Carney wird abgefeiert Trump dominiert Davos – doch zum Star avanciert gerade sein grosser Gegner

Sven Ziegler

23.1.2026

Gegenstück zur UN? Trump gründet umstrittenen «Friedensrat»

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Davos, 22.01.26: Weg frei für den «Friedensrat»: US-Präsident Donald Trump unterzeichnet am Donnerstag ein Gründungsdokument für das umstrittene Gremium, in dem Kritiker einen Angriff auf die Vereinten Nationen sehen. Unter den ersten Unterzeichnern ist neben Ungarn überraschend als weiteres EU-Mitglied auch Bulgarien – Deutschland nimmt nicht teil. Insgesamt 60 Staaten sollen Einladungen für den «Friedensrat» erhalten haben – zugesagt haben bislang nur wenige. Eingeladen ist auch der russische Präsident Wladimir Putin. Der Kremlchef signalisierte Interesse, betonte aber, die Aufnahmegebühr müsse aus eingefrorenem russischen Vermögen bereitgestellt werden. Nach Ansicht von Kritikern dürfte es Trump darum gehen, eine Konkurrenz zu den Vereinten Nationen zu schaffen, die er immer wieder als dysfunktional kritisiert.

23.01.2026

Mark Carney kam nach Davos als Technokrat – und reist als Polit-Star weiter. Nach seiner Rede über den «Bruch» der Weltordnung wird der kanadische Premier international gefeiert.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Mark Carney erhält für seine Davos-Rede viel Aufmerksamkeit und wird international als neue politische Führungsfigur gefeiert.
  • Donald Trump zog eine Einladung Kanadas zu seinem «Board of Peace» zurück und griff Carney erneut verbal an.
  • Carney konterte öffentlich und betonte, Kanada «gedeihe, weil wir Kanadier sind» – nicht wegen der USA.

Noch vor wenigen Monaten galt Mark Carney vor allem als nüchterner Krisenmanager aus der Finanzwelt. Doch seit seinem Auftritt am Weltwirtschaftsforum in Davos kippt das Bild: Der kanadische Premier wird international plötzlich als politischer Taktgeber gehandelt – als jemand, der die neue Weltlage nicht schönredet, sondern aktiv benennt.

In Davos war es ein Satz, der sich in den Fluren festsetzte: «Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.» Eine klare Spitze Richtung Trump, der in den vergangenen Monaten mit Machtspielen die Fugen der Welt durcheinander gebracht hat. 

Dabei blieb es nicht bei grundsätzlichen Worten. Carney machte in Davos deutlich, dass Kanada seine wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten breiter abstützen will – auch ausserhalb des transatlantischen Raums. Dazu gehört eine vorsichtige, aber gezielte Annäherung an China, die in Ottawa innenpolitisch umstritten ist, von Carney aber als Teil einer strategischen Diversifizierung verstanden wird.

Carney wird international weiter abgefeiert

Trump reagierte denn auch auf seine Weise – und lud in der Nacht auf Freitag Kanada von seinem «Sicherheitsrat» wieder aus – ohne Begründung. Carney selbst sagte, Kanada und die USA hätten zwar eine enge Partnerschaft in Wirtschaft und Sicherheit aufgebaut. «Aber Kanada existiert nicht wegen der Vereinigten Staaten. Kanada gedeiht, weil wir Kanadier sind.»

Nun zeigt sich: Das Thema eskaliert weiter – und macht Carney in vielen Hauptstädten eher grösser als kleiner.

In der internationalen Presse wird Carney auch Tage nach dem Auftritt noch gefeiert. Die «New York Times» schreibt, der Premier sei nach Davos nicht mehr nur als technokratischer Ex-Zentralbanker wahrgenommen worden, sondern plötzlich als politische Führungsfigur mit internationaler Strahlkraft. Seine Rede habe aussergewöhnlich starken Applaus geerntet.

Die «Washington Post »bezeichnet Carneys Davos-Auftritt als einen der prägenden Momente des Forums. Während Trump zwar die Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe, sei es Carney gewesen, der inhaltlich den Ton der Debatten gesetzt habe. «Trump dominierte das Forum – aber der wahre Star war Carney», schreibt die Zeitung. 

Schwieriges Verhältnis bleibt bestehen

Das Nachrichtenportal «Firstpost» schreibt, Carney habe sich in Davos bewusst gegen die übliche Strategie gestellt, Donald Trump zu umschmeicheln oder zu beschwichtigen. er kanadische Premier habe Trump «direkt herausgefordert» und sei dafür mit einer Standing Ovation belohnt worden.

Seine Rede habe Kanada als Stimme jener Staaten positioniert, die sich nicht länger auf eine von den USA dominierte Ordnung verlassen wollten. Auch ausserhalb der USA wird Carneys Tonfall als bewusster Bruch gelesen. Wie der österreichische «Kurier» schreibt, versuche Carney «wie kein anderer westlicher Regierungschef», die Abhängigkeit seines Landes von den USA zu verringern.

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Dazu gehöre auch eine vorsichtige Annäherung an China. Carney selbst sprach von einer «Beziehungsnetz» und sagte, in der Beziehung zu Peking gebe es «klare Leitplanken», innerhalb derer jedoch «riesige Chancen» bestünden – etwa in Energie, Landwirtschaft und Finanzdienstleistungen.

Lange vermisster Realismus

Auch in Deutschland wird Carneys Auftritt als Zäsur gelesen. Das «Handelsblatt» spricht von einem neuen Ton westlicher Verbündeter gegenüber Washington. In Davos habe sich erstmals so etwas wie eine «internationale Widerstandsbewegung» gezeigt – «nicht mit der Brechstange», sondern mit dem pragmatischen Motto: «Let’s move on».

Der kanadische Premier sei dabei der «Star des WEF-Auftakts» gewesen. Carney habe offen von einem «Bruch» der Weltordnung gesprochen, der alten Ordnung dürfe man nicht länger «hinterhertrauern», weil sie «nicht zurückkehren» werde.

Sein Appell an die Mittelmächte, sich zusammenzuschliessen, sei Ausdruck eines Realismus, «den man auf internationaler Bühne lange vermisst hatte».

Das Verhältnis zwischen Washington und Ottawa gilt seit Trumps zweiter Amtszeit als angespannt. Trump hatte mehrfach angedeutet, Kanada stärker an die USA binden zu wollen, und mit Zöllen sowie politischen Drohungen gearbeitet.

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