Tagelang ohne Nahrung: Im Südsudan grassiert der Hunger

Sam Mednick, AP

9.5.2018 - 09:55

Gatdin Bol hat Angst, dass er verhungern wird. Er ist einer von Millionen Menschen im Südsudan, die wegen des Bürgerkriegs massiv von Nahrungsmangel bedroht sind.
Bild: Keystone

Seit fünf Jahren wird das jüngste Land der Welt von einem Bürgerkrieg erschüttert. Das Leid der Zivilbevölkerung wächst - und damit sinkt auch die Chance, in naher Zukunft zu einem dauerhaften Friedensabkommen zu gelangen.

Gatdin Bol lebt nur von den Früchten, die er von den Bäumen holt. Sonst hat er nichts. «Ich habe Angst, dass ich verhungern werde», sagt der 65-Jährige. Er ist einer von Millionen Menschen im Südsudan, die wegen des Bürgerkriegs massiv unter Hunger leiden.

Vor drei Monaten griffen Regierungstruppen seinen Heimatort im Staat Jonglei an, wie er berichtet. Sie hätten ihm alles geraubt, was er hatte, einschliesslich seiner Nahrung. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern floh Bol, war zwei Monate unterwegs, ehe er den Ort Kandak erreichte.

Essen bekamen sie auch hier nicht. Die Aussaat steht kurz bevor, und Bol und seine Familie kamen zu spät für die Anmeldung beim Programm der Vereinten Nationen. Deswegen erhalten sie keine Unterstützung.

Seit fünf Jahren erschüttert der Bürgerkrieg den Südsudan. Mehrere Vermittlungsversuche, die Gewalt zwischen den ethnischen Gruppen zu beenden, sind gescheitert. Ein im Dezember verkündeter Waffenstillstand wurde nach wenigen Stunden gebrochen.

Mittlerweile sind mehr als sieben Millionen Menschen vom Hunger bedroht und erhalten keine Unterstützung, wie aus einer Analyse der Vereinten Nationen und der Regierung hervorgeht. Angesichts der verschärften Gefechte zuletzt warnen Hilfsorganisationen davor, dass diese Zahl noch deutlich ansteigen könnte.

Entlegene Orte leiden besonders

«An Orten, wo es Vertreibung gibt und wir nicht hinkommen, muss man sich Sorgen machen», sagte Adnan Khan, der für den Südsudan zuständige Direktor des Welternährungsprogramms WFP, vergangene Woche bei der Verteilung von Lebensmitteln in der von Rebellen kontrollierten Stadt Kandak im Bezirk Ayod.

Ayod ist einer von elf Bezirken im Südsudan, wo der Hunger besonders schlimm ist. Schwer zu erreichen und ohne grundlegende Versorgung mit Wasser und Ärzten, ist dort die Mehrheit der Menschen von Hilfe von aussen abhängig.

«Ayod bleibt prekär, weil die Menschen stark von Lebensmittellieferungen abhängig sind, die sie dann noch mit den Vertriebenen teilen müssen», sagt Nicholas Kerandi, Experte für Nahrungssicherheit für die Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

«Die Armee hat meinen Garten geplündert»

«Da nur sehr wenige der Menschen dort Landwirtschaft betreiben und die Regenzeit die humanitären Aktivitäten unterbrechen wird, kann die Situation eigentlich nur noch schlechter werden.»

«Die Armee hat meinen Garten geplündert und mein Essen weggenommen», beklagt Puot Kuony. «Aber wenn ich keine Nahrung finde, halte ich es tagelang ohne Essen aus.» Im März hatte der 45-Jährige ansehen müssen, wie Soldaten in seiner Heimatstadt Wau seinen Onkel erst erschossen und dann noch mit einem Lastwagen über ihn fuhren.

Er floh mit seiner Frau und den drei Kindern nach Kandak. Doch weil er dort nichts anbauen oder eine Lebensmittelregistrierungskarte vorweisen kann, muss er bei Nachbarn um Essen betteln.

Sehnsucht nach einem Ende des Krieges

Die Behörden in Kandak schätzen, dass gut die Hälfte der Einwohner, rund 9000 Menschen, aus anderen Teilen des Staates Jonglei geflohen sind. Allein seit März kamen rund 1800 Menschen in der Gemeinde an, wo die Ressourcen ohnehin schon knapp waren.

Die Menschen vor Ort sehnen sich nach einem Ende des Krieges. «Wir wollen Frieden, dann können sich die Menschen frei bewegen und Landwirtschaft betreiben und fühlen sich nicht gefangen», sagt Jung Gony Yut von der Opposition im Bezirk Magok. «Jeder im Südsudan ist abhängig von Lebensmittellieferungen, und als ein Führer des Landes kannst du nicht sagen, dass das in Ordnung ist.»

Die Regierung tut nach eigener Aussage alles nur Mögliche, um bei den Menschen für eine Rückkehr zur Normalität zu sorgen. Sprecher Ateny Wek Ateny erklärt, in die am schlimmsten betroffenen Gebiete schicke man Helfer. Auch in Gegenden, die von der Opposition gehalten würden.

Massenflucht hält an

Aber die Geduld der internationalen Gemeinschaft ist angesichts von Berichten strapaziert, Helfer würden bei ihrer Arbeit behindert. Ausserdem kommen die Friedensgespräche kaum voran. Eine weitere Verhandlungsrunde soll am 17. Mai beginnen.

Derweil hält die Massenflucht an. Tausende Menschen seien in die Sumpfgebiete geflohen, würden sich dort nur von wildem Gemüse und Früchten ernähren, erklärt der Chef der UN-Mission im Südsudan, David Shearer.

Anfang des Jahres habe er zwar noch das Gefühl gehabt, das Land bewege sich in die richtige Richtung. «Aber nachdem ich die Auswirkungen des Konflikts auf die Zivilbevölkerung gesehen habe, glaube ich, es gibt ein echtes Risiko, dass diese Situation die Chance auf einen dauerhaften Frieden weiter untergräbt.»

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