«Eine Rede für die Gummizelle» So reagierte das Publikum auf Trumps Rede in Davos

Stefan Michel

22.1.2026

Trump liefret in Davos einen Rundumschlag, der zwar voller Unwahrheiten und Beleidigungen ist, aber trotzdem weltweit beachtet wird wie kaum eine Rede der letzten Zeit. 
Trump liefret in Davos einen Rundumschlag, der zwar voller Unwahrheiten und Beleidigungen ist, aber trotzdem weltweit beachtet wird wie kaum eine Rede der letzten Zeit. 
KEYSTONE

Die Welt hängt Trump an den Lippen, während er deren Leader mit Unwahrheiten und Anschuldigungen eindeckt. Die Reaktionen des Publikums auf dessen Rede sprechen Bände.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ein brechend volles Auditorium hat Präsident Trump an seinem 90-minütigen Rundumschlag teilhaben lassen.  
  • Das Publikum reagiert zurückhaltend, nervös, ungläubig und manche desillusioniert.
  • Einige verliessen den Saal vorzeitig.

Eines muss man ihm lassen: Präsident Trump zieht. Eine Stunde und länger wartet die exklusive Schar der Menschen mit einem Zugangs-Badge für das Davos Kongresszentrum, um in den Saal zu gelangen, in dem der Präsident seine Rede halten wird. Wer keinen Sitzplatz hat – oder nur den Badge für das Kongresszentrum, nicht aber für den Plenarsaal – nimmt in einem Nebenraum Platz, in den die Rede übertragen wird.

Die World Leaders wollen dabei sein, wenn Trump darüber spricht, was er alles erreicht hat und der Rest der Welt falsch macht. Und sie wollen live erleben, wie der Präsident von einem Nato-Miglied verlangt, ihm einen Teil seines Staatsgebiets zu überlassen.

Trumps 90 Minuten dauernde Rede enthält diverse Unwahrheiten. Dazu beleidigt er Bundesrätin Karin Keller-Sutter und lässt die europäischen Führungskräfte im Saal wissen, dass ihr Kontinent dabei sei, an Migration und linker Wirtschaftspolitik zugrunde zu gehen, nachdem die Staaten auf Kosten der USA zu Wohlstand gelangt seien. 

Kopfschütteln und nervöses Lachen

Interessant ist, wie die Zuhörenden im Saal auf diese Behauptungen reagieren, die die wenigsten von ihnen in dieser Schärfe teilen dürften. Der Berichterstatter des «Business Insider» vergleicht die Stimmung im Saal mit jener bei Tumps Auftritten in den USA: Der Applaus zu Beginn etwas bescheidener, dafür gibt es bei den umstrittenen Aussagen auch keine Buhrufe oder sonstwie geäusserte Ablehnung. «Das einzige Geräusch im Saal war unterdrücktes, nervöses Lachen. Lachen sie [die Anwesenden] mit ihm oder über ihn?» Der Journalist tippt auf Letzteres.

Matthias Steimer sass als Videojournalist – allerdings ohne Kamera – für CH Media im Saal. Für blue News fasst er seine Eindrücke so zusammen: «Nachdem bei Trumps Erscheinen alle aufstanden und das Handy zückten, verhielt sich das Publikum während seiner Rede zurückhaltend. Bei heiklen Stellen wurde jedoch durchaus geseufzt, geschnaubt und irritiert gelacht. Eine hochrangige Schweizer Politikerin schüttelte mehrmals heftig den Kopf. Trump konnte aber auch Lacher für sich verbuchen, die teils herzhaft, teils eher devot wirkten.»

Auch CNN beobachtet Kopfschütteln und Kichern, als Trump seine Argumente präsentiert, weshalb Grönland den USA zugeschlagen werden müsse. Nervöses Lachen gibts, als Trump seine nachweislich falsche Aussage wiederholt, China verkaufe zwar Windturbinen en masse, betreibe selber aber keinen einzigen Windpark.

Unglaube ob Trumps Rundumschlag

Als der Präsident nach einer Stunde Redezeit auf die von ihm befohlenen Nationalgarde-Einsätze in verschiedenen US-Städten zu sprechen kommt, sei das Interesse der internationalen Zuhörer*innen merklich gesunken und einige hätten den Saal verlassen, berichtet CNN.

Einer von ihnen ist ein Top-Manager eines europäischen Unternehmens, schreibt das «Handelsblatt» und zitiert ihn ohne Namen mit der Aussage, es sei nicht mehr auszuhalten gewesen, jeder andere würde für so eine Rede in der Gummizelle landen.

Ähnlich erging es einer Schweizer Managerin, die die Rede am Bildschirm verfolgte und einer Journalistin der «Aargauer Zeitung» schrieb, ihr werde schlecht, sie habe die Übertragung ausschalten müssen.

Standing Ovation oder Recken für Fotos?

Diverse Medien berichten, dass Trump zum Schluss von einem Teil des Publikums eine stehende Ovation erhalten habe. Einer, der dabei war und regelmässig politischen Reden beiwohnt, relativiert, es sei üblich, dass sich einige Anwesende am Schluss erheben, um Fotos zu machen. Ob die stehend Klatschenden von Trump begeistert sind oder nur eine bessere Position für ihr Smartphone gesucht haben, ist nicht klar. 

Matthias Steimers Fazit: «Trump wurde vom WEF-Publikum aufgenommen wie ein Showman, der mitunter lustig sein kann, aber tendenziell unbeliebt ist und immer wieder von Neuem befremdet.»

Die «Aargauer Zeitung» beschreibt, dass sich Zuhörer*innen bei Verlassen des Saals ungläubig anschauten. «Es ist einfach nur traurig», habe ein Manager gesagt. Was genau er traurig findet – die Ansichten des mächtigsten Mannes der Welt, die Tatsache, dass ihm deren Entscheidungsträger*innen trotzdem an den Lippen hängen oder die Konsequenzen, die Trumps Impulse haben können – behält er für sich.

Video zum Thema

Trump im Anflug: «Ich finde ihn manchmal noch cool»

Trump im Anflug: «Ich finde ihn manchmal noch cool»

Am Flughafen Zürich trotzen Planespotter der Kälte und warten auf das Flugzeug mit Donald Trump an Bord. Manche wollen einfach nur die Airforce One knipsen. Aber auch Fans des US-Präsidenten sind vor Ort.

21.01.2026