Forscher warnt vor Kreml-Boss «Putin muss uns nicht überfallen, um uns zu unterwerfen»

Gregoire Galley

8.5.2026

Für Wladimir Putin sind die europäischen Demokratien dekadent.
Für Wladimir Putin sind die europäischen Demokratien dekadent.
IMAGO/SNA

Der französische Anthropologe Wiktor Stoczkowski sieht Europa längst in einem ideologischen Konflikt mit Russland. Für ihn läuft Putins Krieg nicht nur an der Front in der Ukraine – sondern zunehmend auch in den Köpfen der Europäer.

Gregoire Galley

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Anthropologe Wiktor Stoczkowski warnt vor wachsendem russischem Einfluss auf europäische Demokratien.
  • Laut dem Forscher versucht der Kreml gezielt, Europa ideologisch zu destabilisieren.
  • Besonders gefährlich sei, dass Putins Weltbild längst in europäischen Debatten angekommen sei.

Für den französischen Anthropologen Wiktor Stoczkowski ist der Konflikt zwischen Europa und Russland längst Realität – allerdings nicht primär militärisch, sondern ideologisch.

Im Gespräch mit blue News erklärt der Forscher und EHESS-Professor, Putins grösste Stärke liege nicht in Panzern oder Raketen, sondern darin, Zweifel und Misstrauen innerhalb westlicher Demokratien zu säen.

«Die Ideen Putins haben unsere Grenzen bereits überschritten», sagt Stoczkowski. Der eigentliche Einfluss Russlands verlaufe über Propaganda und die Verbreitung eines Weltbilds, das westliche Demokratien als schwach, dekadent und zerfallen darstelle.

«Unwahrheiten und Denkfehler»

Der Wissenschaftler beschäftigt sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine intensiv mit Menschen, die laut ihm «wie Wladimir Putin sprechen».

Ausgangspunkt seiner Analyse seien westliche Stimmen gewesen, die nach Kriegsbeginn vor allem die Nato oder den Westen für den Konflikt verantwortlich gemacht hätten.

Krieg in der Ukraine

Seit Ende Februar 2022 tobt der Krieg zwischen der Ukraine und Russland. blue News informiert dich im Ukraine-Ticker zu den aktuellen Entwicklungen rund um den Konflikt.

«Diese Erklärung basiert auf Unwahrheiten und Denkfehlern», sagt Stoczkowski. Viele dieser Argumentationsmuster würden direkt aus der russischen Propaganda stammen.

Deshalb schreibt er in seinem Buch auch provokativ: «Putin muss uns nicht militärisch überfallen, um uns zu unterwerfen.»

Russland wolle Europa nicht zwingend erobern, sondern schwächen – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ziel sei es laut dem Forscher, Demokratien zu destabilisieren, Eliten zu korrumpieren und Europa voneinander zu spalten.

Europa als «dekadent» dargestellt

Besonders gefährlich sei laut Stoczkowski die ideologische Dimension dieses Konflikts.

Die russische Propaganda zeichne westliche Demokratien gezielt als moralisch verfallen und handlungsunfähig. Gleichzeitig werde Russland als letzte Bastion «traditioneller Werte» inszeniert.

«Viele der proputinischen Parteien legen in den Umfragen zu.»

Wiktor Stoczkowski

Anthropologe und Studienleiter an der EHESS.

Putin verfolge gleich zwei Ziele: Einerseits solle Europa gelähmt werden, andererseits wolle Putin auch die eigene Bevölkerung davon überzeugen, dass liberale Demokratien dem Untergang geweiht seien.

«Die Menschen sollen sich ohnmächtig fühlen», erklärt Stoczkowski.

Der Anthropologe zeigt sich zudem besorgt über politische Bewegungen in Europa, die aus seiner Sicht Narrative des Kremls übernehmen. Er nennt unter anderem das französische Rassemblement National, die AfD in Deutschland oder Reform UK in Grossbritannien. Viele dieser Parteien würden aktuell in Umfragen zulegen.

Besonders alarmierend findet Stoczkowski, dass Russland dabei nicht nur auf militärische Macht setze, sondern gezielt gesellschaftliche Konflikte verstärke. «Die Demokratie wird nicht zuerst auf dem Schlachtfeld angegriffen», sagt er. «Sie wird zuerst in unseren Köpfen angegriffen.»

«Europa hat sich geistig entwaffnet»

Für Stoczkowski haben sich europäische Demokratien nicht nur militärisch, sondern auch intellektuell verwundbar gemacht.

Deshalb müsse Europa lernen, sich besser gegen ideologische Einflussnahme zu schützen – nicht nur mit Waffen oder Sanktionen, sondern auch durch politische Bildung und eine widerstandsfähige demokratische Kultur.

Denn der eigentliche Kampf habe längst begonnen.

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