Zensur und Streisand-EffektTV-Verbot für Colbert – jetzt geht das Interview viral
Philipp Dahm
19.2.2026
Neue Regeln für die Medien: FCC-Chef-Brendan Carr (links) und Donald Trump. (Archivbild)
Bild:Keystone
Donald Trump dürfte die Entwicklung gefallen: Der Chef der Medienaufsicht FCC denkt laut über neue Regeln für politische Talkshows nach – mit spürbaren Folgen für die Presselandschaft. Das bekommt derzeit Stephen Colbert zu spüren. Seine «Late Show» durfte ein Interview nicht im Fernsehen ausstrahlen – online erreicht es nun dennoch ein Millionenpublikum.
«The Late Show with Stephen Colbert» sorgt für Aufsehen in der US-Medienlandschaft: Hintergrund ist ein Interview mit dem Demokraten James Talarico, das nicht im TV gezeigt werden durfte.
Colberts Sender «CBS News» beruft sich dabei auf eine mögliche Verschärfung fast 100 Jahre alter Regeln der Medienaufsicht – obwohl diese noch gar nicht formell geändert wurden.
Streisand-Effekt: Während Colberts Show im Schnitt rund 2,3 Millionen Zuschauende erreicht, verzeichnet das Interview online ein Vielfaches an Aufrufen auf YouTube, X, Instagram und TikTok.
«Wissen Sie, wer heute Abend nicht mein Gast ist?», fragt Stephen Colbert am 16. Februar in seiner «Late Show». «Der Abgeordnete aus Texas, James Talarico. Er hätte hier sein sollen, aber uns wurde von den Anwälten unseres Senders, die uns direkt angerufen haben, klipp und klar gesagt, dass wir ihn nicht in der Sendung haben können.»
Man habe ihm zudem nahegelegt, nicht öffentlich darüber zu sprechen, dass das Gespräch abgesagt worden sei, erklärt Colbert. «Und weil mein Sender offenbar nicht will, dass wir darüber reden: Lasst uns darüber reden.» Das Publikum reagiert mit lautem Applaus.
Stephen Colbert darf Jaems Talarico nicht nur nicht auftreten lassen, sondern nicht mal sein Bild zeigen. Die Person links ist nicht der demokratische Politiker, sondern nur eine Person auf einem Archivbild, die dem Texaner ähnelt.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
CBS reagiert offenbar vorsichtig, nachdem der Sender Colberts Vertrag nicht verlängert hat: Seine letzte «Late Show» läuft am 21. Mai. Der Moderator erklärt seinem Publikum den Hintergrund: Es gehe um die sogenannte equal-time rule der Medienaufsicht Federal Communications Commission (FCC).
Diese Bestimmung geht auf das Jahr 1927 zurück, als das Radio eine zentrale Informationsquelle war. Um politische Einflussnahme zu verhindern, mussten Sender während Wahlkämpfen allen Kandidaten vergleichbare Sendezeit einräumen.
Colbert an Carr: «FCCU»
Für Kabelsender, Streaming-Dienste und politische Talkshows gilt diese Regel bislang jedoch nicht, führt Colbert aus. «Es ist die altehrwürdigste Regel der FCC – gleich nach ‹keine Nippel beim Super Bowl zeigen›», sagt er mit Blick auf den «Nipplegate»-Vorfall bei der Halbzeitshow 2004.
«Skandal» im US-TV 2004: Janet Jackson + Justin Timberlake = Nipplegate.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
Am 21. Januar veröffentlichte FCC-Chef Brendan Carr eine Erklärung, in der er ankündigte, zu prüfen, ob die Ausnahmeregelung für politische Talkshows aufgehoben werden solle. Einige Sendungen seien «von parteipolitischen Zielen motiviert», so Carr.
«Well, sir, you're chairman of the FCC. So FCC you.»
Stephen Colberts Ansage an Brendan Carr.
Colbert wirft Carr vor, selbst politisch motiviert zu handeln. Zudem unterstellt er der Trump-Administration, kritische Stimmen im Fernsehen unter Druck setzen zu wollen.
«The View»: FCC ermittelt gegen Whoopi Goldberg und Co
Colbert führt das Interview mit James Talarico dennoch – veröffentlicht es jedoch ausschliesslich auf dem YouTube-Kanal der «Late Show». Er dürfe im Fernsehen weder eine URL noch einen QR-Code anzeigen, sagt der Moderator. Das habe CBS untersagt. Und das, obwohl Carr bislang lediglich angekündigt hat, die Regeln prüfen zu wollen.
Colbert spricht von «vorauseilendem Gehorsam» seines Senders. Er witzelt, dies habe wohl finanzielle Gründe, und erinnert daran, dass die Gleichbehandlungsregel nicht nur Auftritte betreffe, sondern auch das Zeigen von Bildern oder das Abspielen von Tonaufnahmen.
Immer, wenn wegen der FCC ein Gast ausfallen muss, zeigt die «Late Dhow» laut Colbert dieses Bild vom Behördenboss Brendan Carr.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
Und nicht nur Colbert hat wegen Talarico Ärger mit der FCC: Die Behörde ermittelt gegen die ABC-Talshow «The View», nachdem der texanische Demokrat dort einen Auftritt hatte. «Das ist schockierend», meint Colbert: «Talarico war bei ‹The View›, bevor er in meiner Show war? Et tu, Whoopi [Goldberg]!»
5,2 Millionen Klicks alleine auf YouTube: Interview geht viral
Der Effekt des TV-Verbots: Das Interview entwickelt sich online zum viralen Erfolg. Bereits eineinhalb Tage nach Veröffentlichung erreicht es auf YouTube 5,2 Millionen Aufrufe.
Talarico kritisiert im Gespräch die politische Gegenseite: «Das ist die Partei, die mit dem Kampf gegen Cancel Culture Wahlkampf gemacht hat. Und jetzt wollen sie kontrollieren, was wir sehen, was wir sagen, was wir lesen – das ist die gefährlichste Art von Cancel Culture.»
Die Trump-Administration gehe gegen «The View» und Jimmy Kimmel vor. «Sie gehen gegen Sie vor, weil sie die Wahrheit über das Schmiergeld von [CBS-News-Eignerin] Paramount an Donald Trump gesagt haben», betont Talarico mit Blick auf Colbert. «Die Chefs der Medienkonzerne verkaufen [die Pressefreiheit], um korrupten Politikern zu gefallen.»
Neues CBS-Statement regt Colbert mächtig auf
In der darauffolgenden Sendung vom 17. Februar legt Colbert nach. Recherchen hätten ergeben, dass die FCC seit den 1960er-Jahren keine Talkshow wegen eines Politiker-Interviews belangt habe. In seinen 21 Jahren im Geschäft habe er noch nie erlebt, dass der eigene Sender die Anwendung der equal-time rule verlange.
Mitteilung von CBS: Es sei wenig Papier, dafür dass es so vielen «Ä******» aus der Patsch helfen solle, sagt Colbert.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
CBS erklärt in einer Mitteilung, man habe das Interview nicht grundsätzlich untersagt. Colbert hätte jedoch auch andere demokratische Kandidaten aus Texas einladen müssen, da dort Vorwahlen begonnen hätten.
«Diese Entscheidung ist ihr gutes Recht», sagt Colbert. «Aber es ist auch mein gutes Recht, vor der Kamera darüber zu sprechen.» Das Publikum applaudiert, US-Nachrichtensendungen greifen den Vorgang auf.
Stpehen Colbert ist durch den Eklat selbst zur Nachricht geworden: Jemand solle ihm einen Job besorgen, scherzt er über sich selbst.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
Colbert kritisiert insbesondere, dass die Pressemitteilung seines Senders nicht mit ihm abgestimmt worden sei.
Colbert legt nach: «Ich bin nur überrascht, dass... »
«Dieses Statement wurde ganz klar von Anwälten geschrieben – ich denke für Anwälte», kommentiert Colbert. Dann erklärt er, dass er schon wisse, wen er einladen könne. Die Demokratin Jasmine Crockett, die in Texas eine Konkurrentin von Talarico ist, sei auch schon zweimal in seiner Show gewesen. Und nun dürfe er nicht mal ihr Bild einblenden, ohne alle Kandidaten aus Texas zu zeigen.
Jasmine Crockett, die Abgeordnete der Demokraten aus Texas? Darf Colbert so nicht zeigen.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
Stattdessen zeige er deshalb dieses Foto:
«Sie haben mich dazu gebracht», sagt Colbert – und zeigt Jeffrey Epstein mit Donald Trump.
YouTube/The Late Show wth Stephen Colbert
Und schliesslich geht Colbert ans Eingemachte: Der Sender wisse ganz genau, dass jedes Skript für die Show von den eigenen Anwälten geprüft und genehmigt würde – inklusive Grafiken und Bildern.
Zuletzt hätten ihn die Anwälte sogar während der Show zwischen zwei Segmenten hinter die Bühne gerufen, um ihn zu instruieren, was er zu befolgen habe. «Das ist noch nie passiert», sagt der Late-Night-Host über diesen Eingriff.
«Ich weiss nicht, worum es geht», erklärt er mit Blick auf die Mitteilung seines Senders. Er wolle auch gar keinen Ärger mit seiner Firma. «Ich bin nur überrascht, dass dieses gigantische, globale Unternehmen sich nicht gegen Bullys wehrt.»
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