Amerika-Expertin ordnet ein «Die USA ignorieren das Völkerrecht – ausser, es nützt ihnen»

Gregoire Galley

19.1.2026

Das venezolanische Öl ist im Visier von Donald Trump.
Das venezolanische Öl ist im Visier von Donald Trump.
ats

Donald Trumps Vorgehen in Venezuela, seine Drohungen gegen Grönland und der offene Bruch mit diplomatischen Spielregeln markieren eine neue Phase der US-Aussenpolitik. Die Lateinamerika-Expertin Elodie Brun warnt im Interview vor einer gefährlichen Verschiebung internationaler Normen. 

Gregoire Galley

Die militärische Intervention und die spektakuläre Festnahme von Nicolás Maduro durch die USA haben Venezuela in eine Phase grosser Unsicherheit gestürzt. Elodie Brun, Lateinamerika-Expertin und Dozentin am Zentrum für internationale Studien des El Colegio de México, ordnet die Lage ein.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von den US-Bombardierungen in Venezuela und der Festnahme von Nicolás Maduro erfahren haben?

Elodie Brun: «Ich war überrascht, weil gezielte Bombardierungen und die Entführung von Nicolás Maduro vor dieser Operation praktisch nie thematisiert worden waren. In der medialen Debatte war vielmehr von einer Entsendung US-amerikanischer Truppen nach Venezuela die Rede – ein Szenario, das auf viel Skepsis stiess.»

«Mit etwas Abstand betrachtet gab es allerdings zahlreiche besorgniserregende Signale. Dazu zählen insbesondere die – für die jüngere Vergangenheit ungewöhnlichen – Bewegungen der US-Streitkräfte im Karibikraum. Im November hatte Donald Trump Nicolás Maduro zudem ein Ultimatum gestellt, das dieser zurückwies. All das zeigt, dass sich rund um Venezuela bereits seit einiger Zeit aussergewöhnliche Spannungen aufgebaut hatten.»

Eine Quelle innerhalb der Maduro-Regierung soll den US-Geheimdiensten geholfen haben, den Präsidenten zu lokalisieren. Glauben Sie an venezolanische «Verräter»?

«Diese Hypothese wird zunehmend diskutiert, belastbare Beweise gibt es dafür bislang jedoch nicht. Zwei Aspekte nähren diesen Verdacht: Erstens wurde die Operation äusserst effizient durchgeführt – zudem ohne menschliche Verluste auf US-Seite. Zweitens wirkt das überraschende Einvernehmen zwischen der neuen Präsidentin Delcy Rodríguez und Donald Trump auffällig. Das deutet darauf hin, dass sich der US-Präsident offenbar mit dem Fortbestand des Chavismus an der Macht arrangiert – was so nicht zu erwarten war.»

«All diese Elemente lassen vermuten, dass es im Vorfeld geheime Verhandlungen gegeben haben könnte. Dennoch ist grosse Vorsicht geboten: Die Lage in Venezuela ist derzeit von erheblichen Unsicherheiten geprägt.»

«Donald Trumps Politik ist widersprüchlich»

Elodie Brun

Lateinamerika-Expertin

Wie gross ist der Handlungsspielraum der neuen Präsidentin Delcy Rodríguez gegenüber den USA?

«Die USA wollen klar Einfluss auf zentrale Entscheidungen nehmen – insbesondere in Bezug auf Öl und Wirtschaft. Der Spielraum von Delcy Rodríguez ist entsprechend begrenzt. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie eine anerkannte Chavistin ist, die innerhalb des Regimes verankert ist.»

«Gleichzeitig muss sie den verschiedenen chavistischen Lagern und dem Militär vermitteln, dass eine Allianz mit der führenden Weltmacht möglich ist. Das wird schwierig, denn gewisse Machtzirkel würden finanzielle Vorteile verlieren, falls die USA tatsächlich Zugriff auf die Ölreserven erhalten.»

Warum zögern internationale Ölkonzerne trotz Trumps Drängen, in Venezuela zu investieren?

«Dafür gibt es drei Hauptgründe. Erstens bestehen aus der Vergangenheit offene Forderungen: Einige Konzerne haben noch unbezahlte Schulden gegenüber dem venezolanischen Staat. Sie verlangen daher politische Stabilität und rechtliche Garantien.»

«Zweitens befindet sich die Öl-Infrastruktur in einem schlechten Zustand. In den vergangenen zehn Jahren wurde zu wenig investiert – wegen Misswirtschaft, Korruption und internationaler Sanktionen. Eine Wiederbelebung dieses Sektors erfordert enorme finanzielle Mittel, was viele Konzerne abschreckt.»

«Drittens handelt es sich bei einem grossen Teil der venezolanischen Reserven um schweres oder extra-schweres Öl. Dieses ist zähflüssig und mit anderen Stoffen vermischt. Förderung, Transport und Raffinierung sind technisch anspruchsvoll und entsprechend teuer.»

«Vor diesem Hintergrund wirkt Trumps Politik widersprüchlich: Venezolanisches Öl ist teuer, während die Ölpreise derzeit niedrig sind. Zudem ist die US-Ölproduktion stark gestiegen. Welchen Sinn ergibt es also, zusätzliches Öl auf den Markt zu bringen – was die Preise weiter drücken würde?»

Wie ist die aktuelle humanitäre und sicherheitspolitische Lage im Land? Haben paramilitärische Gruppen an Einfluss gewonnen?

«Kurzfristig lässt sich die humanitäre Lage schwer beurteilen. Die Bevölkerung ist verunsichert und wartet ab. Sicherheitsmässig zählt Venezuela weiterhin zu den gefährlichsten Ländern Lateinamerikas – auch ohne offenen Bürgerkrieg. Diese Gewalt geht vor allem von paramilitärischen Gruppen aus, oft jungen bewaffneten Männern auf Motorrädern, den sogenannten colectivos

«Diese Gruppen stehen seit Langem in engem Kontakt mit Teilen des Chavismus. Neu ist ihre Existenz nicht. Dennoch bleiben sie eine ernsthafte Bedrohung für die Bevölkerung, da unklar ist, wie sie auf die aktuellen politischen Veränderungen reagieren werden.»

Welche politischen Szenarien halten Sie für wahrscheinlich?

«Prognosen sind derzeit schwierig. Klar ist jedoch: Wie so oft in der Geschichte Venezuelas wird das Militär eine Schlüsselrolle spielen – politisch wie wirtschaftlich. Entscheidend wird sein, wie sich die Streitkräfte positionieren und was mit einzelnen Akteuren verhandelbar ist.»

Wie wird die US-Intervention in Lateinamerika wahrgenommen?

«Lateinamerika ist ideologisch tief gespalten, was die regionale Zusammenarbeit stark beeinträchtigt. Regierungen wie jene von Javier Milei in Argentinien haben die US-Operation begrüsst. Kuba hingegen – ein historischer Verbündeter Venezuelas – verurteilte das Vorgehen scharf, ebenso Kolumbiens Präsident Gustavo Petro, der zudem eine mögliche Flüchtlingswelle befürchtet.»

«Auch Brasiliens Präsident Lula und Chiles Präsident Gabriel Boric kritisierten die Intervention, obwohl sie sich zuvor klar vom Maduro-Regime distanziert hatten.»

Hat sich mit Trumps Vorgehen die Logik des Stärkeren über das Völkerrecht durchgesetzt?

«Nein, das glaube ich nicht. Das Verhältnis der Grossmächte zum Völkerrecht war schon immer ambivalent. Sie ignorieren es teilweise und berufen sich in anderen Situationen darauf. Die USA sind zwar der grösste Beitragszahler der UNO, verweigern sich aber gleichzeitig zahlreichen internationalen Abkommen, etwa in den Bereichen Justiz und Umwelt.»

«Wir erleben derzeit eine Phase hoher Spannungen, in der die USA besonders aggressiv gegenüber bestimmten völkerrechtlichen Normen auftreten. Dennoch ist das Völkerrecht ein kollektives Werk. Es ist zu einfach, allein die Grossmächte verantwortlich zu machen. Andere Akteure müssten sich stärker organisieren, um Verstösse – auch jene der USA – klar zu benennen.»

«In Lateinamerika haben die Regierungen zu wenig getan, um die venezolanische Krise einzudämmen und dem Regime von Nicolás Maduro Grenzen aufzuzeigen. Dafür zahlen sie nun einen hohen Preis. Die aktuellen Reaktionen wirken angesichts der Verletzung der Souveränität eines Nachbarstaates bemerkenswert zurückhaltend – ohne dass dies eine Unterstützung des Regimes bedeuten würde.»

«Ähnliches gilt für Europa, das politische Kalkulationen einem entschlossenen Handeln gegenüber den USA vorzieht – mit ungewissem Nutzen, insbesondere vor dem Hintergrund der Spannungen um Grönland und der unklaren Zukunft der Ukraine.»

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