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Scott Pelley ringt im Gespräch mit Journalistin Lulu Garcia-Navarro um Fassung: Das gut einstündige Gespräch wird auf YouTube innert zwei Tagen gut 1,5 Millionen Mal angeklickt.
Bild: YouTube/«The New York Times»
«60 Minutes» ist eine Institution in der amerikanischen Medienlandschaft und die meistgesehene Nachrichtensendung der USA. 37 Jahre ist Scott Pelley eines der Gesichter des Formats, das im Wandel begriffen ist, seit Millardär Larry Ellison und Sohn David am Ruder sind. Es kommt zum Eklat.
Am 7. August 2025 geht eine Ära zu Ende. Shari Redstone gibt die Hoheit über die Firma ab, die ihre Familie einst zu Milliardären gemacht hat.
Die Rothsteins kommen um die Jahrhundertwende aus der Kleinstadt Kosowa in der heutigen Westukraine in die USA. Die Vorfahren von Shari Redstone bauen in den 60ern Kinos, kaufen bald neue hinzu, steigen in den 70ern in die Filmproduktion ein und kaufen Mitte der 80er Anteile des Unternehmens Viacom, das aus dem Sender CBS hervorgegangen ist.

CBS-Legende Walter Cronkite interviewt am 3. Mai 1952 Präsident Harry Truman im Weissen Haus.
Bild: Keystone
CBS ist eine feste Grösse in der US-Medienlandschaft: 1927 beginnt der Sender als Radio, Fernsehen macht er ab 1941. 1968 feiert ein Format Premiere, das zu «einem der angesehensten Nachrichtenmagazine im amerikanischen Fernsehen» aufsteigen wird – so adelt die «New York Times» «60 Minutes», das Massstäbe für seriöse Berichterstattung setzt.
Auch am 2. Juni 2026 geht eine Ära zu Ende: CBS feuert Scott Pelley. Den Scott Pelley – das Urgestein von «60 Minutes». In 37 Jahren bei dem Sender hat der Journalist diverse Auszeichnungen für die Exzellenz seiner Arbeit erhalten. In einem ausführlichen Interview mit der «New York Times» spricht der Amerikaner darüber, was bei CBS geschah – hier fortan kursiv geschrieben.

Scott Pelley (rechts) interviewt im September 2013 US-Präsident Barack Obama.
Bild: Keystone
Wir springen zurück zu Shari Redstone, die nach dem Tod ihres Vaters und Firmen-Patrons Sumner Redstone 2020 mit dem Firmenerbe zu kämpfen hat. Ihre Firma National Amusement, zu der Paramount, CBS und weitere Marken gehören, ist in finanzieller Schieflage und kaum wettbewerbsfähig: Konkurrenten wie Netflix, Amazon und Disney haben die Nase vorn.
2024 tritt David Ellison auf den Plan: Der Sohn des Oracle-Gründers und Milliardärs Larry Ellison hat 2006 die Firma Skydance gegründet, die er mit National Amusement vereinen will – eine Fusion, die acht Milliarden Dollar schwer ist. Die Führung soll David Ellison übernehmen, der das Unternehmen auf einen neuen Kurs bringen soll. Und das tut er.
Larry Ellison verfügt laut «Forbes» über ein geschätztes Nettovermögen von aktuell fast 255 Milliarden Dollar und liegt damit im Ranking der reichsten Menschen der Welt mal vor und mal hinter Elon Musk. Seit rund 15 Jahren mischt der 81-Jährige gemeinsam mit David auch im US-Mediengeschäft mit. Laut Medienberichten hat Ellison senior eine persönliche Garantie von über 40 Milliarden für Ellison junior abgegeben, um dessen aggressive Expansion in die Medienbranche zu finanzieren.

Donald Trump hält am 21. Januar 2025 im Washington eine Rede – Oracle-Gründer Larry Ellison (r.) hört zu.
Bild: IMAGO/UPI Photo
«Die Firma hatte finanzielle Schwierigkeiten», blickt Pelley auf diese Zeit zurück. «Es war nicht klar, wie es mit uns weitergeht. Herr Ellison kam mit viel Geld im Rücken. Ein junger Mann von Weitsicht. Und ich dachte: ‹Das ist sehr gut für alle von uns.›»
Am 2. Juli 2025 gibt Paramount bekannt, dass man sich aussergerichtlich mit Donald Trump geeinigt habe. Der Präsident hatte «60 Minutes» verklagt, weil das Magazin ein Interview mit Kamala Harris manipuliert haben soll, um die Demokratin besser dastehen zu lassen.
Who else is going to miss the Stephen Colbert late show that was on CBS/Paramount & was cancelled after he criticized them for settling a $16 million dollar lawsuit with Trump & then called it a bribe because they needed FCC approval for the SkyDance merger which was approved. pic.twitter.com/BYx76FvwJm
— Suzie rizzio (@Suzierizzo1) May 24, 2026
Obwohl Juristen der Klage kaum Aussicht auf Erfolg bescheinigt haben, zahlt Paramount Trumps Stiftung 16 Millionen Dollar. Am 17. Juli wird zudem das Aus für einen Kritiker des New Yorkers bekannt: «The Late Show with Stephen Colbert» soll enden. Am 24. Juli genehmigt die Medienaufsicht FCC die Fusionspläne.
«Sie haben den Präsidenten bestochen, um den Deal abzuschliessen», denkt Pelley, der den Vorgang aber noch der Alt-Eignerin Redstone zuordnet. «Es gab einen massiven Vertrauenseinbruch.»
PELLEY: “Paying the bribe to Trump broke our hearts, but they did it to get the sale through.”
— The Tennessee Holler (@TheTNHoller) June 7, 2026
GARCIA-NAVARRO: “Paramount denied those two things were linked.”
PELLEY: *laughs* pic.twitter.com/Blg8cYBnBL
David Ellison, der wie sein Vater Donald Trump nahesteht, krempelt das Medienhaus um. Der Milliardärssohn macht im Oktober 2025 Bari Weiss zur Chefredaktorin von «CBS News». Eine kontroverse Entscheidung: Die 42-Jährige hat das konservative US-Portal «The Free Press» aufgebaut, das Paramount Skydance zuvor für 150 Millionen Dollar gekauft hat.
TV-Erfahrung hat Weiss jedoch nicht. Auch andere Posten wie der des Ombudsmannes besetzt Ellison mit einem Konservativen, hält der US-Sender NPR fest. Und die Ellisons greifen auch schon nach den nächsten Konkurrenten: Eine weitere Fusion mit Warner Bros. Discovery steht im Raum – dann würden auch HBO und CNN von Paramount Skydance kontrolliert werden.
60 minutes + CBSNews are intentionally being destroyed by #TheEllisons We ask that journalists frame this as it is: Ellison emissaries Weiss and Bilton advancing the Ellison agenda. Admiration for #ScottPelley + Sharyn Alfonsi et al #BlockTheMerger 12/22/25 theintercept.com/2025/12/22/b...
— The Media and Democracy Project (@mediaanddemocracy.bsky.social) 3. Juni 2026 um 04:38
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Pelley macht sich zunächst keine Sorgen: Nach der Fusion besucht David Ellison als Erstes die «60 Minutes»-Redaktion, hält eine Ansprache über Unabhängigkeit und nennt Pelley «Sir»: «Ich denke, ich bin einfach alt», kommentiert der.
«Er hat im Prinzip allen gesagt, dass er sich um uns kümmert. Wir sind wie auf Wolken gelaufen. Wir haben ihn gemocht. Wir dachten, dass nach all den vorherigen Schwierigkeiten eine helle neue Ära anbricht», so Pelley.

David Ellison im Mai 2022 bei einer Filmpremiere in London.
Bild: Keystone
Dass die neue Chefredaktorin keine TV- und Management-Erfahrung hat, irritiert das Urgestein. «Das waren Alarmsignale für mich, aber ich dachte: Wenn David Ellison denkt, dass sie die Richtige für den Job ist, werden wir sie willkommen heissen.»
Dass bei «CBS News» und damit auch bei «60 Minutes» jetzt ein anderer Wind weht, zeigt sich im Dezember 2025. Ein geplanter Beitrag über ein Abschiebe-Gefängnis in El Salvador wird verschoben. Sharyn Alfonsi – eine dreifache Emmy-Preisträgerin, die aus Afghanistan, dem Irak und Gaza berichtet hat – macht die neue Chefin Bari Weiss verantwortlich.
CBS Declines to Renew Contract of “60 Minutes” Journalist Sharyn Alfonsi https://t.co/GR0jCwcy5j
— Democracy Now! (@democracynow) May 28, 2026
Die Spannungen in der Redaktion stiegen, es kracht im Gebälk – und Alfonsi wird am 28. Mai nach elf Jahren bei «60 Minutes» entlassen. Genau wie ihre Kollegin Cecilia Vaga, die Journalist Draggan Mihailovich und die ausführende Produzentin der Show. Tanya Simon, ebenfalls eine Emmy-Gewinnerin, war die erste Frau in der Position. Schon ihr Vater Bob hat bei «60 Minutes» gearbeitet.
Scott Pelley cries again when declaring CBS’s Bari Weiss and Tom Cibrowski showed “breathtaking, completely lack of empathy,” “callousness,” and “inhumanity” by letting go Tanya Simon because her “family is legendary at CBS News.”
— Curtis Houck (@CurtisHouck) June 7, 2026
He again insists the tears are not “about me,”… pic.twitter.com/5WSjQDJjmF
Simon fliegt nach mehr als einem Vierteljahrhundert bei «60 Minutes» raus, obwohl sie beachtliche Erfolge gefeiert hat: Das Magazin ist die meistgeschaute Nachrichtensendung Amerikas. Das Format hat in Zeiten von Internet und Streaming-Diensten im linearen Fernsehen neun Prozent an Zuschauerschaft gewonnen. Online ging es sogar 90 Prozent nach oben.
Breaking Variety:
— Kyle Griffin (@kylegriffin1) May 28, 2026
Bari Weiss just ousted 60 Minutes' two most senior executive producers, Tanya Simon and Draggan Mihailoivich, along with correspondents Sharyn Alfonsi and Cecilia Vega, according to two people familiar with the matter.https://t.co/F6iX6LJux5
«Niemand sah das Massaker vom Schwarzen Donnerstag kommen», blickt Pelley zurück. Simon habe Triumphe gefeiert. «In der letzten Staffel hatten wir 2,5 Milliarden Views. Wir sind hoch geflogen. Dieses Management-Team war brillant: Tanya hatte das beste erste Jahr, das je ein ausführender Produzent gehabt hat – und ich habe für alle gearbeitet.»
Simon wird von Nick Bilton ersetzt: Der gebürtige Brite hat für die «New York Times» und «Vanity Fair» getextet sowie Bücher und Drehbücher geschrieben.

Nick Bilton an einer Filmpremiere in Berlin.
Bild: IMAGO/Newscom World
Am Vorabend sei Pelley mit den Kollegen noch bei den Emmys gewesen, wo das Team zweimal ausgezeichnet wurde. Als sie am 28. Mai gefeiert werden, wird das Team mit dem neuen Leiter konfrontiert.
«Niemand hat je von ihm gehört», sagt Pelley über Bilton. «Er hat null Erfahrung mit TV-News und Management. Was glauben Sie, wie man sich fühlt, wenn so jemand in eine Redaktion wie ‹60 Minutes› kommt?» Auf die Nachfrage, was er denn konkret gefühlt habe, antwortet die TV-Legende: «Schock, Bestürzung, Ungläubigkeit.»
Die Redaktion sei eine «Familie»: «Meine Kollegen und ich haben 10, 20, 30 Jahre miteinander gearbeitet. Wir sind miteinander gereist, wir haben miteinander gegessen. Wir gehen buchstäblich zusammen in den Kampf.» Im Irak habe ein Kollege einst sein Leben gerettet. «Diese Beziehungen sind ziemlich eng.» Eine Erklärung – danach habe sich Pelley dringend gesehnt.
Former 60 Minutes correspondent Scott Pelley became emotional as he reflected on his firing, saying he was blindsided by the decision and comparing the experience to losing a spouse.
— Clash Report (@clashreport) June 8, 2026
Defending his decision to confront CBS leadership, Pelley said: "I felt that somebody had to… pic.twitter.com/7RiIvkJr5y
Bilton soll der Redaktion von «60 Minutes» bei einem Termin am 1. Juni Rede und Antwort stehen. Es ist ein Meeting hinter verschlossenen Türen, aber was wollen die Bosse erwarten, wenn sie auf einen Haufen investigativer Journalisten treffen? Weil diese aufzeichnen, was an jenem Montag um 10 Uhr geschieht, wird öffentlich, wie die Situation eskaliert.
Was Pelley stört: Bari Weiss ist nicht dabei, von der sich das Team eine Erklärung für das erhofft hat, was am vorherigen Donnerstag passiert ist. Stattdessen schiebt sich Bilton nach vorne, um ein Statement von seinem Handy abzulesen. «In einem Raum mit 50 Leuten mit gebrochenem Herzen. Diese Kaltschäuzigkeit. Man konnte ein Grollen im Raum hören.»
Pelley erzählt, wie sich Bilton dem Team per Mail vorgestellt hat. Es sei nicht mehr 1968, habe er geschrieben, und Benzin koste auch nicht mehr 32 Cents. «Es hat so getan, als seien wir alle 1968, als das Magazin erstmals lief, in Bernstein eingeschlossen worden, und nichts habe sich verbessert.» Bilton habe moniert, dass das Format nur sonntags laufe – dabei liefere die Show auch permanent online.

Mike Wallace (l.) und Harry Reasoner machen 1968 Werbung für die Premiere von «60 Minutes».
Bild: CBS Television
«Fernsehen ist ein Eiswürfel, der schmilzt, okay?», macht der neue Produzent Bilton der Belegschaft klar und versichert: «Bari [Weiss] liebt diese Institution. Sie liebt ‹60 Minutes.›» «Sie beerdigt ‹60 Minutes›», hält Pelley dagegen. «Sie liebt diesen Ort nicht. Sie wurde geholt, um [das Format] zu töten, und genau das hat sie getan.»
Warum prescht Pelley so vor? «Nur ich konnte es tun», sagt er – weil er der Ranghöchste und Älteste war. Niemand von den Kollegen hätte dieses Risiko eingehen können. «Jemand musste sich vor die Leute stellen.»

Scott Pelley mit seiner Kollegin Cecilia Vega, die ebenfalls gefeuert wurde, in Los Angeles.
Bild: IMAGO/Everett Collection
Pelley bohrt nach, warum die verdienten Kolleg*innen rausgeworfen wurden. Er fragt Bilton, warum er einen Job annimmt, wenn er doch wisse, «dass er hier nie willkommen sein wird». Bilton versichert, wie sehr ihm an dem Format gelegen sei. «Oh, bitte», winkt Pelly ab.
Nach rund 15 Minuten ist das Meeting zu Ende.
Die Führung berät, wie es weitergehen soll.
Ahnt Pelley, dass er auf der Abschussliste steht? «Du meine Güte», sagt der Journalist. «Nichts stand mir ferner. Ich habe nicht daran gedacht.» Als er erneut zu einem Meeting bestellt wird, plant Pelley eine Stunde ein. Er rechnet damit, endlich über den Kurs und die Entlassungen reden zu können.
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Er freut sich deshalb, als er erkennt, dass Bari Weiss bei dem Meeting dabei ist. «‹60 Minutes› ist für zwei Dinge bekannt: eine tickende Stoppuhr und harte Fragen. Und wir stellen uns diese harten Fragen in der Redaktion, weil sie uns schärfer und besser machen.» Doch Pelley bemerkt auch, dass die Stimmung «feindselig» ist.
Das vorherige Meeting mit Produzent Bilton, das in «donnerndem Applaus» des Teams geendet ist, kommt beim Sender gar nicht gut an. Pelley wird zunächst beschuldigt, Bilton physisch attackiert zu haben. «Das ist eine Lüge. Ich habe noch nie in meinem Leben in der Wut Hand an jemanden gelegt.» Weil der Vorwurf nicht haltbar ist, nimmt Bilton ihn zurück.
Pelley stellt Weiss Fragen, die sie nicht beantwortet. Das Meeting endet nach zehn Minuten. Am Nachmittag erfährt er per Mail, dass auch er entlassen ist.