Denkwürdiger Auftakt im Amok-ProzessTodesfahrer von Magdeburg: «Ich habe am Steuer gesessen»
Andreas Fischer
10.11.2025
Todesfahrer von Magdeburg: Ich habe am Steuer gesessen
Magdeburg, 10.11.2025: Prozess zum Weihnachtsmarkt-Anschlag von Magdeburg – Der Täter gesteht vor Gericht: «Ich bin derjenige, der das Auto gefahren hat.»
Konkrete Erklärungen oder Reue bleiben aber aus. Stattdessen kritisiert er Polizei und Medien und verweist auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026.
Der Vorsitzende Richter versucht derartigen politischen Erklärungen Einhalt zu gebieten. Er ermahnt den Angeklagten, sich zur Sache zu äussern.
Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem 51-Jährigen aus Saudi-Arabien unter anderem vollendeten Mord in sechs Fällen und versuchten Mord in 338 weiteren Fällen vor.
11.11.2025
Schmerzhafte Details und wirre Worte: In Deutschland hat der Prozess um den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg begonnen. Der Angeklagte redete viel, ohne wirklich etwas zu sagen.
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DPA, Agence France-Presse, Redaktion blue News
10.11.2025, 20:12
11.11.2025, 05:31
Andreas Fischer
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Sechs Tote und mehr als 300 Verletzte: Fast ein Jahr nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt hat der Prozess gegen den mutmasslichen Täter begonnen.
Die Anklage zeichnete ein detailliertes Bild des Grauens.
Der Angeklagte äusserte sich nicht wirklich zu den Vorwürfen.
Der Todesfahrer von Magdeburg hat im Prozess zum Weihnachtsmarkt-Anschlag zugegeben, am Steuer gesessen zu haben. «Ich bin derjenige, der das Auto gefahren hat», sagte Taleb al-Abdulmohsen vor dem Landgericht Magdeburg. Weitere konkrete Angaben machte er zunächst nicht. Es gab keine Entschuldigung, kein Zeichen der Reue.
Fast elf Monate nach dem Anschlag hat der Prozess gegen den mittlerweile 51-Jährigen begonnen, der mit einem 340 PS starken Auto Weihnachtsmarktbesucher laut Anklage «zielgerichtet» rammte, wegschleuderte oder überfuhr. Ein neunjähriger Junge und fünf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren starben. Mehr als 300 weitere Menschen wurden verletzt.
Der erste Prozesstag war denkwürdig.
Taleb al-Abdulmohsen tötete bei seiner Amokfahrt am 20. Dezember 2024 sechs Menschen auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt.
Bild:Keystone
Regungslos in der Glasbox
Der Angeklagte wurde mit einem Helikopter aus der Haftanstalt nach Magdeburg gebracht. Er soll aus Sicherheitsgründen zu jedem der Prozesstage, angesetzt sind 50, geflogen werden.
Fotografen hielt der Angeklagte einen Laptop entgegen, auf dem Bildschirm stand «#MagdeburgGate» und «Sept. 2026». Was dies bedeuten soll, war zunächst unklar. Äusserlich regungslos verfolgte der Mann mit langem, grau melierten Bart dann in seiner Glasbox die Verlesung der Anklage.
Erfolglos kritisierte der Verteidiger den Sitzplatz hinter schusssicheren Scheiben. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg betonte, der Platz sei wichtig zum Schutz des Angeklagten.
Detaillierte Schilderung des Grauens
Dann schildern Oberstaatsanwalt Matthias Böttcher und sein Kollege von der Generalstaatsanwaltschaft im Gericht detailliert den Tatablauf, nennen jedes Opfer mit Namen, beschreiben Brüche, innere Verletzungen, offene Wunden und Spitalbehandlungen. Sechs Menschen überlebten ihre schweren Verletzungen nicht.
al-Abdulmohsen «handelte in der Absicht, eine unbestimmte, grosse Zahl von Menschen zu töten», sagt Oberstaatsanwalt Böttcher. Er tat es aus Sicht der Anklage aus Frust und Unzufriedenheit über den Ausgang juristischer Streitigkeiten und die Erfolglosigkeit eigener Strafanzeigen. Hinweise auf einen Terrorakt erbrachten die Ermittlungen nicht.
al-Abdulmohsen, in blauem Shirt, dunkler Jacke und mit grauem Bart, folgt aus einem Kasten heraus offensichtlich unbewegt der Anklageverlesung. Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg wirft dem aus Saudi-Arabien stammenden Arzt unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor.
Kugelsicherer Glaskasten für Magdeburg Prozess.
Bild:Keystone/dpa/Jan Woitas
Lange Rede, gar kein Sinn
Das Verfahren gehört zu den grössten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zum Prozessauftakt reisten zahlreiche Medienvertreter aus dem In- und Ausland nach Magdeburg an.
Insgesamt schlossen sich mehr als 170 Opfer als Nebenkläger dem Verfahren an, doch nur wenige verteilen sich zu Prozessbeginn an den 17 langen Tischreihen in der Halle. Sie wirken angefasst, viele leiden bis heute unter ihren seelischen und körperlichen Wunden. Ein Paar hält sich im Arm.
Sie mussten erleben, wie sich der Angeklagte mehr als eineinhalb Stunden lang äusserte. Ohne Entschuldigung, ohne ein Zeichen der Reue. Stattdessen erzählte er mit weinerlicher Stimme und Taschentuch vor dem Gesicht von vermeintlichen Vertuschungen der Polizei und kritisierte Medien. Ansonsten reiht er politische und religiöse Themen aneinander, wirft Namen wie Voltaire und Merkel in den Saal.
Erneut hält er seinen Laptop hoch, wo «Sept. 2026» zu lesen war. «Da ist die nächste politische Wahl in Sachsen-Anhalt», erklärte der Angeklagter, der den Behörden als Islamkritiker bekannt ist. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt.
Die Betroffene der Todesfahrt blickten fassungslos. Manche wendeten sich ab, andere schüttelten die Köpfe. Einige verliessen den Saal.
Für den Prozess wurde eigens ein temporären Gerichtsgebäude errichtet.