Konflikt in Sudan Die Hölle von Al-Faschir und die Ohnmacht der Welt

dpa

14.11.2025 - 09:08

Tötungen, Folter, Vergewaltigungen und Hunger. Die Menschen in der sudanesischen Region Darfur leiden unter schwersten Gräueltaten. Jetzt berät der UN-Menschenrechtsrat, was getan werden kann.

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  • In Al-Faschir herrscht akute Hungersnot und humanitäre Katastrophe, da die RSF-Miliz die Stadt kontrolliert, Fluchtwege blockiert und Hilfslieferungen verhindert.
  • Die Kämpfe in Darfur sind ethnisch motiviert, richten sich laut UNO gezielt gegen nicht-arabische Gruppen und erinnern Beobachter an den Völkermord in Ruanda.
  • Der UNO-Menschenrechtsrat kann lediglich politischen Druck ausüben, während Friedensverhandlungen bislang an fehlender Zustimmung der Armee und geopolitischen Interessen scheitern.

Ernster könnte die Lage im von der Armee und der RSF-Miliz umkämpften Sudan kaum sein. Seit zweieinhalb Jahren leidet auch die Bevölkerung in dem Land am Horn von Afrika unter dem Konflikt, ihre Not wird immer grösser. Aus der Grossstadt Al-Faschir in der westlichen Region Darfur berichten Geflüchtete von roher Gewalt der Milizen, Mord, Folter und Kriegsverbrechen. In Genf berät der UN-Menschenrechtsrat heute in einer Dringlichkeitssitzung über die Lage. Die Frage, die sich stellt: Was kann das bringen?

Warum ist die Lage in Al-Faschir so katastrophal?

Nachdem Al-Faschir rund eineinhalb Jahre von den RSF belagert und heftig umkämpft wurde, ist die Grossstadt Ende Oktober von der Miliz eingenommen worden. Seitdem sind Experten zufolge rund 260'000 Menschen ohne Nahrung und medizinische Versorgung in der Stadt eingeschlossen. Die RSF blockiert Fluchtwege. Die weltweit als Autorität für Ernährungssicherheit anerkannte Initiative IPC (Integrated Food Security Phase Classification) spricht von einer Hungersnot in Al-Faschir. 

«Auf den Strassen sind viele Leichen, Tote überall, und viele Kinder, die ihre Familien verloren haben» berichtete Amira, die es mit ihrem Kind auf dem Rücken in die Nachbarstadt Tawila schaffte, dem UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA).

Warum hilft die UNO den Menschen in Al-Faschir nicht?

Sie hat keinen Zugang zur Stadt. «Seit Juli verlangen wir eine humanitäre Waffenruhe in Al-Faschir, damit unsere lebensrettenden Konvois mit Lebensmitteln und Medikamenten sicher zu den Bedürftigen gelangen können. Wir wurden von der RSF blockiert», sagt der UNO-Nothilfekoordinator Tom Fletcher, der gerade in Darfur unterwegs ist. Die Vereinten Nationen haben keine Truppen, die den Weg für humanitäre UNO-Hilfe in Konfliktgebiete freikämpfen können. 

«Lebensrettende Hilfsgüter stehen bereit», sagt ein Sprecher von Fletchers Büro. «Wir brauchen aber Garantien, dass wir die Hilfsgüter sicher verteilen können.» Die UNO ist in Tawila, rund 60 Kilometer südwestlich von Al-Faschir. Dort sind viele der mehr als 80'000 Menschen, die seit Ende Oktober aus Al-Faschir geflohen sind, angekommen. 

Worum geht es bei den Kämpfen in Darfur?

In Darfur ist der Konflikt massgeblich von ethnischen Faktoren geprägt, die eng mit Fragen von Landrechten, Ressourcenverteilung und politischer Marginalisierung verwoben sind. Dabei geht es vor allem um Konkurrenz um Land und Wasser zwischen sesshaften, nicht arabischen Volksgruppen und traditionell nomadischen, arabischen Gruppen.

Die RSF ist eine Nachfolgeorganisation arabischer Milizen und geht Berichten von UNO-Vertretern zufolge gezielt gegen den nicht-arabischen Teil der Bevölkerung vor. Das Sudanesische Ärztenetzwerk wirft den RSF «Völkermord» vor. Auch der Sudan-Gesandte des UNO-Kinderhilfswerks Unicef, Sheldon Yett, vergleicht die Lage im Sudan mit dem Genozid in Ruanda in den 1990er Jahren. 

Wie ist die Lage im Rest des Landes?

Die Lage gilt als die aktuell grösste humanitäre Krise der Welt. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht. Etwa 26 Millionen Menschen, gut die Hälfte der Bevölkerung, sind von Hunger bedroht. Nach einer von den USA zitierten Schätzung könnten seit Ausbruch des Konflikts im April 2023 bis zu 150'000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Hauptstadt Khartum hatte die Armee im Frühjahr 2025 zurückerobert. Beiden Seiten des Konflikts werden Kriegsverbrechen und schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Armee wie die RSF weisen jede Schuld von sich. 

Was kann der UN-Menschenrechtsrat ausrichten?

Anprangern und moralischen Druck erhöhen, kaum mehr. Der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hat die Gewaltexzesse in Al-Faschir und anderen Regionen des Sudan mehrfach verurteilt. Er spricht von «abscheulichen Gräueltaten, summarischen Hinrichtungen, Vergewaltigungen und ethnisch motivierter Gewalt». Er verurteilt Staaten, die Waffen an die RSF liefern, aber mangels eindeutigen Beweisen nennt er keine beim Namen. Konfliktforscher machen unter anderen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) für Waffenlieferungen an die RSF verantwortlich. 

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch eröffnet die Sondersitzung «die Möglichkeit, ein Schlaglicht auf die Missbräuche zu werfen, Schritte einzuläuten, um Täter zur Rechenschaft zu ziehen, und den Druck auf die RSF und ihre Unterstützer zu erhöhen.»

Wieso nimmt der Konflikt kein Ende?

Aktuell versuchen Vermittler aus den USA, den VAE, Saudi-Arabien und Ägypten eine dreimonatige Waffenruhe auszuhandeln. Zugleich werde nach Angaben des Beraters der US-Regierung für Afrika, Massad Boulos, über eine neunmonatige Verhandlungsphase beraten. Anfang November hatte die RSF einer Waffenruhe zugestimmt. Eine Einwilligung der Armee steht aber noch aus, wohl auch, weil die VAE zu den Vermittlern gehören. 

Wie kam es zu dem Konflikt?

Die RSF hatte im April 2023 mit Angriffen gegen Militär und Zivilisten begonnen, weil sie sich dagegen sperrte, in die Armee eingegliedert zu werden. Daraus folgte ein brutaler Machtkampf zwischen De-facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und seinem einstigen Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, der die RSF kommandiert. Mittlerweile hat die Miliz die westliche Region Darfur fast vollständig erobert und kontrolliert auch Teile der Nachbarregion Kordofan. Anfang des Jahres gründete die RSF formell eine Parallelregierung für die von ihnen kontrollierten Gebiete.

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