Neue US-StrategieTrump lässt Europa fallen – Putin gefällt das
Philipp Dahm
9.12.2025
US-Präsident Donald Trump (r.) und Kremlchef Wladimir Putin bei ihrem vorläufig letzten Treffen in Alaska am 15. August 2025.
Bild:Keystone/EPA/Gavrill Griogorov/Sputnik/Kremlin Pool
Donald Trumps neue Nationale Sicherheitsstrategie ist ein Glücksfall für den Kreml, während etwa in Berlin Katerstimmung herrscht. Moskaus Propagandisten freuen sich, dass die USA und Russland gemeinsam eine «strategische Stabilität» auf dem Kontinent einrichten wollen.
Es ist ein 33 Seiten starker Paukenschlag: Die Nationale Sicherheitsstrategie 2025, die Donald Trump am 4. Dezember vorgestellt hat, wirkt nach.
«USA nicht mehr an der Seite der Europäer», titelt etwa «Bild» – und zitiert dabei den CDU-Politiker Norbert Röttgen. «Die neue aussenpolitische Positionierung der USA ist eine zweite Zeitenwende», warnt der 60-Jährige.
Washington stelle sich nun explizit gegen Europa, führt Röttgen beim «Redaktionsnetzwerk Deutschland» aus: «Die Strategie drückt auch aus, dass die USA es als ihr aussenpolitisches Ziel definieren, sich in die inneren Angelegenheiten der europäischen Staaten einzumischen.»
Was sagt das Strategiepapier über Europa?
Europa befindet sich in wirtschaftlichem und zivilisatorischem Niedergang und könnte innert 20 Jahre fallen.
Das transnationale Konstrukt EU muss beendet werden.
Migration, Geburtenrückgänge, Umweltschutz, Zensur und politische Unterdrückung sind Europas grösste Probleme.
Wer wirtschaftlich und militärisch zu schwach ist, bleibt vielleicht kein Verbündeter.
«Patriotische» Parteien in Europa müssen unterstützt werden.
Trump arbeite «mit den inneren Feinden der liberalen Demokratie in Europa zusammen», um seine Maga-Ideologie auf dem alten Kontinent zu etablieren. «Wenn diese Strategie Erfolg hätte, würde es die EU nicht mehr geben», betont der Deutsche.
EU eine grössere US-Bedrohung als Russland?
Für Steven Pifer ist das neue Strategiepapier eine völlige Abkehr von Trumps Aussenpolitik in seiner ersten Amtszeit. Damals habe er Russland als «revisionistische Macht» und Gegner gesehen, erklärt der frühere US-Botschafter in der Ukraine dem «Times Radio».
Tusk “blew up” X — quite literally
The Polish prime minister’s post racked up over 27 million views in just 24 hours, a rare spike for the platform formerly known as Twitter, where the competition for attention is brutal. His message was addressed directly to Americans:
«Wenn man jetzt die Strategie im Bereich Europa liest, wirkt es so, als sei die Europäische Union eine grössere Bedrohung für die USA als Russland», fasst der Osteuropa-Experte zusammen. «Ich denke, das unterschätzt die Gefahr enorm, die die Russen darstellen.»
Was sagt das Strategiepapier über Russland?
Die USA wollen die europäischen Beziehungen zu Russland «regeln», um eine «strategische Stabilität» auf dem Kontinent herzustellen und einen Konflikt zwischen Europa und Russland zu vermeiden.
Gewisse europäische Regierungen haben «unrealistische Erwartungen» an ein Kriegsende in der Ukraine.
Diese europäischen Regierungen würden sich dem Willen ihrer Bevölkerung widersetzen, den Krieg in der Ukraine zu unterbinden.
Mut macht Ex-Diplomat Pifer nach eigener Aussage, dass Europa in Sachen Verteidigungsausgaben auf Touren gekommen ist. Grosses Potenzial, Putin wehzutun, hätten die eingefrorenen russischen EU-Vermögen, die der Ukraine zur Verfügung gestellt werden könnten. Zudem könne Kiew mit neuen Langstrecken-Waffen den Krieg nach Russland tragen.
So reagiert Putins Lautsprecher
Die Aufrüstung in Europa wie auch die mögliche Pfändung von Guthaben ist natürlich Moskau nicht entgangen. «Europas Päderasten sind völlig von Sinnen», wütet Wladimir Solowjow, einer der führen Propagandisten der politischen Linie des Kreml, in seiner Radioshow. «Die alte Diebes-Hexe Ursula von der Leyen versucht, unsere Guthaben zu stehlen.»
Die USA (blaue Balken) haben die finanzielle Unterstützung der Ukraine unter Trump eingestellt.
Kiel Institut für Weltwirtschaft
Die Präsidentin der Europäischen Kommission sei «absolut der neue Hitler»: Der habe die Juden gehasst – «und sie hasst die Russen»: Die Idee, russische Vermögen zu beschlagnahmen, sei «Nationalsozialismus in seiner reinsten Form».
Die EU sei eine «diebische Terrororganisation». Von der Leyen wie auch die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas müssten zu Zielen erklärt und als «Nazi-Terroristen» liquidiert werden. Die Aufrüstung im Westen gebe Grund für einen militärischen Präventivschlag, schimpft der Moderator weiter.
«Trump sagt im Prinzip alles, was wir gesagt haben.»
Afrikanologe Malek Dudakow in Solowjows Sendung
Russophobie wirft Solowjow Europa vor. «Es muss bestraft werden.» Mit den USA hingegen würden Wladimir Putin geräuschlos zusammenarbeiten. «Sowohl Europa als auch die Ukraine werden wohl erst hinterher informiert werden, was wir mit den USA vereinbaren», stimmt ihm US-Experte Malek Dudakow zu.
Das offizielle Moskau sieht sich bestätigt
Ins selbe Horn stösst der Pressesprecher des Kreml: «Die Anpassungen, die wir sehen, stimmen weitgehend mit unserer Vision überein», wird Dmitri Peskow mit Blick auf das US-Strategiepapier zitiert. «Wir betrachten das als positiven Schritt.»
Donald Trump’s National Security Strategy puts his family’s and friends’ business interests with our adversaries, like Russia and China, over promises to our allies.
If implemented, this plan would weaken U.S. influence across the globe and undermine our national security.…
Auch der Vize-Vorsitzende des Sicherheitsrats sieht in dem US-Dokument ein «Echo» von Moskaus Sicht, weiss «Newsweek»: «Die Strategie spiegelt unerwartet wider, was wir seit über einem Jahr sagen: Sicherheit muss geteilt und Souveränität respektiert werden», schreibt Dmitri Medwedew demnach. «Jetzt hat sich ein Fenster für den Dialog geöffnet.»
I read the new National Security Strategy. It doesn't turn America into Sauron, although we definetly aren't Gandalf. It turns American into Tony Soprano with a passport. Capable of kindness. Capable of menace. But mostly just interested in the rent. pic.twitter.com/g5aWS6Gvw8
Peskow wiederum bleibt vorsichtiger. Was man sehe, sei zwar schön. «Aber andererseits wissen wir, dass obwohl alles konzeptionell schön geschrieben ist, der sogenannte Deep State Dinge manchmal anders macht. Auch das passiert», sagt der Russe laut «Politico».
Experte zu Trump-Putin-Treffen: Ukraine ist der ganz grosse Verlierer
STORY: HINWEIS: Diesen Beitrag erhalten Sie ohne zusätzliche Vertonung Klemens Fischer, Experte für internationale Beziehungen und Geopolitik «Der Gipfel Trump-Putin in Alaska ist ganz anders verlaufen, als es viele vorher geglaubt haben. Die Ukraine hat gehofft, dass Trump ihre Position dort vertritt und versucht, Frieden herbeizuführen. Die Europäer haben gehofft, dass Trump die europäische Position übernimmt. Dann kommt alles ganz anders, denn die Ukraine war der Anlass, aber nicht der Hauptgegenstand des ganzen Gipfels. So gesehen ein ganz katastrophales Ergebnis für diejenigen, die gehofft haben, es führt zu Frieden. Für Trump aber und für Putin beiderseits eigentlich ein Gewinn. Für Putin ein unglaublicher Sieg der Bilder.» // «Und der zweite Teil ist auch sehr klar: Die Botschaft von Putin bei dieser Pressekonferenz, dass jetzt Selenskyj und die Europäer nicht daran denken sollten, den Frieden, der jetzt plötzlich durch ihn und Trump möglich ist, zu boykottieren. Auch hier kein Widersprechen von Trump. Dann kommt die Einladung von Putin und da ist das erste Mal, dass Trump zurückzuckt und sagt, ja, das könnte interessant werden, das heisst, er sagt nicht direkt zu, denn da merkt er, das könnte sein, dass es nicht ganz so gut läuft, wie er sich das vorgestellt hat.» SZENE ZWISCHEN PUTIN UND TRUMP BEI PRESSEKONFERENZ, BEI DER PUTIN EINLADUNG NACH MOSKAU AUSSPRICHT «Und hier sind ganz vitale Interessen der amerikanischen Wirtschaft gebunden, denn Russland ist ein grosser Markt. Und Russland braucht auch nach diesem Krieg wieder Handelspartner, denn man muss wieder produzieren, man muss einkaufen und da steht auch hier das Sanktionenregime, das wegen der Ukraine verhängt wurde, völlig im Weg. Und dann kommt das ganz grosse Angebot von Russland, noch vor dem Gipfel – und da war eigentlich klar, in welche Richtung es läuft – man könnte doch dieses Abrüstungsabkommen, das auslaufen würde nächstes Jahr, man könne es doch verlängern. Und damit hat Putin Trump das geliefert, was der will, den Friedensnobelpreis, er rettet die Welt vor einer neuen Aufrüstung. So gesehen, Punktesieg für beide, ganz grosser Verlierer die Ukraine, aber auch die Europäer, die noch einmal ganz klar vor Augen geführt bekommen haben, dass sie nicht einmal auf der Zuschauertribüne irgendeine Bewegung machen dürfen.» // «Wenn es zum Treffen mit Putin kommt, wird Putin sehr, sehr klar die Bedingungen setzen. Die kennen wir eigentlich. Putin wird Maximalforderungen stellen. Es wird aber, und davon darf man ausgehen, das wird das sein, was Trump mit Putin heute verhandelt hat. Es wird zu einem Abtausch kommen, dass auch Putin etwas zurücknimmt. Und zwar genau das, was ihn nicht stören wird. Das heisst, dass Putin beispielsweise eben die Regionen um Sumy oder Charkiw den Ukrainern gnadenhalber zurückgibt und dafür möchte er die Gebiete haben, die er bis dahin noch nicht erobert hat. Und da kommt der nächste Punkt dazu, je länger es dauert, bis dieses Treffen stattfindet, desto mehr können die russischen Truppen ihr Momentum ausnutzen und noch weiteres ukrainisches Gebiet bekommen.»