Rohstoffe, Schifffahrtswege und RaketenTrump will viel mehr als Grönland – Putin und Xi ebenfalls
Stefan Michel
28.3.2025
Trump auf Grönland: Noch schickt der US-Präsident seinen Sohn Donald Trump Jr und seinen Vize-Präsidenten vor. Von der Insel wird er so schnell nicht lassen. Dafür bietet sie zu viel.
KEYSTONE
Trumps Griff nach Grönland ist weit mehr als Rhetorik. Die USA und Russland rüsten in der Arktis auf und auch weitere Staaten mischen im Rennen um das Polarmeer mit – selbst das weit entfernte China.
Stefan Michel
28.03.2025, 23:27
29.03.2025, 10:32
Stefan Michel
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Trump meldet die Ansprüche seiner Regierung an Grönland unverhohlen an. Andere bauen ihre Präsenz in der Arktis diskreter aus, allen voran Russland.
Die Arktis-Anrainer sind interessiert an den unter dem Meeresboden vermuteten Rohstoffe, die kostengünstiger zu fördern sind, je weniger das Meer zufriert.
Die zunehmend eisfreie Arktis wird auch für die Schifffahrt interessanter, da sie den Weg von Asien nach Eurpa und die USA, verkürzt und die Nadelöre Panama- und Suez-Kanal umfährt.
Rohstoffe und Handelsrouten erhöhen die geostrategische Bedeutung der Arktis, weshalb die Anrainer dort auch aufrüsten.
Wenn Präsident Trump davon spricht, Grönland übernehmen zu wollen, dann geht es um weit mehr, als etwas zusätzliche Landfläche für die USA. Es geht um Präsenz in der Arktis, die geostrategisch an Bedeutung gewinnt, reich an Rohstoffen ist und der Schifffahrt in den kommenden Jahrzehnten neue Möglichkeiten bietet.
Warum wird die Arktis wichtiger?
Einer der Hauptgründe, weshalb sich Gross- und Regionalmächte der Arktis zuwenden, ist der Klimawandel. Die ganzjährig gefrorene Fläche ist in den letzten zehn Jahren deutlich geschrumpft. Damit wird das arktische Meer zur zeitsparenden Alternative für die Schifffahrt zwischen Asien, Europa und Nordamerika. Mehr zur Schifffahrt unter Punkt 4.
Zudem ist die Arktis reich an Rohstoffen. Diese sind leichter zugänglich und damit kostengünstiger zu fördern, je kleiner die Eisfläche ist. Das hat neue Begehrlichkeiten geschaffen. Eine Reihe von Staaten meldet Ansprüche auf Gebiete in internationalen Gewässern an, in denen sich Erdöl- und Erdgasvorkommen befinden.
Neue Transportrouten und Rohstoff-Fördergebiete erhöhen die geopolitische Bedeutung der Arktis. Nicht nur die Anrainer Russland und USA verstärken ihre Präsenz, sondern auch das wesentlich weiter entfernte China. Mehr dazu unter Punkt 2.
Hat Trump das Rennen um die Arktis eröffnet?
Nein, denn diese ist seit mehr als 100 Jahren mal mehr, mal weniger umkämpft.
In der Arktis, genauer an der Beringstrasse, treffen die USA und Russland fast aufeinander. 85 Kilometer liegen die Festlandküsten der beiden Staaten auseinander, nur 3 Kilometer die beiden Diomedes-Inseln, von denen eine zu den USA, die andere zu Russland gehört.
Während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs bauten die USA und die Sowjetunion ein Netz an Militärbasen auf, von denen aus sie sich gegenseitig beobachteten.
Seit 1946 unterhalten die USA auf Grönland zusammen mit Dänemark die Pituffik Space Base, die auch militärisch genutzt wird. Präsident Trump hat schon 2019, in seiner ersten Amtszeit, gefordert, dass die USA Grönland kaufen.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs gab es Bestrebungen, die Arktis zu einer Zone des Friedens mit minimaler militärischer Präsenz zu machen. Ein Beispiel dafür ist die norwegische Stadt Spitzbergen, die demilitarisiert ist und von 46 Ländern als Forschungsstation genutzt wird.
Diese Zeiten endeten spätestens mit der Besetzung der Krim durch Russland. In der Folge rüsteten sowohl Moskau als auch Washington massiv auf.
Weitere Staaten interessieren sich für Rohstoffe oder strategische Kontrolle über das Gebiet rund um den Nordpol.
Welche Staaten erheben Anspruch auf die Arktis?
Fünf Staaten haben eine Küste am Arktischen Ozean: Kanada, USA, Russland, Norwegen und Dänemark mit der Insel Grönland.
Für Russland ist die Arktis seit je her von grosser Bedeutung: Murmansk ist der wichtigste Hafen mit Anschluss an den Atlantik und Stützpunkt der eines grossen Teils seiner Flotte. Russland fordert aufgrund des unter dem Meeresspiegel liegenden Lomonossow-Rückens einen grösseren Teil am Arktischen Meer. Kanada ist der Ansicht, diese Erhebung liege auf der nordamerikanischen Kontinentalplatte, weshalb das Gebiet Kanada zustehe. Dänemark beansprucht das Gebiet als Teil Grönlands.
Dabei geht es massgeblich um Zugang zu den unter dem Meeresboden gelegenen Erdöl- und Erdgasvorkommen. Der Geologische Dienste der USA (USGS) vermutet dort 12 Prozent der globalen bis dahin unentdeckten Erdölreserven sowie 32 Prozent des weltweit unentdeckten Erdgases.
Hinzu kommt China, das zwar rund 1400 Kilometer südlich vom Polarkreis liegt, dessen Staatchef Xi Jinping das Land aber als arktisnahen Staat und polare Grossmacht bezeichnet. Seine Ansprüche untermauert China mit der Präsenz von Forschungsprojekten und Eisbrechern, die im arktischen Ozean kreuzen.
Für China hat die Arktis auch eine grosse Bedeutung als Verkehrsweg. Es interessiert sich aber ebenso wie andere Grossmächte für die Rohstoffe in der Region.
Fünf Anrainerstaaten streiten sich um das etwa 26 Millionen Quadratkilometer grosse Gebiet. Kanada zog bereits in den 1920er Jahren seine Grenzen bis an den Nordpol. Danach beanspruchten die Sowjetunion, die USA (Alaska), Dänemark (Grönland) und Norwegen (Spitzbergen) ein solches "Tortenstück" von ihren Küsten bis zum Pol.
dpa
Was bringt die Arktis der Schifffahrt?
Zwei Schifffahrtswege gewinnen an Bedeutung, je länger der arktische Ozean eisfrei ist: die Nordostpassage und die Nordwestpassage.
Die Nordostpassage führt vom europäischen Nordatlantik nördlich an Russland vorbei und durch die Beringstrasse in den Pazifik. Sie verkürzt die Strecke von Shanghai nach Rotterdam um über 20 Prozent von fast 20'000 Kilometern auf unter 16'000 Kilometer, im Vergleich zur klassischen Route durch den Indischen Ozean, den Suezkanal und das Mittelmeer.
Die Nordwestpassage verläuft vom Nordatlantik vorbei an der US- und kanadischen Ostküste durch die Beringstrasse in den Pazifik. Auf diesem Weg misst die Strecke von Rotterdam nach Seattle an der US-Westküste von 17'220 Kilometer auf 12'770 Kilometer, im Vergleich zur Fahrt durch den Panamakanal, wie «Arte» in einer Dokumentation vorrechnet.
Sowohl Nordost-, wie Nordwestpassage führen verbinden den Nordatlantik über die Beringstrasse mit dem Pazifik. Die östliche Route führt an der russischen Küste vorbei, die westliche an der kanadischen und US-amerikanischen.
KEYSTONE
Auch ohne Eis gilt die Nordwestpassage als schwer schiffbar, was schon ein Blick auf die Karte erklärt. Zwischen den kanadischen Inseln ist das Meer vielerorts nicht sehr tief, die Navigation sei deshalb anspruchsvoll. In Kanada gebe es zudem Umweltbedenken, sollte sich die Nordwestpassage als Handelsroute etablieren. Gleichwohl baut Kanada bereits Radarstationen und weitere Anlagen, um die eigene Gebietshoheit zu untermauern und die Schifffahrt sicherer zu machen.
Russland baut schon jetzt die Nordostpassage für den Transport seiner Rohstoffe nach China aus. Noch führen aber pro Jahr nur ein Dutzend Schiffe auf dieser Route, zitiert die Deutsche Welle den Politologen Klaus-Peter Saalbach.
Die Nordostpassage könnte auch für den Warenverkehr zwischen Ostasien, Europa und Nordamerika eine grosse Bedeutung erlangen. Allerdings erst, wenn das Meer eisfrei ist, eine Begleitung durch Eisbrecherschiffe nicht mehr nötig ist und keine Gefahr durch Eisberge mehr droht. Dies wird Prognosen gemäss erst zwischen 2030 und 2040 der Fall sein.
Zudem wird das politische Klima zwischen Russland und den westlichen Staaten einen Einfluss darauf haben, wie viele Frachtgesellschaften tatsächlich die Route entlang der russischen Küste wählen werden.
Eine dritte Route ist ebenfalls eine Frage der Zeit: Die Transpolare Route, die statt entlang der russischen oder nordamerikanischen Küste direkt über den Nordpol führt, wenn dessen Eis komplett geschmolzen ist. Diese könnte ab 2040 zumindest während eines Teils des Jahres befahren werden. Sie wäre noch kürzer und würde zudem zum überwiegenden Teil durch internationale Gewässer verlaufen.
Dennoch rüsten sich die Arktis-Anrainer und China schon jetzt, denn die Kontrolle über die wichtigsten Handelsrouten ist von grosser geostrategischer Bedeutung.
Will Trump Grönland nur aus geostrategischen Gründen?
Trump und die USA sind bestrebt, ihre Präsenz in der Arktis zu verstärken. Das haben sie mit dem Ausbau ihrer Militärbasen in Alaska bereits getan.
Doch Grönland hat mehr zu bieten als eine zentrale strategische Position mitten im Arktischen Ozean: Rohstoffe. So besitzt die Insel die weltweit achtgrössten Vorkommen an Seltenen Erden, die für die technische Grundausstattung der Welt – Mobiltelefone, Elektroautos, Windturbinen und mehr – von entscheidender Bedeutung sind, schreibt die BBC. Zudem wird auf Grönland bereits Gold abgebaut. Auch diese Reserven sollen beträchtlich sein.
Einen Fuss in der arktischen Tür haben die USA bereits mit ihrer Basis auf Grönland. Würde die ganze Insel zu US-Hoheitsgebiet, würden sie sich mitten im Hinterhof Russlands breit machen. Bezahlen könnten sie die Präsenz mit den Rohstoffen, die sie auf der Insel finden. Ein Kaufobjekt, ganz nach Trumps Geschmack.