«Haben den Feind unterschätzt» Russischer General kritisiert Putin – und begibt sich in grosse Gefahr

Julian Weinberger

4.12.2025

Mit deutlichen Worten hat der russische General Wladimir Tschirkin (hier auf einem Bild von 2011) die Strategie seines Landes im Krieg gegen die Ukraine kritisiert.
Mit deutlichen Worten hat der russische General Wladimir Tschirkin (hier auf einem Bild von 2011) die Strategie seines Landes im Krieg gegen die Ukraine kritisiert.
Bild: IMAGO/Depositphotos

Russland hat im Ukraine-Krieg «eine ernste, harte Lektion erhalten»: So jedenfalls sieht es Wladimir Tschirkin. Mit seiner offenen Kritik wendet sich der russische Generaloberst direkt gegen den Kreml – und riskiert einiges.

Julian Weinberger

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Wladimir Tschirkin war einst Oberbefehlshaber der russischen Landstreitkräfte. In einem TV-Interview kritisiert der Generaloberst das russische Vorgehen im Ukraine-Krieg scharf.
  • Man habe die «eigenen Streitkräfte überschätzt» und sei nicht auf den Krieg vorbereitet gewesen, sagt Tschirkin.
  • Derartige Kritik aus höchsten Militärkreisen am Kreml und an Präsident Wladimir Putin ist äusserst selten. Beobachter gehen nun von harten Sanktionen gegen Tschirkin aus.

Kritik an Russland ist im Kreml nicht gerne gesehen. Das gilt für Stimmen aus dem Ausland, aber im Besonderen für jegliche Widerworte aus dem Inland. Bei öffentlich geäusserten Zweifeln an Präsident Wladimir Putin oder der russischen Strategie im Angriffskrieg gegen die Ukraine drohen empfindliche Repressalien.

Umso erstaunlicher sind Äusserungen, die Wladimir Tschirkin nun tätigte. Er befehligte einst die russischen Landstreitkräfte – und lehnte sich im Interview mit dem russischen Nachrichtensender RBK weit aus dem Fenster.

«Ich habe nicht vor, jemanden zu kritisieren, aber Russland war meiner Meinung nach erneut nicht auf einen Krieg vorbereitet», sagte der Generaloberst laut «Kiew Independent» und teilte in Richtung der Kremlführung um Wladimir Putin aus: «Wir haben den Feind traditionell unterschätzt und unsere eigenen Streitkräfte überschätzt.»

Seiner Meinung nach habe sein Land im Laufe des Krieges gegen das Nachbarland «eine ernste, harte Lektion erhalten».

«Schlechte Note» für den russischen Geheimdienst

Konkret legte er der militärischen Führung zulasten, sie sei am «Tiflis-Syndrom» erkrankt. Doch die Vorstellung, der Krieg gegen die Ukraine sei ähnlich schnell vorbei wie der fünftägige Krieg mit Georgien 2008 habe sich als fataler Trugschluss erwiesen. «Am 24. Februar sagten alle, der Krieg sei in drei Tagen vorbei. Aber leider kam es anders», kommentierte Tschirkin.

Der russische Geheimdienst habe «unbefriedigende» Ergebnisse zustande gebracht, kritisierte der einst hochrangige Militärangehörige: «Ich würde unserer gesamten Geheimdienstgemeinschaft eine schlechte Note geben.»

Zu Beginn des Krieges habe sich in Russland das Narrativ verbreitet, 70 Prozent der ukrainischen Bevölkerung seien «für uns». Dies habe sich als Fehlannahme entpuppt: «Es stellte sich heraus, dass es genau umgekehrt war: 30 Prozent für uns und 70 Prozent gegen uns.»

Darüber hinaus liess Wladimir Tschirkin anklingen, Russland habe deutlich mehr Soldaten im Krieg verloren, als offiziell bestätigt worden sei. Die tatsächliche Zahl «wisse die Armee», so Tschirkin, der gleichzeitig meinte, die ganze Wahrheit sei «noch nicht erzählt».

Andere Putin-Gegner gingen ins Exil – oder starben

Derart offen ausgesprochene und harte Kritik an der politischen und militärischen Führung Russlands ist sehr selten. Da habe er «noch nie zuvor auf so hohem Niveau» beobachtet, wunderte sich etwa der ukrainische Journalist Denis Kazanskyi.

Die Folgen für Tschirkin könnten gravierend sein. Bei Kritik am Krieg und der militärischen Führung drohen bis zu 15 Jahren Straflager. Noch dazu ist Tschirkin kein unbeschriebenes Blatt. 2013 verlor er seinen Posten wegen mutmasslicher Bestechung und wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Andere Gegner von Putin und der russischen Strategie bezahlten ihre Kritik sogar mit dem Leben – von Alexej Nawalny bis Alexander Litwinienko. Weitere kritische Stimmen wie Garri Kasparow und Michail Chodorkowski führen ihren Kampf gegen das russische Regime aus dem Exil.