Prozess in FrankreichÜber 299 Opfer – Arzt soll noch mehr Kinder missbraucht haben
Sven Ziegler
21.3.2025
Joël Le Scouarnec, hier in einer Gerichtsskizze aus dem Jahr 2020, steht seit 24. Februar in Vannes in einem Prozess vor Gericht, bei dem es um die Vergewaltigung von 299 Patientinnen und Patienten geht.
AFP
Im Missbrauchsprozess gegen den französischen Ex-Chirurgen Joël Le Scouarnec prüfen die Behörden weitere mögliche Opfer. Tagebücher des Arztes deuten darauf hin, dass mehr Menschen betroffen sein könnten.
Ein derzeit wegen 299 Missbrauchsfällen vor Gericht stehender französischer Arzt hat möglicherweise noch mehr Menschen missbraucht als bisher bekannt. Die französische Justiz habe neue Ermittlungen eingeleitet, um weitere Opfer zu finden, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag in Rennes mit. «Es ist durchaus möglich, dass manche Opfer noch nicht identifiziert sind», erklärte die Staatsanwaltschaft.
Der ehemalige Chirurg Joël Le Scouarnec muss sich seit Februar wegen Missbrauchs von 299 Patienten vor Gericht verantworten, die meisten von ihnen Kinder. Seine Opfer waren im Schnitt elf Jahre alt. Der 74-Jährige hatte seine Taten zu Prozessbeginn weitgehend gestanden. Nach Darstellung der Anklage verging er sich an seinen jungen Patientinnen und Patienten unter dem Vorwand von Untersuchungen oder während sie unter Narkose standen.
Le Scouarnec war bereits 2020 wegen Missbrauchs und Vergewaltigung von vier Mädchen zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Die Ermittler waren bei den Ermittlungen zu diesen Fällen auf Tagebücher des Arztes gestossen, in denen er detailliert den Missbrauch oder die Vergewaltigung hunderter Kinder schilderte. Häufig notierte er dazu Namen und Alter, weswegen rund 300 Opfer identifiziert werden konnten.
In 12 Spitälern gearbeitet
Manche der Namen aus den Tagebüchern seien bislang jedoch nicht zugeordnet worden, erklärte die Staatsanwaltschaft nun. Einige der mutmasslichen Opfer hätten noch nicht angehört werden können.
Die Opferanwältin Francesca Satta bezeichnete die Aufnahme der Ermittlungen als «grossen Fortschritt». «Mich kontaktieren ständig weitere Menschen, die mich fragen, ob sie möglicherweise auch zu den Opfern zählen», sagte sie. Eine Stiftung fordert ausserdem, von der Krankenkasse eine vollständige Patientenliste des Chirurgen anzufordern.
Le Scouarnec arbeitete in rund zwölf verschiedenen Krankenhäusern im Westen Frankreichs. Obwohl manche seiner Chefs und Kollegen wussten, dass er bereits früher wegen Kinderpornographie verurteilt worden war, behinderte dies nicht seine Karriere. Der Prozess ist auf vier Monate angesetzt. Dem Angeklagten drohen bis zu 20 Jahre Haft.