlamentswahlen in Budapest den Demokraten: Er würde seinem Rivalen Peter Magyar gratulieren, sollte dieser diese gewinnen, sagt er. 

Die Umfragen sprechen für den Herausforderer. Das heisst, sie versprechen eine Mehrheit der Stimmen für den 44-Jährigen. Die meisten Parlamentsmandate sind seiner Partei Tisza damit aber keineswegs sicher. 

Dass dem so ist, liegt am Wahlsystem Ungarns, dass Ministerpräsident Orban vor 12 Jahren eingeführt hat. Nur 106 der insgesamt 199 Parlamentssitze werden direkt vergeben – an jene Kandidaten, die in ihren Wahlkreisen vorne liegen. Die übrigen 93 Mandate werden über Parteilisten verteilt, wobei ein komplizierter «Gewinnerbonus» zusätzliche Stimmen verschiebt, wie das «St. Galler Tagblatt» erklärt.

Das Ergebnis: Eine Partei kann mit deutlich weniger als der Hälfte der Stimmen am Ende eine komfortable Mehrheit der Parlamentssitze erringen.

Oppositionsführer Magyar forderte Orban auf, eine eventuelle Wahlniederlage «mit Würde» zu akzeptieren. (Archivbild)
Oppositionsführer Magyar forderte Orban auf, eine eventuelle Wahlniederlage «mit Würde» zu akzeptieren. (Archivbild)
Denes Erdos/AP/dpa

Knapper Vorsprung reicht Opposition nicht

Das ist in Staaten mit Majorz-Wahlsystem freilich nichts Neues. Auch Donald Trump hat 2016 die Präsidentschaftswahl gegen Hillary Clinton mit der Minderheit der Stimmen gewonnen, weil die Republikaner mehr Elektorenstimmen auf sich vereinen konnten.

Klar scheint: Eine knappe Mehrheit wird nicht reichen, damit Magyar Orban ablösen kann. Das hat der Thinktank Atlantic Council errechnet. Mindestens 6 Prozent Stimmen mehr müsse er erreichen. Eine Politologin der Universität Princeton geht sogar von 10 bis 15 Prozent Vorsprung aus, die der Herausforderer auf den Amtsinhaber herausholen müsse, schreibt das «St. Galler Tagblatt»

Prognosen widersprechen sich

Auch die die Prognosen liefern ein widersprüchliches Bild. Während unabhängige Institute die Opposition deutlich vorne sehen, prognostizieren regierungsnahe Umfragen einen Sieg für Orbans Fidesz.

Das US-Institut AtlasIntel, das bereits Trumps Wahlsieg korrekt vorausgesagt hatte, sieht Péter Magyar vorne – mit 12 Prozent Vorsprung.

Schon jetzt zeichnet sich eine hohe Wahlbetieligung ab. Fünf Stunden nach Öffnung der Wahllokale haben nach Angaben der zentralen Wahlbehörde bereits 37,98 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.

Damit liegt die Beteiligung deutlich höher als bei der letzten Parlamentswahl 2022 zum selben Zeitpunkt, als dieser Wert 25,8 Prozent betrug. Das regierungskritische Portal «hvg.hu» nennt dies bereits einen «absoluten Rekord», wie die SDA schreibt.

Die komplexe Zuordnung der Parlamentssitze bringt es mit sich, dass es lange dauern wird, bis aussagekräftige Hochrechnungen verfügbar sind. Das offizielle Endergebnis wird erst am Montag erwartet.