Wissenschaftsbetrieb unter DruckTrotz Trumps Schikanen werben Schweizer Unis nicht um US-Forschende
Stefan Michel
4.7.2025
Harvard ist eine von rund 50 Universitäten, denen die Administration Trump Mittel streichen will. Die Bedingungen für die Wissenschaft verschlechtern sich. Die Schweizer Unis sehen das nicht als Chance, sondern als Gefahr.
Bild:Keystone
Trumps Angriff auf Unis und Forschung werde bleibende Schäden hinterlassen, ist eine in der Schweiz arbeitende US-Biologin überzeugt. Schweizer Unis fahren trotzdem keine Abwerbe-Programme.
Stefan Michel
04.07.2025, 04:30
04.07.2025, 10:58
Stefan Michel
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Die Administration Trump kürzt Forschungsgelder und schränkt Unis in ihrer Freiheit ein.
Die EU und einzelne Mitglieder werben mehr oder weniger offen um US-Forschende.
Schweizer Hochschulen machen nicht mit und verweisen darauf, dass ein geschwächter Forschungsplatz USA auch für die Schweizer Wissenschaft schlecht sei.
Die an der Uni Bern forschende kalifornische Biologin Catherine Peichel sieht schwarz für gewisse Wissenschaftszweige in den USA.
Präsident Trump will die Universitäten und deren Forschung auf seine Linie bringen. 50 Hochschulen hat seine Administration aufgelistet, bei denen er genau hinsehen will, wofür sie ihr Steuergeld ausgeben, wen sie beschäftigen und einstellen. Zudem streicht er öffentliche Mittel für Forschungsprojekte zusammen und beeinflusst so, womit sich Forschende in den USA beschäftigen und womit nicht.
Viele Beobachter und betroffene Forschende bezeichnen das als eine Einschränkung der Forschungsfreiheit, die dem Wissenschaftsbetrieb in den USA – der als einer der produktivsten und erfolgreichsten der Welt gilt – schweren Schaden zufüge.
Als Nazi-Deutschland 3000 Forscher in die Flucht trieb
Die Situation erinnert an eine noch weit schwerere Beschneidung der universitären Freiheit: Die nationalsozialistische Regierung Deutschlands verfügte 1933, dass nicht arische Personen nicht mehr an deutschen Universitäten angestellt sein durften. Schätzungen gehen von 2500 bis 3000 akademisch tätigen Frauen und Männern aus, die in dieser Zeit Deutschland verliessen, darunter 24 Nobelpreisträger.
Albert Einstein wechselte an die Princeton University, sein Physiker-Kollege Max Born wurde Professor in Cambridge. Lise Meitner, erste Physik-Professorin einer deutschen Hochschule, floh nach Stockholm. Dort beschrieb sie 1939 am Nobel-Institut die Kernspaltung.
Die Situation der US-Unis in Trumps Amerika ist nicht so dramatisch. Es fragt sich aber, ob Universitäten in Europa und speziell der Schweiz diese als Chance nutzen wollen, um Spitzenforscher*innen in ihre Reihen zu holen.
Mehrere Regierungen regen dies für den europäischen Forschungsplatz an. Deutschland und Frankreich haben gemäss ZDF Programme beschlossen, um Wissenschaftler*innen für die eigenen Hochschulen zu gewinnen, die niederländische Regierung hat ein ähnlich ausgerichtetes Vorhaben angekündigt.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bekannt gegeben, die EU setze 500 Millionen Euro ein, um Forscher*innen von ausserhalb Europas anzuziehen. Keines der hier angeführten Programme nennt die USA explizit als Herkunftsland der ausreisewilligen Wissenschaftler*innen. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe, wenige Wochen nachdem Trumps Angriffe gegen Harvard und weitere Unis heftiger wurden, ist kaum Zufall.
Anfragen an Schweizer Universitäten und akademische Organisationen zeigen, dass hier zumindest keine Abwerbekampagnen laufen. Der Konsens sei sogar, so die Kommunikationsstelle der Uni Bern, «dass es ethisch grenzwertig sein könnte, wenn wir beginnen, aktiv von der besorgniserregenden Situation der wissenschaftlichen Gemeinschaft in den USA zu profitieren».
Diese Haltung bestätigen Uni und ETH Zürich, die Universitäten St. Gallen, Bern und Genf. Alle zeigen sich mehr oder weniger deutlich besorgt über die Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb der USA.
Die ETH erklärt, die Bewerbungen von Forschenden aus den USA hätten in den letzten Wochen und Monaten zugenommen, quantifizieren könne sie diese aber nicht. Die anderen Hochschulen betonen, ein Anstieg sei noch nicht festzustellen, ein Professor bringt es auf den Punkt: «So schnell geht es im akademischen Umfeld nicht.»
Eine US-Evolutionsbiologin an der Uni Bern
Eine US-Forscherin, die schon lange an der Uni Bern forscht, ist Catherine Peichel. Sie ist zu Beginn von Trumps erster Amtszeit 2016 in die Schweiz gezogen. «Aber nicht wegen des Präsidenten, sondern weil die Forschungsbedingungen schon damals immer schlechter wurden», erklärt sie blue News.
Forschungsprojekte in den USA müssen sich zum grössten Teil über einzelne Zuschüsse finanzieren. Die Universitäten bezahlen lediglich die Löhne ihrer Dozent*innen und die Kosten des Lehrbetriebs. Auch in der Schweiz und in Europa ist es üblich, wissenschaftliche Studien über Vergaben verschiedener staatlicher und privater Institutionen zu finanzieren. «Aber in den USA ist die Wahrscheinlichkeit, ein Grant zu erhalten 4 Prozent, in der Schweiz 30 bis 40 Prozent», erklärt Peichel.
Catherine Peichel
Universität Bern
Catherine Peichel ist Evolutionsbiologin und Geschäftsführerin des Departements Biologie der Universität Bern. Sie erforscht die genetischen Prozesse, die zu Anpassung und der Ausbildung neuer Arten führen. Catherine Peichel stammt aus Kalifornien, lebte und arbeitete bis zu ihrer Berufung an die Universität Bern, 2016, in den USA.
Wie schwierig es in den kommenden Trump-Jahren wird, die Mittel für wissenschaftliche Forschung zu erhalten, hat schon der an der New Yorker Cornell University arbeitende Schweizer Klimatologe Flavio Lehner blue News in einem Interview dargelegt. Peichel fügt an: «Die wenigsten Unis haben so viel Geld wie Harvard. Sie können es sich nicht leisten, nein zu sagen, wenn Trump Forderungen stellt.»
Mittlerweile sei aber die Finanzierung gar nicht mehr das grösste Problem, erklärt die Kalifornierin Peichel, die nach wie vor in regem Austausch mit ihren Kolleg*innen in den USA steht. «Jetzt haben meine Kolleginnen Angst zu sprechen, sie fragen sich, ob sie ihr Handy ausschalten sollen, bevor sie mit jemandem ein Gespräch führen.»
Catherine Peichel ist Evolutionsbiologin. Seit mehreren Jahren untersucht sie in einem See in Alaska (USA), wie sich das Genom einer bestimmten Fischart von Generation zu Generation weiterentwickelt. Sie erzählt von einer Wissenschaftlerin aus China, die in den USA lebt und forscht. Um an ihrem Projekt in Alaska mitzuarbeiten, musste sie durch Kanada reisen. Bei der Wiedereinreise in die USA sei sie trotz korrekter Papiere 24 Stunden festgehalten worden.
«Immer wieder fragen mich Master-Studierende, ob sie sich für ihre Doktorarbeit in den USA bewerben sollen. Seit Trump wieder im Amt ist, sage ich ihnen, das sei keine gute Idee.»
Peichel ist überzeugt, dass die USA als Ort für die Wissenschaft langfristig Schaden nehmen werden, besonders für «grüne Forschung», womit sie Fachgebiete meint, die sich mit der Natur und der Umwelt beschäftigen. «Was Trump in vier Jahren kaputt macht, wird sich auf die nächsten 40 Jahre auswirken: Die Leute werden die USA meiden. Wenn er die wichtigsten staatlichen Stellen zerstört, die Zuschüsse für Forschungsprojekte vergeben, dann wird es Jahrzehnte dauern und viel Geld kosten, diese wieder aufzubauen.»
In diese Richtung geht auch die Aussage von Martina Weiss, Generalsekretärin des Dachverbands Swiss Universities: «Die USA waren schon immer ein besonders wichtiger Forschungsstandort – auch für die Schweiz. Die Schweizer Hochschulen verfolgen die Entwicklung der Lage mit Sorge, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zu amerikanischen Datenbanken oder die wissenschaftliche Zusammenarbeit.»
Auch deshalb wollen die Schweizer Unis den US-Forschungsplatz nicht weiter schwächen, indem sie ihm exzellente Wissenschaftler*innen abwerben und im schlimmsten Fall einen Brain Drain, also einen Abfluss an Wissen und Kompetenz, auslösen.
Catherine Peichels Forschungsprojekt in Alaska ist noch von den USA mitfinanziert. Sie geht davon aus, dass es keine weitere Geld-Tranche dafür geben wird. «Noch kann ich das Projekt mit Geld vom Schweizerischen Nationalfonds weiterführen. Aber das wird nicht reichen, um über das nächste Jahr hinaus weiter forschen zu können.»
Es ist ein Bild der Situation mit Symbolcharakter: Die Schweiz will dem Forschungsplatz der USA nicht schaden. Aber wirklich helfen kann sie ihm auch nicht.
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