Trumps Märchenstunde – «Taten sagen mehr als Münder!»

Philipp Dahm

17.9.2020 - 17:53

Donald Trump in der ABC-Sendung «Town Hall»: Seth Meyers hat der Auftritt nicht überzeugt.
Screenshot: YouTube

Donald Trump stellt sich bei ABC den Fragen von Bürgern. Während das bei Fox reicht, um «Hinterhalt» zu schreien, geht dem Fact Checker von CNN fast die Puste aus. Mittendrin: TV-Satiriker Seth Meyers.

Er wisse gar nicht, warum ein Sender wie ABC Donald Trump eigentlich noch in Sendungen wie «Town Hall» einlade, sagt Seth Meyers in seiner «Late Night»-Show: «Wir wissen, was er sagen wird: Er wird dieselben gestörten Lügen wiederholen, die wir schon eine Million Mal gehört haben. Das Beste, auf das man hoffen darf, ist eine neue Lüge.»

Gut sei aber auch, dass bei «Town Hall» nicht Journalisten mit dem US-Präsidenten reden, sondern «normale Leute». «Denn die haben Erfahrungen mit so was. Wenn sie tagtäglich mit dem Bus oder der U-Bahn zur Arbeit fahren, schlagen sie sich mit einer gehörigen Portion von Trumps herum. Die meisten ignorieren dort bloss einfach [solche] Typen.»

Kein Irrer aus der U-Bahn – dieser Herr ist Präsident der Vereinigten Staaten.
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Meyers Abrechnung beginnt mit dem ersten Ausschnitt, der ab Minute 2.01 gezeigt wird. Es geht um Obamacare, die vom Vorgänger verabschiedeten Gesundheitsgesetze, durch die 23 Millionen Amerikaner zusätzlich eine Krankenversicherung bekommen. Die Republikaner versuchen derzeit beim Obersten Gerichtshof, die Gesetze anzufechten.

Als eine schwarze, ältere Frau dazu eine Frage stellt, aber von Trump unterbrochen wird, sagt sie: «Stopp, bitte lassen Sie mich ausreden, Sir!» Meyers entzückt das: «Oh, es ist so befreiend, jemanden so mit Trump reden zu hören: Das passiert nur, wenn Trump mal aus seiner rechten Medien-Bubble herauskommt. Meistens umgibt er sich mit Schmeichlern und Jasagern und wird darum nicht als der idiotische Angeber behandelt, der er eigentlich ist.»

Hinterhalt mit Ansage

Sein Haus- und Hofsender Fox war «offensichtlich so geschockt und verstört von der Aussicht, dass Trump Fragen von Wählern beantwortet, dass [Moderatorin] Laura Ingraham eine Montage der Fragen eingespielt hat, während im unteren Drittel ‹ABC überrascht mit Hinterhalt auf den Präsidenten bei Town Hall› stand. Mein Gott, sie werden wirklich nie aufhören, ihn zu verteidigen».

Fox and Friend: Laura Ingraham hält zu Donald Trump.
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Meyers nervt, dass Offensichtliches als Falle dargestellt wird: «Seht, es ist doch kein Enthüllungsbuch, wenn Bob Woodward dir sagt, er nimmt das Gespräch auf, um ein Buch zu schreiben.» Der Pulitzer-Preisträger hat gerade das Trump-Buch «Rage» herausgebracht. «Und es ist kein Hinterhalt, wenn du zu Town Hall eingeladen wirst und die Einladung annimmst. Diese Leute sind solche dünnhäutigen Babys.»

Doch zurück zu der schwarzen Lady und ihrer Frage nach Obamacare, dass die Republikaner mithilfe des Obersten Gerichts zu Fall bringen wollen – doch der US-Präsident erzählt, ohne rot zu werden, er stünde für den Erhalt dieser Gesetze, durch die auch Menschen mit Vorerkrankungen eine Versicherung abschliessen können.

Überforderte Fact Checker

Darauf angesprochen, redet sich der 74-Jährige ab Minute 4.26 zum 16. Mal damit heraus, er werde ein neues Gesundheitsgesetz präsentieren. «Es ist ein viel besseres Gesetz für Sie und… es ist ein viel besseres Gesetz», wehrt sich Trump rhetorisch plump.

Die Dame fragt nach Obamacare. Trump sagt, er habe es erfunden.
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Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Es habe dann auch insgesamt einfach zu viele Lügen gegeben, weswegen man eigentlich gar nicht über die «Town Hall» berichten solle, so Meyers. Und wenn, dann so wie beim Faktencheck auf CNN, zu sehen ab Minute 5.41: «Es gab so viele Lügen. Ich werde mich beeilen, aber Ihr müsst mich sonst einfach stoppen.»

Die Details der Fabeln zu Biden, Obamacare, China und der Pandemie ersparen wir Ihnen – oder haben das Thema an anderer Stelle schon beschrieben. Doch neue Tonbandaufnahmen, die Woodward veröffentlicht hat, setzen Trumps Corona-Missmanagement die Krone auf.

«Das Ding ist ein Killer»

Anders kann man es nicht nennen, wenn der US-Präsident im April die Öffentlichkeit beschwichtigt, aber zu Woodward (ab Minute 8.30) sagt: «Das Ding ist ein Killer, wenn es dich kriegt. Wenn du die falsche Person bist, hast du keine Chance. Es zerreisst dich. Es ist die Pest.»

Keine Panik: Trump spielt im Frühling die Pandemie herunter.
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Das Interview wird am Montag bekannt, und dennoch lügt Trump zwei Tage später in der «Town Hall»: «Ich habe es nicht heruntergespielt. Tatsächlich habe ich es in vielerlei Hinsicht hochgespielt – mit Blick auf Aktionen.» Will sagen: Hinter den Kulissen habe er gehandelt, so Trump. «Nicht mit dem Mund, sondern als tatsächlicher Sachverhalt.» Meyers lächelt süffisant: «Wie heisst es so schön? Taten sagen mehr als Münder!»

Zu guter Letzt geht «Late Night» noch auf eine Mär ein, die Ihnen ab Minute 10.58 zu Ohren kommt: Da behauptet Trump bei Fox, Konkurrent Joe Biden könnte gedopt sein – offenbar, weil sich der Demokrat nicht so viele Patzer leistet, wie es die Republikaner gerne hätten.

Und täglich grüsst das Herdentier 

«Es sind wahrscheinlich… möglicherweise Drogen im Spiel. Das ist, was ich gehört habe.» An anderer Stelle meint Trump: «Er nimmt irgendwas. Er nimmt irgendwas, was ihm Klarheit gibt.» Meyers kontert: «Biden soll einen Drogentest machen? Du schnupfst die ganze Zeit herum, als kämest du vom Klo vom Studio 54.»

Früherer TV-Moderator (links) und heutiger Fernseh-Frontmann.
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Und während Trump Biden Senilität unterstellen will, setzt er sich selbst in die Nesseln, als mal wieder Lügen über die Pandemie verbreitet. «Sie wird verschwinden, auch ohne Impfstoff. Aber mit geht es viel schneller», so Trump. Ohne Impfstoff wird bei «Town Hall» nachgehakt? «Sicher! Nach einer gewissen Zeit… Man entwickelt eine Herdenmentalität.» Ja, auch Trump ist gegen Patzer nicht immun. «Es ist herdeentwickelt.»

Nun ja, das Ganze zeigt vor allem eins: Fehler passieren. Und schon die Bibel wusste: Wer unter uns ohne Schaf ist, der werfe den ersten Schein. Amen!

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