Töten aus Vergnügen Italien ermittelt gegen reiche «Hobby-Sniper» im Bosnienkrieg

SDA

13.11.2025 - 22:45

Die Einwohner von Sarajevo wurden während der Belagerung der Stadt häufig von Scharfschützen beschossen.
Die Einwohner von Sarajevo wurden während der Belagerung der Stadt häufig von Scharfschützen beschossen.
IMAGO/Dreamstime

Italienische «Kriegstouristen» sollen im Bosnien-Krieg Geld dafür bezahlt haben, um als Heckenschützen Zivilisten zu erschiessen. Der grausame Skandal könnte nun die Regierung von Giorga Meloni beschäftigen.

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Keystone-SDA, Redaktion blue News

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  • Die italienische Justiz ermittelt mehr als 30 Jahre nach der Belagerung Sarajevos gegen «Wochenend-Scharfschützen».
  • Reiche Personen sollen während des Bosnien-Krieges viel Geld dafür bezahlt haben, Zivilisten zu erschiessen.
  • Ein italienischer Schriftsteller hatte Anzeige erstattet: Die Ermittlungen könnten nun die Identitäten der Täter offenlegen. 

Der Skandal um mutmassliche italienische «Kriegstouristen», die in den 1990er-Jahren als Scharfschützen an der Belagerung von Sarajevo teilgenommen und dafür bezahlt haben sollen, Zivilisten zu erschiessen, sorgt in Italien für Aufregung. 

Die oppositionelle Fünf-Sterne-Bewegung hat eine parlamentarische Anfrage an die Regierung gerichtet, um zu erfahren, ob die in den Archiven der italienischen Geheimdienste vorhandenen Dokumente zur «Sarajevo Safari» zugänglich gemacht werden können. Der Fall könnte bald die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni beschäftigen.

Italiens früherer Militärgeheimdienst Sismi soll vor etwas mehr als 30 Jahren «entdeckt» haben, dass sogenannte «Wochenend-Scharfschützen», darunter auch Italiener, von Triest aus zu tödlichen «Safari-Reisen» aufbrachen, um in der belagerten bosnischen Stadt Sarajevo zu töten. Sogar Frauen und Kinder waren Ziel dieser Taten. Dem Geheimdienst soll es gelungen sein, die Operation zu stoppen.

Italienischer Schriftsteller erstattete Anzeige

Möglicherweise existieren Dokumente, die die «Identitäten» dieser Mörder, der sogenannten «Touristen-Schützen», beinhalten, berichtete ein ehemaliger bosnischer Geheimdienstagent dem Schriftsteller Ezio Gavazzeni. Er hatte vor einigen Monaten eine Anzeige bei der Mailänder Staatsanwaltschaft erstattet, die zur Einleitung einer Untersuchung wegen mehrfachen Mordes aus verwerflichen und grausamen Motiven führte.

Die bosnischen Dienste erfuhren Ende 1993 von den «Jagdausflügen». Sie informierten den Militärgeheimdienst Sismi Anfang 1994. Nach drei Monaten erhielten sie die Antwort, dass die Reisen nach Sarajevo gestoppt worden seien. Die Namen der «Scharfschützen» wurden vom Sismi nicht übermittelt, berichtete Gavazzeni.

Die Zeugenaussagen und Dokumente, die nun geprüft werden müssen, stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen des Mailänder Staatsanwalts Alessandro Gobbis. In den Militärarchiven von Sarajevo seien die Dokumente zu dem Fall als «Top Secret» eingestuft.

Selbst die ehemalige Bürgermeisterin Sarajevos, Benjamina Karic, die bereit ist, vor der Mailänder Staatsanwaltschaft auszusagen, habe erfolglos versucht, über ein Gesuch Zugang zu den lokalen Justizunterlagen zu erhalten, berichtete Gavazzeni.

Wohlhabende Personen als «Scharfschützen-Touristen»

Laut der Anzeige handelte es sich bei den «Scharfschützen-Touristen» um wohlhabende Personen, teils mit rechten politischen Ansichten und Leidenschaft für Waffen. Die Reise sei als Jagdausflug getarnt gewesen, um die Teilnehmer unauffällig nach Belgrad und in den Einsatzraum zu bringen.

Die Scharfschützen reisten mit einer «serbischen Fluggesellschaft» und wurden in Belgrad von Personen empfangen, die sie per Helikopter zum Einsatzort brachten. Dabei soll es sowohl legale als auch illegale Geldflüsse gegeben haben – Dokumentationen über diese Transaktionen dürften bei den italienischen Diensten vorliegen, berichtete Gavazzeni.

Umgerechnet 74'000 bis 92'000 Franken soll ein «Jagdausflug» gekostet haben, schätzen italienische Ermittler. Auf Kinder zu schiessen, sei noch teurer gewesen.

Die Belagerung von Sarajevo ist eine der blutigsten Episoden des Krieges in Bosnien-Herzegowina, der zwischen 1992 und 1996 tobte. Er kostete rund 11'000 Menschen das Leben.