Late Night USA

Trump und der 6. Januar – alles, was Unrecht ist

Von Philipp Dahm

17.6.2022

Stephen Colbert führt uns durch die dritte Anhörung im Untersuchungsausschuss zum 6. Januar.
Screenshot: YouTube

Die Untersuchung des 6. Januar 2020 im US-Repräsentantenhaus soll belegen, was die ganze Nation im TV miterlebt hat. Obwohl das Geschehen bekannt ist, lassen einem die Details Hören und Sehen vergehen.

Von Philipp Dahm

17.6.2022

Drei Mal hat das Komitee des US-Repräsentantenhauses zur Untersuchung des Angriffs aufs Kapitol am 6. Januar nun schon öffentlich getagt. Und wenn man den Watergate-Veteranen Bob Woodwark und Carl Bernstein Glauben schenken will, ist das Verfahren bisher recht ergiebig, ordnen die beiden Journalisten bei ihrem Besuch in der «Late Show with Stephen Colbert» am 15. Juni ein.

Doch ergibt so ein Ausschuss Sinn, der nacherzählt, was damals live im TV zu sehen war? Die Antwort lautet Ja. Es war vielleicht bekannt, dass der Ex-Justizminister Bill Barr nicht hinter der Mär vom Wahlbetrug stand. Doch wenn der Republikaner in der ersten Anhörung im Video zu sehen ist, wie er gesagt haben will: «Das, was [Trumps] Leute an die Öffentlichkeit rausgehauen haben, ist Scheisse.»

Hinter Donald Trumps Plan steht am 6. Januar 2020 dafür Rudy Giuliani – und der frühere Präsident hört auf ihn, obwohl der offenbar betrunken ist, anstatt auf das Gros seiner Berater, die ihn vor falschen Aktionen warnen. Die vielleicht schockierendste Erkenntnis der zweiten Anhörung ist die Tatsache, dass Donald Trump seine Anhänger übel abkassiert hat.

Zugeschustert: 60'000 Dollar für zweieinhalb Minuten

Late Night USA – Amerika verstehen
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50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Gemeint sind die satten 250 Millionen Dollar, die der New Yorker nach der Wahl einsammelt, um damit scheinbar einen Wahlbetrug aufzudecken, der bis heute nicht bewiesen worden ist. Die Spenden überführt Trump in ein Political Action Committee (PAC), eine Art politischer Lobby-Gruppe. Das Geld fliesst später in alle möglichen Projekte, wird aber nicht für den Zweck verwendet, den Trump vorgibt.

Beispiel gefällig? Nehmen wir nur Kimberly Guilfoyle. Die Dame ist in erster Linie Verlobte von Don Jr. und in zweiter Linie auch Beraterin des Präsidenten – bekannt durch die gebrüllte Weisheit «The best is yet to come».

Fräulein Guilfoyle hat den Auftritt von Donald Trump am 6. Januar 2020 in Washington angesagt. Ihr Auftritt dauert rund zweieinhalb Minuten. Der Lohn, der ihr später aus den Spendengeldern zugestanden wird: 60'000 Dollar. Ob ihre Leistung 400 Dollar pro Sekunde wert ist, musst du selbst beurteilen.

«Open schools, not open borders»: Kimberly Guilfoyles Rede am 6. Januar 2020.

Nicht einmal Donald Trumps Tochter Ivanka hat an die Mär vom Wahlbetrug geglaubt, zeigen die Anhörungen: Als Bill Barr das Ergebnis für rechtmässig befand, habe sie das akzeptiert, sagt die 40-Jährige aus. Ihr Vater verteidigt ihre Aussage auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social: Sie habe mit der Wahl und der Auszählung gar nichts zu tun gehabt.

«Sie hat schon lange ausgecheckt», schreibt der 76-Jährige, als sei seine Tochter im Hotel gewesen. «Meiner Meinung nach wollte sie bloss respektvoll gegenüber Bill Barr und seiner Position als Generalstaatsanwalt sein.» Der Respekt scheint Donald Trump abzugehen, denn er ergänzt noch in Klammern: «Er war scheisse.»

Respekt? Trump schreibt über Bill Barrs Arbeit auf Truth Social: «He sucked.»
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Unzufrieden ist Trump auch mit der Reaktion seiner Anwälte. Und vor allem mit der von seinem Vize, zeigt Stephen Colbert auf: «Das haben wir gelernt: Alle Anwälte haben gewusst, dass es ein Verbrechen ist, die Wahl anzufechten. Sie haben einander erzählt, dass sie wussten, dass es ein Verbrechen ist. Sie haben allen im Weissen Haus erzählt, dass sie wussten, dass es ein Verbrechen ist – inklusive des Präsidenten.»

«Der Versuch, Mike Pence umzubringen»

Trumps Reaktion? Danke für die Abklärung, jetzt lasst uns weitermachen. Dabei sei der Aufstand mehr eine verfassungsrechtliche Frage, während ein anderes Vorhaben offensichtlicher gewesen sei, so Colbert: «der Versuch, Mike Pence umzubringen». Pence will das Ergebnis nicht anfechten, obwohl einer darauf beharrt, dass er es könnte.

John Eastman alias «das Wattestäbli, das gerade sieht, wo es hingesteckt wird», wie Colbert den Anwalt vorstellt.
Screenshot YouTube

Die Rede ist von Trump-Anwalt John Eastman, der genau gewusst haben soll, dass seine These auf hauchdünnem Eis steht. Mike Pence' Anwalt Greg Jacob fragt Eastman nämlich damals, ob er es okay gefunden hätte, wenn Bill Clintons Vize Al Gore im Jahr 2000 so gehandelt hätte – oder wenn es die Demokratin Kamala Harris im Jahr 2024 täte.

«Nein», soll Eastman geantwortet haben. «Aber ich denke, heute sollte [Pence] es tun.» Dabei soll Eastman laut Jacob schon am 4. Januar gewusst haben, dass der Vize-Präsident unter derartigen Umständen nicht das Recht hat, die Ernennung von Joe Biden zu verhindern.

«Gedächtnis wie ein Goldfisch, der Football spielt»

Ein Umstand, der für Trump mildernd sei, mein Colbert: «Das sind zwei ganze Tage vor dem 6. Januar – und jeder weiss, dass der Präsident ein Gedächtnis wie ein Goldfisch hat, der Football spielt. Man kann ihm keine Vorwürfe machen!»

Richter Luttig sieht für Colbert aus wie ein «geschmolzener William Shattner».
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Nicht nur die anderen Anwälte finden damals Eastmans Ideen «crazy». Selbst konservative Richter wie John Michael Luttig kritisieren in der Anhörung den Vorgang – auch wenn seine Aussage nicht gerade spritzig rüberkommt. Wichtig ist: Selbst Luttig verwehrt sich vehement dagegen, dass Pence die Wahl hätte abändern dürfen.

Weiter wird bei der dritten Anhörung vom Telefonat berichtet, das Trump mit Pence geführt hat. Mehrere Menschen bezeugen, dass das Gespräch immer hitziger geworden sei und dass der Ausdruck «Lusche» fiel. Eine Mitarbeiterin von Ivanka Trump sagt aus, der Präsident habe seinen Vize mit dem «P-Wort» beschimpft.

So ein Bart: Colbert nach Luttigs laaaangatmiger Aussage.
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Trump, Pence und das P-Wort

«Platypus?», also Schnabeltier, fragt Colbert lammfromm. «Pumpernickel? Paprika? Oh, das P-Wort», dämmert es ihm. «Gut, dass Pence nicht persönlich da war. Der Präsident hätte versucht, nach ihm zu greifen.» Der Moderator erinnert so nonchalant an Trumps berüchtigte Aussage im Wahlkampf 2016, als er über Frauen sagte: «Grab 'em by the pussy.»

Während das alles amerikanisch skurril klingt, sieht das Ganze für Pence in der Praxis erschreckend lebensbedrohlich aus, als der Mob am 6. Januar fordert, den Vize-Präsidenten aus dem Kapitol zu holen. In diesem Moment schiebt sein Boss aber noch einen Tweet nach, der die Menge noch wütender macht.

Pence wird an einen sicheren Ort gebracht, wo er viereinhalb Stunden ausharrt. Frappierend: Es gibt eine Situation, in der der Mob nur zwölf Meter weg von dem Mann ist, den er aufhängen will. Dass das alles nicht mit rechten Dingen zugeht, bemerkt schliesslich auch John Eastman: Am 9. Januar bittet er Rudy Giuliani per E-Mail, Trump möge ihn präventiv begnadigen.

Spannend ist hierbei der Wortlaut: «Ich habe entschieden, dass ich auf der Begnadigungsliste sein sollte, wenn die immer noch ausgearbeitet wird», schreibt damals der Anwalt. Bei den Anhörungen bleibt der Mann schmallippig – und verweigert jede Aussage, um sich nicht selbst zu belasten.

Mal ehrlich: Wer will nun eigentlich noch bezweifeln, dass am 6. Januar Unrecht geschehen ist?

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