Was, wenn Trump den Schutz streicht? Plötzlich spricht Europa über Atomwaffen – und fürchtet das Schlimmste

Sven Ziegler

8.3.2025

Frankreichs Staatschef Macron mit US-Präsident Trump. 
Frankreichs Staatschef Macron mit US-Präsident Trump. 
Aurelien Morissard/AP

Donald Trumps wiederholte Zweifel an der Nato und der nuklearen Abschreckung lassen seine Verbündeten über Alternativen nachdenken. Die Debatte über die künftige Verteidigungspolitik ist in vollem Gange.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Donald Trumps Nato-Skepsis lässt Europa über alternative Verteidigungsstrategien nachdenken.
  • Deutschland diskutiert die Stärkung der nuklearen Teilhabe und eine engere Kooperation mit Frankreich und Grossbritannien.
  • Die Schweiz hat mit dem Kauf der F-35-Kampfjets ihre Abhängigkeit von den USA verstärkt, was innenpolitisch umstritten ist.

Wie sicher ist Europa noch? Diese Frage stellt sich das politische Berlin: Die Sicherheitsgarantien der USA seit 1945 galten in Deutschland als Eckpfeiler der Verteidigung. Doch Trumps wiederholte Zweifel am Artikel 5 des Nato-Vertrags und der erweiterten nuklearen Abschreckung führen beim Nachbarn im Norden zu einem Umdenken.

Diese Atomwaffen-Debatte in Deutschland ist historisch heikel und wurde jahrzehntelang als tabu betrachtet. Nun jedoch diskutieren laut Bertelsmann-Stiftung Sicherheitspolitiker offen, was passieren soll, «wenn ein US-Präsident wie Donald Trump den nuklearen Schirm über Europa zurückzieht».

Im Gespräch sind mehrere Szenarien. Einige Stimmen schlagen etwa ein gemeinsames europäisches Atomwaffenarsenal vor. Insbesondere Frankreich hat wiederholt einen strategischen Dialog über seine Force de frappe angeboten. Präsident

Ziehen in Sachen Ukraine-Politik nicht an einem Strang: der ukrainische Präsident Selenskyj (l.), Frankreichs Staatschef Macron und US-Präsident Trump. (Archivbild)
Ziehen in Sachen Ukraine-Politik nicht an einem Strang: der ukrainische Präsident Selenskyj (l.), Frankreichs Staatschef Macron und US-Präsident Trump. (Archivbild)
Julien De Rosa/AFP/dpa

Macron regte bereits 2020 an, den französischen Atomschutz auf Europa auszudehnen – und wiederholt gerade sein Angebot. Und auch Berlin spielt offen mit den Atomwaffen-Gedanken. So forderte CDU-Chef Friedrich Merz im Februar Gespräche mit Paris und London über einen erweiterten Nuklearschutz für Deutschland. 

«Tausend Atomsprengköpfe»

Manche Kommentatoren spielten sogar mit der provokanten Idee, Deutschland solle eigene Atomwaffen anschaffen oder entwickeln. So wurde in der aktuellen Debatte scherzhaft der Kauf von «tausend Atomsprengköpfen» aus US-Beständen ins Feld geführt.

Bestrebungen zum Kauf von Atomwaffen werden aber als heikel betrachtet: Experten verwerfen solche Vorschläge entschieden. Sie weisen auf Deutschlands verbindliche Nichtverbreitungsverpflichtungen hin: Der 2+4-Vertrag von 1990 schreibt den dauerhaften Verzicht auf ABC-Waffen fest – und ebenso der Atomwaffensperrvertrag von 1968.

«Die Idee einer deutschen nuklearen Abschreckung ist vollkommen unrealistisch», betont etwa Julia Berghofer vom European Leadership Network. Diese Einschätzung teilen viele sicherheitspolitische Analysten: Deutschlands Fokus sollte eher auf konventioneller Aufrüstung und der Stärkung bestehender Bündnisse liegen, statt an eine eigene Bombe.

Mehr Sparpotenzial bei konventionellen Streitkräften

Wahrscheinlicher ist deshalb eine Optimierung der nuklearen Teilhabe im Rahmen der Nato. Deutschland beherbergt bereits US-Atomsprengköpfe (B61) in Büchel und beteiligt sich an der Nato-Atomschlagplanung. Diese Abschreckung glaubwürdig zu erhalten, hat Priorität.

Eine ballistische Interkontinentalrakete startet im Rahmen eines bodengestützten Tests in Russland.
Eine ballistische Interkontinentalrakete startet im Rahmen eines bodengestützten Tests in Russland.
Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Die Analysten der unabhängigen Stiftung Wissenschaft und Politik empfehlen deshalb zwei Punkte: Erstens müsse Europa gegenüber Washington «geschlossener auftreten» und parteiübergreifend in den USA für den Wert des Nato-Bündnisses werben. Zweitens solle man innerhalb der Allianz nach konventionellen Alternativen suchen, um abzuschrecken.

Der Sicherheitsexperte Dr. Liviu Horovitz von der SWP hält es zudem für unwahrscheinlich, dass Trump ausgerechnet den nuklearen Schutz aus rein finanziellen Motiven streichen würde. Er sagt: «Geld sparen lässt sich viel mehr im konventionellen Bereich als im atomaren». Die US-Atombomben in Europa bleiben wohl vorerst, weil sie Washington politisch nützen und vergleichsweise geringe Kosten verursachen.

Auch Schweiz von USA abhängig

Und wo steht eigentlich die Schweiz? Auch sie bleibt vom neuen Rüstungsdruck nicht unberührt. Bereits 2021 – ausgelöst durch die veränderte Bedrohungslage in Europa – entschied sich der Bundesrat, die in die Jahre gekommene Kampfflugzeugflotte durch 36 hochmoderne F‑35A Lightning II zu ersetzen.

Innenpolitisch war die F‑35-Wahl äusserst umstritten. In einem Referendum im September 2020 billigte die Stimmbevölkerung neue Kampfjets nur mit hauchdünner Mehrheit. Kritiker warnten vor Abhängigkeiten und Souveränitätsverlust: Durch die vollständig US-gefertigte Technologie drohe ein «Ausverkauf der Datenhoheit» an die USA.

Ein Kampfflugzeug vom Typ F-35 der US Air Force startet von der US-Air Base Spangdahlem während der Luftwaffenübung «Air Defender 2023».
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-35 der US Air Force startet von der US-Air Base Spangdahlem während der Luftwaffenübung «Air Defender 2023».
Boris Roessler/dpa

Tatsächlich hängt die gesamte Kommunikations- und Dateninfrastruktur des F‑35 von US-Systemen ab – ohne enge Kooperation mit den USA kann die Schweiz Wartung, Updates und Betrieb kaum sicherstellen. 

Einerseits gilt der F‑35 als leistungsfähig und zukunftssicher, was die Schweizer Luftwaffe technologisch auf Nato-Niveau bringt. Andererseits bleibt die Langzeitabhängigkeit von den USA ein Thema. Die Realität, darin sind sich Experten einig, ist eindeutig. Die Schweiz ist durch den Kauf der F-35 auf die USA angewiesen: Software-Updates oder die Datenverarbeitung werden über den Loockeed-Martin-Konzern laufen. 

«Europa muss aufwachen»

Auch im restlichen Europa reagiert die Politik mit Aufrüstung und Bündelung der Kräfte. Ein oft zitierter Kommentar bringt es auf den Punkt: «Europa muss aufwachen und auf sich selbst achten». Das bedeutet nicht, die USA völlig zu ersetzen, wohl aber einen Plan B in der Tasche zu haben.

Die strategische Devise lautet einem SWP-Experten zufolge: Europa soll «eigene Verteidigungskapazitäten so ausbauen, dass man amerikanischen Interessen entgegenkommt» – in der Hoffnung, damit ein Mindestmass an US-Engagement zu bewahren. 

Die transatlantische Sicherheitsbeziehung ist in der Ära Trump II komplexer denn je. Europa balanciert zwischen Dankbarkeit für 70 Jahre Schutz und dem neu erwachten Bewusstsein, im Zweifelsfall alleine klarkommen zu müssen. Wie sich die Nato weiter entwickelt, bleibt abzuwarten.

Klar ist: Die europäischen Staaten investieren so viel in Verteidigung wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr, primär um Trumps Amerika zu besänftigen – und zugleich nie wieder völlig von ihm abhängig zu sein.


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