Nach dem Abzug des Westens setzen die Taliban auf den «Freund» China

Von Sven Hauberg

20.7.2021

Afghan militiamen join Afghan defense and security forces during a gathering in Kabul, Afghanistan, Wednesday, June 23, 2021. Taliban gains in north Afghanistan, the traditional stronghold of the country's minority ethnic groups who drove the insurgent force from power nearly 20  years ago, has driven a worried government to resurrect militias whose histories have been characterized by chaos and widespread killing. (AP Photo/Rahmat Gul)
Während die Taliban immer grössere Teile des Landes kontrollieren, versuchen diese Männer, ihnen Widerstand zu leisten.
Bild: Keystone

Der Abzug der westlichen Truppen hinterlässt ein Machtvakuum in Afghanistan. China versucht, die Leere zu füllen – und wird von den Taliban als «willkommener Freund» begrüsst.  

Von Sven Hauberg

20.7.2021

Nur 76 Kilometer ist die Grenze lang, die China und seinen Nachbarn Afghanistan voneinander trennt. Es sind 76 fast unüberwindbare Kilometer, die auf rund 5000 Metern Höhe durch menschenfeindliches Gebiet führen. Der einzige Übergang zwischen den beiden Ländern ist der Wakhjir-Pass, doch auch hier wagen sich nur selten Menschen über die Grenze, zu unzugänglich ist die Region.  

Dennoch wird Afghanistan für Peking immer interessanter. Das liegt vor allem daran, dass der Abzug der westlichen Truppen aus dem Land eine Leerstelle hinterlassen hat, die China nun zu füllen versucht.

Im Jahr 2001, nach den Terroranschlägen von New York und Washington, war eine von den USA angeführte Allianz in Afghanistan einmarschiert. Nun, fast 20 Jahre später, haben die westlichen Truppen das Land fast vollständig verlassen. 



Zurück bleibt eine verunsicherte und verängstige Bevölkerung – und eine Armee, die den vorrückenden Taliban wenig entgegensetzen kann. Die islamistische Terrorgruppe, die ab Mitte der 90er bis zu ihrer Vertreibung 2001 über Afghanistan geherrscht hatte, kontrolliert heute wieder mehr als die Hälfte der Bezirkszentren des Landes. Den Grossteil davon eroberten die selbsternannten Gotteskrieger in den vergangenen Wochen, seit dem Rückzug der westlichen Truppen. 

«Peking ist sich der Fallstricke sehr bewusst»

«China befürchtet eine Zunahme der Instabilität und Unsicherheit, die nach dem Abzug der westlichen Truppen auf das westliche China übergreifen könnte», erklärt Helena Legarda vom Mercator Institute for China Studies (Merics). «Aber Peking ist sich der Fallstricke eines zu starken Engagements in dem Land sehr bewusst und ist nicht bereit, einzugreifen und die USA zu ersetzen.» Vielmehr, so die Expertin für chinesische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zu «blue News», werde Peking «versuchen, seine wirtschaftliche Präsenz im Land auszuweiten».

Dabei schreckt die Führung offenbar auch vor einer Zusammenarbeit mit den Taliban nicht zurück – bereits Donald Trump hatte mit den Terroristen verhandelt und sie somit ein Stück weit gesellschaftsfähig gemacht. «China hat in den letzten Jahren mit den Taliban zusammengearbeitet, wobei der erste öffentlich angekündigte Besuch einer Taliban-Delegation in Peking im Jahr 2018 stattfand», erklärt Legarda. «Dies ist Teil des Versuchs Pekings, sich als Vermittler zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung und als Alternative zu den Vereinigten Staaten als Friedensvermittler zu präsentieren.» Versuche, die bislang allerdings erfolglos blieben.



Peking scheint in Afghanistan vor allem zwei Ziele zu verfolgen: wirtschaftliche Zusammenarbeit und Sicherheit. Auf der einen Seite will China im Rahmen der Neuen Seidenstrasse verstärkt mit Kabul zusammenarbeiten – ein Bemühen, das laut China-Expertin Legarda aber «nur begrenzten Erfolg haben wird – wenn überhaupt». Denn noch ist die Sicherheitslage in Afghanistan zu angespannt, als dass Peking grosse Investitionen in dem von Jahrzehnten des Krieges heruntergewirtschafteten Land tätigen würde.

Da scheint es auch wenig zu nutzen, dass ein Taliban-Sprecher unlängst im Interview mit der in Hongkong erscheinenden «South China Morning Post» Peking einen «willkommenen Freund» nannte: «Wir heissen sie willkommen. Wenn sie Investitionen haben, sorgen wir natürlich für ihre Sicherheit. Ihre Sicherheit ist für uns sehr wichtig», verkündete Taliban-Mann Suhail Shaheen vollmundig.

Erstaunliche Worte der Taliban

Gleichzeitig versprach Shaheen, für Sicherheit an der Grenze zu China zu sorgen. Seit Langem schon behauptet Peking, militante Gruppen aus der Provinz Xinjiang würden von Afghanistan aus Anschläge auf China vorbereiten. Die Taliban, so Shaheen, würden das in Zukunft unterbinden. «Es bleibt abzuwarten, ob die Taliban ihr Versprechen einhalten können oder werden», sagt Helena Legarda. «Aber sie versuchen eindeutig, China präventiv zu beruhigen, da sie erwarten, dass Peking nach dem Abzug der USA eine wichtigere Rolle in der Region spielen wird.»

Eine mögliche Allianz zwischen China und den Taliban verwundert allerdings schon allein deshalb, weil Peking in Xinjiang bekanntermassen Hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren in Umerziehungslagern gefangen hält.



«Die Taliban haben zur Situation in Xinjiang nicht ganz geschwiegen», sagt Merics-Experin Helena Legarda. «Aber sie haben sich, ähnlich wie andere Länder in der Region, weitgehend aus einer direkten Kritik an Chinas Politik und Menschenrechtsverletzungen herausgehalten.»

Die afghanischen Gotteskrieger scheinen tatsächlich keinen Widerspruch darin zu sehen, sich einem Regime anzudienen, das derart brutal mit den eigenen Glaubensbrüdern umgeht. So zitierte das «Wall Street Journal» unlängst einen hochrangigen Taliban mit erstaunlichen Worten: «Wir kümmern uns um die Unterdrückung von Muslimen, sei es in Palästina, in Myanmar oder in China, und wir kümmern uns um die Unterdrückung von Nichtmuslimen überall auf der Welt. Aber was wir nicht tun werden, ist, uns in die inneren Angelegenheiten Chinas einzumischen.» In Peking wird man die Stellungnahme mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben.