«Die Popkultur liebt Märtyrer – und Männer» So reagiert die Welt auf das Urteil von Sean «Diddy» Combs

Lea Oetiker

3.7.2025

Die Gerichtszeichnung zeigt Sean «Diddy» Combs. 
Die Gerichtszeichnung zeigt Sean «Diddy» Combs. 
sda

Das Urteil von Sean «Diddy» Combs wurde am Mittwoch verkündet: In zwei von fünf Anklagepunkten ist er schuldig. Das sind die Reaktionen – und so geht es weiter.

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Sean «Diddy» Combs wurde in zwei Anklagepunkten schuldig gesprochen, aber von schwereren Vorwürfen freigesprochen.
  • Das Urteil sorgt für Kritik, da viele einen Rückschritt für die MeToo-Bewegung sehen.
  • Combs bleibt in Haft, das Strafmass steht noch aus, und weitere Zivilklagen laufen.

Das Urteil

Nach der Urteilsverkündigung sank Sean «Diddy» Combs auf den Boden. Sein Gesicht vergrub er in seinen Händen. Dann soll er gebetet und den Geschworenen gedankt haben, wie die «New York Times» berichtet. 

Schliesslich richtete er sich wieder auf, umarmte seine Anwälte und drehte sich zum Publikum. «Danke. Ich liebe dich, Mama. Ich liebe euch», sagte er zu seiner 85-jährigen Mutter und zu seinen sechs Kindern.

Die zwölf Geschworenen – acht Männer und vier Frauen – sprachen den amerikanischen Rapper – auch bekannt als «P. Diddy» und «Puff Daddy» – in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig.

In den gravierendsten Anklagepunkten wurde der 55-Jährige freigesprochen: Sexhandel und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Letzteres hätte wohl eine lebenslange Freiheitsstrafe bedeutet. Die einfache Begründung: Keine genügenden Hinweise.

Schuldig gesprochen wurde er jedoch in Bezug auf die sogenannte Beförderung zum Zweck der Prostitution – einmal im Zusammenhang mit Ex-Freundin Cassie Ventura, einmal mit einer weiteren Frau, die sich «Jane» nennt.

Der Prozess

Der Prozess dauerte sechs Wochen. Über 30 Zeuginnen und Zeugen sagten aus, darunter frühere Partnerinnen und Mitarbeiter des Rappers. 

P. Diddy wurde vor Gericht gestellt, weil ihm Nötigung zur Prostitution, Drogenmissbrauch und organisierte Kriminalität vorgeworfen wurde. Im Mittelpunkt standen die sogenannten «Freak-Offs»: aufwendig inszenierte Sex-Partys, bei denen er laut Zeugenaussagen Frauen mit Drogen gefügig gemacht und zu sexuellen Handlungen gezwungen haben soll – darunter auch seine Ex-Freundin Cassie Ventura, deren Klage 2023 den Skandal auslöste.

Combs einigte sich mit Ventura einen Tag nach Einreichung ihrer Klage beim Bezirksgericht der Vereinigten Staaten für den südlichen Bezirk von New York. Auf Venturas Klage vom November 2023 folgten mehr als 60 weitere Zivilklagen, in denen der in Ungnade gefallene Mogul sexueller und körperlicher Misshandlung beschuldigt wurde.

Combs stritt alle Anklagen bis zuletzt ab. Die Frauen hätten freiwillig an seinen Sexpartys teilgenommen, versicherte er.

Das sagen die Medien zum Urteil

«Jetzt ist das Urteil da, und es ist so ziemlich das Beste, was der Angeklagte sich erhoffen durfte», schreibt der «Spiegel».

Die Jury glaubte Combs. «Offenbar hat nichts davon die Jury überzeugt. Nicht, als Cassie Ventura unter Tränen erklärte, dass sie sich wertlos, widerlich und wie ein Objekt gefühlt habe, ‹als hätte ich ihm sonst nichts zu bieten›», schreibt das Magazin weiter. «Die Jury hat nicht einmal überzeugt, was sie mit ihren eigenen Augen sehen konnte: das berüchtigte Überwachungsvideo aus dem Hotel Intercontinental von 2016.»

Auf dem Video ist zu sehen, wie Cassie Ventura versucht, das Hotel zu verlassen. Sean Combs geht ihr hinterher, reisst sie an den Haaren und wirft sie auf den Boden. Er tritt auf sie ein und versucht schliesslich, sie zurück in die Suite zu schleifen. Das Video soll entstanden sein, als Ventura versucht, von einer der berüchtigten «Freak Offs» zu flüchten.

«Am Ende kam es darauf an, ob man glauben konnte, dass eine Frau wirklich über Jahre jedes Wochenende die abgeschmackten sexuellen Fantasien ihres sehr mächtigen Freundes durchspielen wollte. Zwölf durchschnittliche New Yorker haben sich heute darauf geeinigt, dass das die wahrscheinlichste Variante der Realität ist», schreibt der «Spiegel» weiter. 

Und zum Schluss: «Die Me-Too-Bewegung hat dafür gesorgt, dass die Opfer sexueller Gewalt endlich ernst genommen wurden. Das Urteil gegen Combs ist ein Rückschritt in die Vergangenheit.»

«Jetzt ist das Urteil da, und es ist so ziemlich das beste, was der Angeklagte sich erhoffen durfte»

Der Spiegel

Zum Urteil von P. Diddy

Auch «The Atlantic» ist über das Urteil entsetzt. Sie schreiben: «Die Diskussion rund um den Fall dürfte sich wohl nicht allzu lange mit technischen Details aufhalten. Die Popkultur liebt Märtyrer, sie liebt Geschichten von Comebacks – und, um ehrlich zu sein, sie liebt Männer.»

Weiter heisst es im Artikel: «Unser Rechtssystem ist zweifellos unvollkommen und fehleranfällig, und Strafgerichte waren noch nie eine verlässliche Institution für Frauen, die sich als Opfer mächtiger Männer sehen.»

Sie schreiben zudem, dass Männer, die während der MeToo-Bewegung ins gesellschaftliche Abseits geraten waren, aktuell ein Comeback haben und als «rächender Aussenseiter» gefeiert werden. «Vor Gericht bereiteten die Anwälte von Combs ihn gezielt darauf vor, dass genau dieses Bild von ihm entsteht: Sie argumentierten, er sei ein erfolgreicher Mann, der zum Opfer verbitterter, geldgieriger Ex-Partnerinnen geworden sei.»

«Unser Rechtssystem ist zweifellos unvollkommen und fehleranfällig»

The Atlantic

Zum Urteil von P. Diddy

Auch «New York Times» äussert: «Selbst mehrere Wochen düstere Aussagen von engen Vertrauten, Angestellten und anderen darüber, wie er Macht und Ressourcen nutzte, um sie seinen Willen zu unterwerfen, reicht nicht aus, um ihn vollständig zu stürzen.»

Weiter heisst es: «Viele dieser Vorfälle spielten sich öffentlich ab und gerieten dann in Vergessenheit, wodurch Combs zu einer Art glänzender Dorian-Gray-Figur wurde.»

Das sagt Cassie Ventura zum Urteil

Kurz nach der Urteilsverkündung meldete sich auch das Anwaltsteam von Cassie Ventura zu Wort: «Dieses gesamte Strafverfahren begann, als unsere Mandantin Cassie Ventura im November 2023 den Mut hatte, ihre Zivilklage einzureichen», sagte Doug Wigdor in einer Erklärung.

«Obwohl die Jury Combs nicht zweifelsfrei des Sexhandels mit Cassie für schuldig befand, ebnete sie den Weg dafür, dass eine Jury ihn wegen Beförderung zum Zwecke der Prostitution für schuldig befand.»

Weiter heisst es: «Indem sie ihre Erfahrungen öffentlich gemacht hat, hat Cassie sowohl in der Unterhaltungsindustrie als auch im Kampf für Gerechtigkeit unauslöschliche Spuren hinterlassen.» Wigdor fügte hinzu, dass Ventura sich in einer «guten Verfassung» befinde und «erfreut» sei, dass Combs in beiden Anklagepunkten für schuldig befunden wurde.

Die Reaktionen

Viele Promis haben sich vom Rapmogul distanziert. Beispielsweise Leonardo DiCaprio, wie Insider damals berichteten. Von ihm tauchten plötzlich Bilder auf einer der berüchtigten Partys von P. Diddy auf. Genauso von Rapper Jay-Z.

«Dieser Junge ist ein böser Mann!», schrieb 50 Cent auf Instagram und verglich Sean Combs mit dem New Yorker Mafiaboss John Gotti. Rapper 50 Cent ist seit Langem ein lautstarker Kritiker von Combs.

Der weniger bekannte Rapper Boosie Badazz hingegen sagte in einem Video auf Instagram mit der Überschrift «Ein grosser Tag im Hip-Hop»: «Ich bin es leid, zu sehen, wie wir Schwarzen Mogule so fertig gemacht werden.»

«Cassie, ich glaube dir», schrieb die Sängerin Kesha wiederum auf X, in Bezug auf Klägerin und Combs’ Ex-Freundin Casandra Ventura. 

«Ich schätze, eine Jury will einfach nie glauben, dass eine Frau aufgrund von Macht und Zwang bleibt, wow», schrieb die Schauspielerin Rosie O’Donnell auf Instagram. «Diese Entscheidung macht mich wütend.»

Auch auf «X» äussern sich viele Nutzer*innen zum Fall. Beispielsweise schreibt eine Userin: «Das ist so erschütternd für Opfer sexuellen Missbrauchs. O. J. Simpson, Johnny Depp und jetzt P. Diddy haben alle bewiesen, dass den Frauen nicht zugehört wird, wenn der beschuldigte Mann jemand ist, den die Leute mögen – selbst wenn es erdrückende Beweise gegen ihn gibt. Diese Geschworenen können sich zum Teufel scheren.»

Eine andere Person schreibt: «Man könnte meinen, es gäbe keinen Unterschied zwischen Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung und dem Transport von Prostituierten, doch bei Ersterem ist Zwang im Spiel. Es ist ja nicht so, als hätten wir das Video nicht gesehen, in dem Diddy eine Frau brutal verprügelt. Die Reichen kommen immer davon. Im wahrsten Sinne des Wortes.»

So geht es nun weiter

Doch wie geht es nun eigentlich weiter? Seine Anwälte beantragten kurz nach dem Urteil eine Freilassung gegen Kaution bis zur Urteilsverkündung, was von der Staatsanwaltschaft aber abgelehnt wurde.

Die Entscheidung über das Strafmass im aktuellen Fall steht noch aus. Ihm drohen jedoch bis zu 20 Jahre Gefängnisstrafe. Experten erklären gegenüber der NYT, dass es mehrere Gründe dafür gibt, dass Combs' Strafe deutlich kürzer ausfallen könnte.

Experten gehen davon aus, dass Sean Combs vermutlich eine deutlich geringere Strafe erhält, weil Richter in solchen Fällen meist milder urteilen. Sie berücksichtigen dabei viele persönliche Faktoren wie die Vorgeschichte, das Verhalten und die Lebensumstände des Angeklagten.

Auch Aspekte wie karitatives Engagement oder berufliche Erfolge können eine Rolle spielen. Richter haben grossen Ermessensspielraum und orientieren sich oft an Richtlinien, müssen sich aber nicht strikt daran halten.

Neben dem abgeschlossenen Strafprozess laufen gegen Combs noch dutzende Zivilklagen, in denen ihm weitere Vergehen vorgeworfen werden. Über diese ist noch nicht entschieden worden.


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