Abschuss in Teheran – «sie haben es wohl nicht einmal kommen sehen» 

Philipp Dahm

10.1.2020 - 12:26

Hat der Iran über Teheran wirklich eine ukrainische Verkehrsmaschine abgeschossen? Und wenn ja: Wie kam es dazu? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Boeing-Absturz über Teheran: Das ukrainische Flugzeug mit 176 Menschen an Bord war am Mittwoch vom Himmel gestürzt. Es hat keine Überlebenden gegeben. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Verweigert der Iran die Zusammenarbeit?

Nein, inzwischen hat Teheran Experten verschiedener Länder eingeladen, an der Untersuchung der Absturzursache teilzunehmen: Die Nationale US-Behörde für Transportsicherheit in Washington verkündete, sie werde sich ebenso beteiligen wie Fachleute aus Grossbritannien, Frankreich und Kanada. An Bord der ukrainischen Maschine waren 176 Menschen, 63 davon kamen aus Kanada. Auch Flugzeughersteller Boeing soll Angestellte in den Iran geschickt haben.

Heisst das, Teheran kooperiert jetzt allumfassend?

Nein: Bisher ist die Regierung offenbar nur bereit, Ausländern die beiden schwer beschädigten Flugschreiber zu präsentieren. Es ist fraglich, ob diese vor Ort ausgewertet werden können: Stark beschädigte Geräte könnten alternativ in Washington, Paris oder Braunschweig ausgelesen werden. Braunschweig ist Sitz der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung.

Was wird den ausländischen Experten vorenthalten?

Die Fachleute bekommen bisher keinen Zugang zur Absturzstelle. Das wäre jedoch wichtig, um noch etwaige Raketenteile entdecken zu können oder Schmauchspuren an Flugzeugteilen festzustellen.

Was spricht für einen Abschuss der Maschine?

Dass der Funkkontakt zum Flugzeug sofort abgebrochen ist und auch der Transponder nicht mehr gesendet hat: Wäre ein Triebwerk explodiert, hätte die Elektronik noch funktionieren müssen. Ausserdem ist der «New York Times» ein Video zugespielt worden, das die Zeitung verifiziert hat. Der Clip zeigt, wie eine Rakete in ein Flugzeug einschlägt, das danach abstürzt.

Warum soll der Iran eine ukrainische Boeing abschiessen?

Das macht tatsächlich wenig Sinn. Der Westen spekuliert deshalb, die iranische Flugabwehr habe versehentlich geschossen. «Die Beweise zeigen sehr klar den möglichen und wahrscheinlichen Grund des Absturzes», sagte Kanadas Premier Justin Trudeau laut «New York Times» bei einer Pressekonferenz in Ottawa. «Wir nehmen an, dass das vielleicht versehentlich getan wurde.» Grossbritanniens Boris Johnson äusserte sich ähnlich. Selbst US-Präsident Donald Trump geht von einem Versehen aus.

Was spricht noch für einen Abschuss?

Amerikanische Frühwarnsysteme für interkontinentale Raketenabschüsse und Infrarot-Satelliten sollen Spuren der Flugabwehrraketen aufgezeichnet haben. Ausserdem bestätigte laut «Newsweek» auch der irakische Geheimdienst den Abschuss von iranischen Raketen.

Welches Flugabwehrsystem ist eingesetzt worden?

Experten gehen laut «Reuters» davon aus, dass es sich um das russische Tor-M1-System handelt, das bei der NATO Sa-15 Gauntlet heisst. Die Flugabwehr ist angeblich sehr treffgenau und somit tödlich.

«Sie haben es wohl nicht mal kommen sehen», sagte Michael Duitsman, vom Middlebury Institute of International Studies, «direkt nach dem Start waren die Piloten mit anderen Sachen beschäftigt.»

Warum die Flugabwehr die Boeing anvisierte, obwohl jene durch ihren Transponder zivile Signale ausgesandt hat, wird jedoch nicht erläutert.

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