Todeskandidaten klagen gegen «unmenschliche» Hinrichtungen

tsha

6.11.2021

Die Todesstrafe in Japan gilt als besonders grausam, weil die Betroffenen nur Stunden vor der Hinrichtung informiert werden. Nun haben zwei zum Tode Verurteilte Klage gegen die Regierung eingereicht.

tsha

6.11.2021

Weltweit gibt es nur zwei hochindustrialisierte Staaten, die noch immer Menschen hinrichten: die USA und Japan. Während die Todesstrafe in den USA immer wieder in der Kritik steht, wird über Exekutionen in Japan nur wenig berichtet.

In Japan ist die Zahl der Hinrichtungen deutlich geringer ist als in den USA. Ausserdem finden die Exekutionen quasi im Verborgenen statt. Gegen diese Praxis klagen nun zwei Todestrakt-Insassen in Osaka, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. 



In Japan werden Menschen, die zum Tode verurteilt wurden, nur wenige Stunden vor ihrer Exekution über die bevorstehende Hinrichtung informiert. Dieses Vorgehen sei «unmenschlich», zitiert Reuters den Anwalt der beiden Gefangenen. Ausserdem sei die Praxis illegal, da sie den Verurteilten nicht genug Zeit gebe, um Berufung gegen die Hinrichtung einzulegen. Die beiden Kläger verlangen dem Bericht zufolge, dass diese Praxis geändert werde, und fordern von der japanischen Regierung 22 Millionen Yen (etwa 176'000 Franken) an Entschädigung. 

«Gefangene in der Todeszelle leben jeden Morgen in der Angst, dass dieser Tag ihr letzter sein wird. Das ist extrem unmenschlich», so der Anwalt der beiden Kläger. «Die Zentralregierung hat erklärt, dies solle verhindern, dass die Gefangenen vor ihrer Hinrichtung leiden, aber das ist keine Erklärung und ein grosses Problem.»

«De Betroffenen haben manchmal nur Minuten zu leben»

Laut Amnesty International sieht das japanische Recht für 18 Straftaten die Verhängung der Todesstrafe vor. Seit 1967 wurde die Todesstrafe allerdings ausschliesslich für Mord, Raubmord und Sprengstoffanschläge mit Todesfolge ausgesprochen, so Amnesty weiter. Die Menschenrechtsorganisation kritisiert die Strafverfahren, die zur Verhängung der Todesstrafe führen, als «unzureichend», und übt scharfe Kritik an den Haftbedingungen für Todestrakt-Insassen.

«Die Zellen werden ständig videoüberwacht, das Licht ist auch nachts nie ganz ausgeschaltet», so Amnesty. Zum Tode Verurteilte würden oft mehrere Jahrzehnte in Haft sitzen und erst am Morgen der Hinrichtung informiert. «Danach haben die Betroffenen meist nur noch wenige Stunden, manchmal nur Minuten, zu leben», so Amnesty. «Für Gefangene, die keine Aussicht auf Begnadigung mehr haben, bedeutet dies, dass sie zu jedem Zeitpunkt, den sie in der Todeszelle verbringen, mit ihrer Hinrichtung rechnen müssen.»

Die Hinrichtung erfolgt durch den Strang und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Um die Falltür unter dem Galgen zu öffnen, drücken drei Beamte gleichzeitig auf drei verschiedene Knöpfe, die den Mechanismus auslösen. So soll unklar bleiben, wer für den Tod des Verurteilten verantwortlich ist.

Von 1945 bis Ende Dezember 2020 wurden laut Amnesty 714 Menschen in Japan gehenkt, wobei auf den Zeitraum 1980 bis Ende 2020 insgesamt 148 Hinrichtungen entfallen. Zum Vergleich: Die USA haben seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 bis heute 1536 Menschen hingerichtet.