Forscher sehen Krieg als Grund Im Schwarzen Meer sterben Tausende Delfine

Von Gabriela Beck

4.6.2022

An der türkischen Küste sind seit Februar über 100 Delfine gestrandet. Weitere verendete Tiere wurden an den Küsten Bulgariens, Rumäniens und der Ukraine gefunden. (Symbolbild)
An der türkischen Küste sind seit Februar über 100 Delfine gestrandet. Weitere verendete Tiere wurden an den Küsten Bulgariens, Rumäniens und der Ukraine gefunden. (Symbolbild)
NICOLAS TUCAT/AFP via Getty Images

Wissenschaftler verzeichnen an den Küsten des Schwarzen Meeres einen ungewöhnlichen Anstieg gestrandeter Delfine. Studien machen Russlands Krieg gegen die Ukraine dafür verantwortlich.

Von Gabriela Beck

4.6.2022

Der Krieg in der Ukraine verursacht nicht nur unsägliches menschliches Leid, auch die Umwelt und die Tierwelt werden in Mitleidenschaft gezogen. So wurden laut «NBC News» seit Beginn des Krieges bereits mehr als hundert Delfine an die türkische Küste gespült, eine hohe Zahl im Vergleich zu den Vorjahren, sagte Uğur Özsandıkçı, leitender Forscher für Meereslebewesen an der türkischen Sinop-Universität, dem Medium. Weitere verendete Tiere wurden an den Küsten Bulgariens, Rumäniens und der Ukraine gefunden. Dieser ungewöhnliche Umstand hat Wissenschaftler der Meeresanrainer alarmiert.

Verletzungen durch Bomben und Minen

Jüngste Studien aus Bulgarien, der Türkei und der Ukraine haben nun ergeben, dass die biologische Vielfalt des Schwarzen Meeres aufgrund des Krieges zunehmend bedroht ist, unter anderem durch Bombenabwürfe in Nahrungsgebieten an der Küste, durch Minenexplosionen, durch Öl, das aus gesunkenen Schiffen ausläuft, und durch von Munitionschemikalien verschmutztem Wasser aus Flusszuflüssen.

Ivan Rusev, Umweltwissenschaftler im Nationalen Naturpark Tuzla Estuaries in der Ukraine, sagte der «New York Times», dass die von seiner Organisation seit Beginn des Krieges gesammelten Daten darauf hinwiesen, dass mehrere tausend Delfine während des Krieges getötet worden seien. «Einige der Delfine hatten Verbrennungen durch Bomben- oder Minenexplosionen, sie konnten nicht mehr navigieren oder nach Nahrung suchen», schrieb er. Und weiter: erhöhter Schiffslärm und die Verwendung von Niederfrequenz-Sonar könnten Delfine verwirren, die Schall aktiv zur Navigation verwenden.

Akustisches Trauma führt zu Hunger und Panik

Das niederfrequente Sonar von Kriegsschiffen und U-Booten störe die Echo-Ortung von Delfinen, erklärt Pavel Goldin, ein auf die Meeressäuger spezialisierter Meeresbiologe am Zoologischen Institut Schmalhausen in der Ukraine. Da die Tiere bei Sonareinsatz der Schiffe nicht navigieren können, können sie Beute nicht identifizieren und verhungern schliesslich, führt der Forscher auf NBC News aus. Eine weitere Gefahr bestünde in Verletzungen, die sich die verwirrten Tiere zuzögen, wenn sie in Panik versehentlich gegen Felsen oder ans Ufer schwimmen.

Delfine jagen ihre Beute – hier ein Schwarm Sardinen – mithilfe von Echoortung. Sie haben dafür ein spezialisiertes Organ aus Fett- und Bindegewebe im Kopf, die Melone.
Delfine jagen ihre Beute – hier ein Schwarm Sardinen – mithilfe von Echoortung. Sie haben dafür ein spezialisiertes Organ aus Fett- und Bindegewebe im Kopf, die Melone.
Getty Images

Die Lärmbelästigung unter Wasser durch Sonar kann darüber hinaus auch Fischpopulationen stören und dazu führen, dass sie weit wegwandern, sagte Goldin weiter. Dadurch würde das lokale Ökosystem ebenso empfindlich gestört wie durch den plötzlichen Tod von Tausenden Delfinen, die an der Spitze der Nahrungskette innerhalb des Schwarzen Meeres stehen.

«Akustisches Trauma ist eine der Möglichkeiten, die mir in den Sinn kommen», sagt Bayram Öztürk, Vorsitzender von Tudav, der Turkish Marine Research Foundation, der britischen Tageszeitung «The Guardian». Er betonte jedoch, dass es wichtig sei, vorsichtig zu bleiben. «Wir haben keinen Beweis dafür, was Niederfrequenz-Sonar im Schwarzen Meer verursachen könnte, weil wir noch nie so viele Schiffe und so viel Lärm über einen so langen Zeitraum gesehen haben – und die Wissenschaft verlangt immer Beweise.»

Dauerhafte Schädigung der Ökosysteme befürchtet

Etwa 20 russische Marineschiffe sind vor der ukrainischen Küste im Einsatz, dazu gibt es laufend militärische Aktivitäten. Die Wissenschaftler befürchten, dass die Kriegsaktivitäten dauerhafte Auswirkungen auf die Ökosysteme in der Region haben könnten. Das Schwarze Meer ist bereits sehr anfällig durch Schwerindustrie und Landwirtschaft im Norden, Überfischung im Süden und wenig Sauerstoffgehalt in seinen Gewässern.

Eine vollständige Untersuchung der Ursachen und des Ausmasses auf die maritime Artenvielfalt kann jedoch Monate oder gar Jahre dauern, da ein Grossteil der Küste wegen des Krieges für Forscher unzugänglich ist.