Forderung empört Kiew

Soll die Ukraine tatsächlich Land an Russland abtreten?

Von Philipp Dahm

25.5.2022

Selenskyj beklagt mangelnde Einheit des Westens

Selenskyj beklagt mangelnde Einheit des Westens

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos den westlichen Ländern vorgeworfen, nicht vereint an der Seite seines Landes zu stehen. Selenskyj war per Video in die Schweiz zugeschaltet. Er warf insbesonde

25.05.2022

Weltpolitik am WEF: Erst fordert Henry Kissinger in Davos territoriale Zugeständnisse von Kiew, und schon kontert Wolodymyr Selenskyj. Die Frage ist: Kann es Frieden geben, ohne dass Putin etwas bekommt?

Von Philipp Dahm

25.5.2022

Henry Kissinger mag zwar 98 Jahre alt sein, doch der frühere amerikanische Aussenminister und Sicherheitsberater unter Richard Nixon und Gerald Ford ist noch immer ein politisches Schwergewicht und ein gern gesehener Gast. Kein Wunder, dass der in Deutschland geborene Diplomat auch beim WEF in Davos eingeladen ist.

Per Video warnte Kissinger das Schweizer WEF-Publikum, der Krieg in der Ukraine könne die globale Ordnung nachhaltig verändern. Russland spiele seit 400 Jahren eine wichtige Rolle auf dem Kontinent, was Europa nicht vergessen dürfe.

Wolodymyr Selenskyj spricht am 23. Mai erstmals zum WEF-Publikum in Davos.
Keystone

«Die Friedensverhandlungen müssen in den nächsten zwei Wochen beginnen», glaubt Kissinger. Sollte das nicht der Fall sein, werde es schwerwiegende «Umwälzungen und Spannungen» geben. Die Parteien sollten den Status quo wiederherstellen, glaubt Kissinger. «Wenn man den Krieg über diesen Punkt hinaus führen würde, ginge es nicht mehr um die Freiheit der Ukraine, sondern einen neuen Krieg gegen Russland selbst.»

Kissinger ist mit seiner Meinung nicht allein. Spätestens seit die «New York Times» am 19. Mai einen Artikel veröffentlicht hat, der territoriale Zugeständnisse der Ukraine fordert, um den Krieg zu beenden, fragen sich Beobachter im Westen, wie es weitergehen soll: Kann der Konflikt enden, wenn Kiew die Grenzen wiederherstellen will, wie sie vor 2014 waren?

Selenskyj kompromisslos – und dem Volk gefällt's

Der Präsident der Ukraine nimmt das Thema am 25. Mai direkt auf, als er erneut beim WEF zugeschaltet wird. «Die Ukraine wird kein Territorium abgeben», antwortet Wolodymyr Selenskyj auf eine entsprechende Frage. «Wir kämpfen in unserem Land, auf unserem Boden.» Sein Volk führe keinen Krieg gegen jemanden, sondern kämpfe «um unser Land, unsere Freiheit, unsere Unabhängigkeit und unsere Zukunft».

Der 44-Jährige erklärt auch, warum er Verhandlungen mit Russland derzeit skeptisch sieht: Moskau müsse zuerst seine Truppen auf die Positionen von vor dem 24. Februar zurückziehen, bevor er Wladimir Putin treffen könne. Selenskyj bleibt damit seiner Linie treu: Seit Kriegsausbruch lehnt er es immer wieder ab, ukrainisches Land abzutreten.

Der Präsident kann darauf zählen, dass das Volk in der Frage hinter ihm steht, suggeriert eine aktuelle Umfrage: Demnach lehnen es 82 Prozent der Befragten wie Selenskyj ab, Russland Gebiete zu überlassen – auch wenn das bedeuten würde, dass sich der Krieg verlängert. Eine Haltung, die zum bisher gezeigten unbedingten Willen passt, Widerstand zu leisten.

Die «Davos-Angstmacher»

Allein der Vorschlag, Russland Territorium zu überlassen, ist für viele Ukrainer*innen ein Affront. So nach dem Motto: Während unsere Landsleute in den Schützengräben sterben, um Moskaus Vorstoss Richtung Westen aufzuhalten, wollen dort manche ukrainisches Land weggeben, um Putin ja nicht zu reizen und endlich Ruhe zu haben.

Kissinger und die «Davos-Angstmacher» würden beim Volk jedoch kein Gehör finden, twittert dann auch Präsidentschaftsberater Mychailo Podoljak: Die Ukrainer seien «ein wenig beschäftigt damit, Freiheit und Demokratie zu verteidigen», ätzt der 50-Jährige. Podoljak, der Chefunterhändler bei den früheren Friedensverhandlungen mit Russland war, wartet neben Polemik aber auch mit einem Argument auf.

Wenn die Ukraine Land abgäbe, wären Polen und Litauen als Nächste dran, spitzt Podoljak zu. Nüchtern betrachtet ist die Frage aber legitim: Wann haben in der Geschichte territoriale Zugeständnisse je Aggressoren dazu gebracht, sich zu mässigen?

Der «Anschluss» des Sudetenlandes und Österreichs durch Nazi-Deutschland 1938 sind ein warnendes Beispiel.