Odessa Statt Touristen sind nun Seeminen im Meer

Von Maximilian Haase

18.6.2022

Odessa: Ein Sommer mit Minen und Militär

Odessa: Ein Sommer mit Minen und Militär

Das ukrainische Militär hatte bereits in den ersten Wochen der russischen Invasion Gebiete vermint, um Amphibienangriffe durch die russischen Streitkräfte zu verhindern.

10.06.2022

Einst galt Odessa als «Perle am Schwarzen Meer». Der Krieg hat in der ukrainischen Hafenstadt alles verändert. Statt Touristen am Strand liegen nun Seeminen im Wasser. Dass sie nicht geräumt werden, hat Gründe.

Von Maximilian Haase

18.6.2022

Bis vor wenigen Monaten war Odessa ein beliebter Ferienort mit reichem kulturellem Erbe. Doch seit Kriegsbeginn scheint in der «Perle am Schwarzen Meer» alles anders. In den alten Katakomben der ukrainischen Hafenstadt, in denen einst Kriminelle ihr Beutegut sicherten, entstehen nun Bunker, wie eine Reportage in der «Süddeutschen Zeitung» eindrücklich dokumentiert.

Derweil liegen dort, wo sich im letzten Sommer noch Touristen am Strand tummelten, nun Seeminen im Wasser. Erst kürzlich kam in Odessa ein Mann bei einer Explosion ums Leben, als er die Wassertemperatur im Meer testen wollte. Laut Angaben der Behörden hatte er den Strand trotz aller Warnungen betreten.

Nicht nur diese Lebensgefahr sorgt seit Wochen für Debatten über Ursprung und Folgen der Seeminen. «Die Funktionsweise der Sprengkörper ist heimtückisch, ihre Räumung extrem komplex», heisst es in einem «Spiegel»-Artikel zum Thema.

Traumstrand ohne Touristen: An der Schwarzmeerküste der Hafenstadt Odessa wird vor Seeminen gewarnt. (Archivbild)
Traumstrand ohne Touristen: An der Schwarzmeerküste der Hafenstadt Odessa wird vor Seeminen gewarnt. (Archivbild)
Keystone/EPA/STEPAN FRANKO

Angst vor russischem Angriff

Die Frage nach Anzahl und Herkunft der Minen ist schwierig zu beantworten: Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, das Schwarze Meer vermint zu haben. Wahrscheinlich ist, dass beide Seiten dafür verantwortlich sind. «Zu Beginn des Konflikts haben die Ukrainer wohl mehr Minen gelegt, um Odessa zu schützen», erklärt der Londoner Marine-Experte Sidharth Kaushal im «Spiegel»: «Später waren es dann die Russen.» Unklar ist indes, um wie viele Minen es sich insgesamt handelt – und an welchen Orten sie platziert wurden.

Die Gegend um Odessa hätte die Ukraine «mit Minensperren versehen, um einer amphibischen Landung russischer Streitkräfte zuvorzukommen», erklärt dem Magazin «Die Reserve» auch Johannes Peters vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Davor habe die ukrainische Marine «klar gewarnt und die internationale Schifffahrt über diese Minenbedrohung informiert».

Aus Angst vor einem russischen Angriff, so teilte die ukrainische Regierung Anfang Juni mit, sei man nicht bereit, den Hafen von Odessa von Minen zu befreien. «Sobald die Zufahrt zum Hafen von Odessa von Minen geräumt wird, wird die russische Flotte dort sein», sagte ein Sprecher der Regionalverwaltung der Stadt in einer Videobotschaft im Messenger-Dienst Telegram mit. Russland «träume davon», Soldaten dort per Fallschirm landen zu lassen.

Seeminen verhindern Auflösung der Blockade

Dass die Räumung derzeit diskutiert wird, hat auch einen weltwirtschaftlich entscheidenden Grund: Denn die Seeminen halten nicht nur die potenziellen russischen Angreifer fern – auch eine mögliche Auflösung der von Russland verhängten Seeblockade wird durch die tödlichen Sprengladungen schwieriger. Seit Kriegsbeginn blockiert die russische Armee die ukrainischen Häfen – und damit den für das Land und die ärmeren Weltregionen so wichtigen Export von Weizen.

Die Ukraine gilt als einer der grössten Weizenexporteure weltweit, neun Prozent des Getreides weltweit kommen aus dem Land. Der grösste Teil davon wurde vor dem Krieg über Odessa ausgefahren. Nun warten Millionen Tonnen in den Lagern auf Ausfuhr – nur zehn Prozent davon haben es bislang über den alternativen Landweg aus der Ukraine geschafft.

Die Folgen sind überaus dramatisch; in vielen Ländern droht eine Hungerkrise. «Die Preise sind bereits sehr hoch, aber richtig extrem wird es im Juli», warnte der ukrainische Agrarminister Mykoly Solskyj im «Spiegel» vor den Auswirkungen auf den Weltmarkt. 

Schiffen soll Durchfahrt ermöglicht werden

Europäische Länder wie Frankreich haben derweil angekündigt, sich an einem möglichen Einsatz zum Beenden der Blockade von Odessa zu beteiligen. Ziel sei es, Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen, um das in der Ukraine gelagerte Getreide zu exportieren, hiess es etwa aus Paris.

Zuvor hatte Russland sich bereit erklärt, die Sicherheit getreideexportierender Schiffe aus ukrainischen Häfen zu garantieren. Geschehen könne dies «in Zusammenarbeit mit unseren türkischen Kollegen», wie der russische Aussenminister Sergej Lawrow erklärte. Bleibt die Frage, ob derlei Sicherheitsgarantien die Angst der Ukrainer vor einem Angriff auf Odessa lindern können. 

Ein Hochzeitspaar lässt sich kurz nach der Trauung hinter einem Schutzwall aus Sandsäcken vor der Oper von Odessa fotografieren.
Ein Hochzeitspaar lässt sich kurz nach der Trauung hinter einem Schutzwall aus Sandsäcken vor der Oper von Odessa fotografieren.
Kay Nietfeld/dpa

Mit Material von AFP und dpa