Coronavirus

Schweden verzichten weiter auf Masken in der Öffentlichkeit

AP/twei

22.9.2020

Mund-Nase-Masken gehören in Schwedens Hauptstadt Stockholm nicht zum Alltag.
Mund-Nase-Masken gehören in Schwedens Hauptstadt Stockholm nicht zum Alltag.
Bild: Keystone

In der Coronapandemie geht Schweden einen Sonderweg. Derzeit sind die Infektionszahlen stabil. Aber ist das schon ein Hinweis, dass die Strategie aufgegangen ist?

Das Bild im morgendlichen Berufsverkehr von Stockholm hat keine Ähnlichkeit mit dem in so vielen anderen Ländern weltweit. An der Haltestelle Odenplan im Stadtzentrum betreten die Pendler ohne Gesichtsmasken die Züge, bevor sie auf ihren Smartphones lesen. Genauso sieht es in Bussen, Supermärkten oder Einkaufszentren im ganzen Land aus: Die Schweden leben weitgehend ohne die Masken, die in den meisten Ländern inzwischen zum Alltag gehören.

Der Verzicht ist Teil eines schwedischen Sonderwegs. Während die meisten europäischen Staaten zu Beginn der Coronapandemie strenge Einschränkungen verhängten, Schulen, Restaurants, Fitnessstudios und auch Grenzen schlossen, behielten die Schweden viele ihrer Freiheiten. Diese Strategie erregte international Aufmerksamkeit, führte aber auch zu einer Todesrate, die deutlich höher ausfiel als in den Nachbarländern.



Nun aber steigen die Infektionszahlen in Europa wieder. Nicht so in Schweden, wo jüngst nur 14 Menschen wegen der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Bedeutet diese Entwicklung, dass die schwedische Strategie aufgegangen ist?

Davon will der Chefepidemiologe des Landes, Anders Tegnell, nichts wissen. Er warnt immer wieder, es sei noch zu früh, um das zu beurteilen. Jedes Land befinde sich in einem unterschiedlichen Entwicklungsstadium der Epidemie.

WHO blickt auf Schweden

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht dennoch Anlass, sich den Verlauf in Schweden genau anzusehen. «Wir müssen anerkennen, dass Schweden derzeit die Zunahme der Infektionen vermieden hat, die in einigen anderen Ländern in Westeuropa auftritt», erklärt die WHO-Krisenkoordinatorin Catherine Smallwood. «Ich glaube, da sind Lektionen zu lernen. Wir sind sehr daran interessiert, mehr über den schwedischen Ansatz zu hören.»

Schweden meldete dem Europäischen Zentrum für Krankheitskontrolle zufolge zuletzt durchschnittlich 30,3 neue Fälle von Covid-19 pro 100'000 Einwohner innerhalb von 14 Tagen. In Spanien waren es 292,2, in Frankreich 172,1, in Grossbritannien 61,8 und in Dänemark 69,2. Sie alle hatten zu Beginn der Epidemie Ausgehbeschränkungen für ihre Einwohner verhängt.

Social Distancing ja, Maskenpflicht nein: Die schwedische Regierung um Gleichstellungsministerin Asa Lindhagen fährt im Kampf gegen das Coronavirus weiter einen eigenen Kurs.
Social Distancing ja, Maskenpflicht nein: Die schwedische Regierung um Gleichstellungsministerin Asa Lindhagen fährt im Kampf gegen das Coronavirus weiter einen eigenen Kurs.
Bild: Keystone

Ausserhalb von Schweden blickte man zunächst mit Erstaunen auf die Strategie dort, später kam auch Neid dazu, dass die schwedischen Unternehmen deutlich weniger Einschränkungen hinnehmen mussten als die in anderen Ländern. Es folgte aber auch ein Schock, als das Virus in Pflegeheimen und Hospizen wütete. Mitte April wurden mehr als 100 Todesfälle durch Corona pro Tag registriert, während die Todesraten in den anderen Ländern zurückgingen.

Kommt eine zweite Welle?

Eine schwedische Regierungskommission untersucht derzeit den Umgang mit der Pandemie und wird zweifellos schwierige Fragen zu beantworten haben: Haben die Behörden zu lange gewartet, bevor sie den Zugang zu Pflegeeinrichtungen beschränkten, wo etwa die Hälfte aller Todesfälle passierte? Haben sie zu langsam Schutzkleidung besorgt, obwohl die Probleme gerade in den Einrichtungen für alte Menschen lange bekannt waren? Warum dauerte es so lange, bis Testkapazitäten ausreichend zur Verfügung standen?

Trotz der derzeit positiven Entwicklung in Schweden will der Epidemiologe Tegnell eine zweite Welle nicht ausschliessen. Er blickt mit Sorge auf die Rückkehr der Schüler an die weiterführenden Schulen, die zum ersten Mal seit März in die Klassenzimmer kommen. Jetzt gelte es, aufmerksam zu sein und eine mögliche Ausbreitung zu verhindern, erklärt er.

Laut dem Epidemiologen Anders Tegnell ist eine zweite Coronawelle in Schweden möglich.
Laut dem Epidemiologen Anders Tegnell ist eine zweite Coronawelle in Schweden möglich.
Bild: Keystone

Örtliche Ausbrüche werden erwartet. Sie sollen aber nicht mit landesweiten Massnahmen, sondern auf lokaler Ebene bekämpft werden. Teil der Strategie sind Tests, eine Rückverfolgung von Kontakten der Infizierten und eine schnelle Isolation der Patienten. So würden Einschränkungen für das ganze Land unnötig, erklärt Gesundheitsministerin Lena Hallengren.

Schon zu Beginn der Pandemie erklärten Gesundheitsexperten in Schweden, sie verfolgten eine nachhaltige Strategie, die notfalls auch über Jahre fortgeführt werden könne. «Das ist ein Marathon, kein Sprint», wiederholten Kabinettsminister immer wieder.

Ratschläge statt Verbote

Die schwedische Bevölkerung vertraute dem Vorgehen und nahm die Einschränkungen hin, die es durchaus gab. Zusammenkünfte wurden auf weniger als 50 Menschen beschränkt, Treffen in Bars untersagt. Die Schweden wurden aufgefordert, von zu Hause zu arbeiten und Abstand zu anderen Menschen zu halten. Meist blieb es jedoch bei Ratschlägen vonseiten der Regierung, Verbote wurden nur selten ausgesprochen. Geldstrafen bei Verstössen wurden nicht verhängt.

Das Tragen von Masken wird nicht empfohlen, mit der Begründung, sie könnten ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln. Stattdessen gelten klare Regeln, die auch über einen langen Zeitraum eingehalten werden können: Alle Erkrankten bleiben zu Hause, Handhygiene wird beachtet und man bleibt auf Distanz zu den Mitmenschen. Das Modell basiert auf Vertrauen: Die Menschen vertrauen den Experten und Wissenschaftlern, die Richtlinien erarbeiten; die Regierung vertraut darauf, dass die Bevölkerung diesen Richtlinien folgt.



Gesundheitsministerin Hallengren will den Nutzen von Mund-Nasen-Masken nicht vollständig in Abrede stellen. Bei einem örtlichen Ausbruch seien sie sicher sinnvoll, erklärt sie. Für das ganze Land seien sie aber keine Option: «Die Leute werden nicht jahrelang Masken tragen.»

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