Vom Verhandler zum BelastetenDer tiefe Absturz von Selenskyjs Schattenmann
Sven Ziegler
28.11.2025
Andrij Jermak tritt ab.
KEYSTONE
Der engste Vertraute von Präsident Wolodymyr Selenskyj ist weg: Andrij Jermak, Chef des Präsidialamts und ukrainischer Chefunterhändler, tritt nach einer Razzia in seiner Wohnung zurück.
Ermittler durchsuchten am Freitagmorgen Jermaks Wohnung im Zusammenhang mit der «Operation Midas», einem millionenschweren Schmiergeldskandal im Energiesektor.
Jermak galt als mächtigster Mann in Kiew nach Selenskyj und leitete zuletzt die heiklen Friedensgespräche mit den USA.
Die Vorwürfe rücken das Machtzentrum um Selenskyj in den Fokus – mitten in entscheidenden Verhandlungen über Trumps neuen Friedensplan.
Der politische Erdrutsch in Kiew ist perfekt: Andrij Jermak, Leiter des ukrainischen Präsidialamts und engster Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj, hat am Freitag seinen sofortigen Rücktritt eingereicht. Zuvor hatten Ermittler der Anti-Korruptionsbehörden NABU und SAPO seine Wohnung durchsucht – ein Schritt, der das Machtzentrum des Landes inmitten des Krieges erschüttert.
Auslöser ist die «Operation Midas», die grösste Korruptionsermittlung der Kriegszeit. In dem seit Monaten laufenden Verfahren geht es um mutmassliche Schmiergeldzahlungen von 10 bis 15 Prozent bei Energieaufträgen, um manipulierte Verträge und veruntreute Gelder in Millionenhöhe.
blue News beantwortet die wichtigsten Fragen
Wer ist Andrij Jermak?
Andrij Jermak war bis zu seinem Rücktritt der Chef des ukrainischen Präsidialamts – und damit der wichtigste Mann im Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Diplomaten beschrieben ihn seit Jahren als «graue Eminenz», als jemanden, der gleichzeitig Präsident, Regierungschef und Aussenminister sei.
Praktisch alle grossen Entscheidungen liefen über seinen Tisch. Zuletzt leitete er sogar das ukrainische Team bei den heiklen Friedensverhandlungen mit den USA.
Kritiker werfen ihm vor, die Präsidialverwaltung zu stark zentralisiert zu haben und Einfluss in Bereichen auszuüben, die ausserhalb seines Mandats liegen. Dazu zählt etwa der verspätete Rückzug aus Bachmut im Frühling 2023, der militärisch umstritten war, oder die Absetzung populärer Kommandanten. In Kiew war er der Mann, der überall mitreden wollte – und deshalb für alles mitverantwortlich gemacht wurde.
Warum ist Andrij Jermak zurückgetreten?
Jermak trat zurück, nachdem Antikorruptionsfahnder am Freitagmorgen seine Wohnung durchsucht hatten. Kurz zuvor hatten NABU und SAPO einen neuen Schritt in der grössten Korruptionsaffäre der Kriegszeit angekündigt – ein Skandal, der sich ausgerechnet in den Machtzirkel rund um Präsident Wolodymyr Selenskyj hinein frisst.
Jermak bestätigte die Durchsuchung und liess mitteilen, er kooperiere vollumfänglich. Mit dem Rücktritt nimmt Selenskyjs bislang mächtigster Berater politischen Druck vom Präsidenten – und versucht, den Friedensverhandlungen mit den USA die innenpolitische Schwere zu nehmen.
Seit wann steht Jermak unter Korruptionsverdacht?
Direkte Vorwürfe gegen ihn gab es lange nicht, doch der Name Jermak tauchte seit Mitte November immer häufiger im Umfeld der «Operation Midas» auf – der Schmiergeldaffäre im Energiesektor, in der bis zu 100 Millionen Dollar veruntreut worden sein sollen. Mehrere Medien berichteten, Ermittler identifizierten einen der Schattenakteure mit dem Decknamen «Ali Baba» möglicherweise als Jermak.
Gleichzeitig wurde bekannt, dass ein Luxushaus, das über das Korruptionsnetzwerk finanziert worden sein soll, angeblich für ihn vorgesehen gewesen sei. Offiziell erhobene Anschuldigungen existieren bis heute nicht, doch das politische Klima wurde zunehmend toxisch.
Wie ist Jermak in die aktuelle US-Ukraine-Diplomatie verstrickt?
Selenskyj hatte ihn ausgerechnet inmitten der Korruptionsaffäre zum Chefunterhändler in den Gesprächen über den umstrittenen US-Friedensplan gemacht. Jermak war vergangene Woche in Genf an vorderster Front, als die Ukraine die erste, für Kiew untragbare Version des amerikanischen Plans ablehnte und überarbeitete.
Sein Rücktritt ist deshalb brisant: Die Ukraine befindet sich mitten in entscheidenden Gesprächen mit Washington und Moskau, und der zentrale Architekt der ukrainischen Positionierung fällt nun weg.
Welche Rolle spielte der Konflikt mit den Antikorruptionsbehörden?
Viele Beobachter vermuteten damals, Jermak habe eine zentrale Rolle bei diesem Vorstoss gespielt. In Kiew wird spekuliert, die Ermittlungen könnten auch als Reaktion der Behörden auf diese Einflussnahme verstanden werden.
War Jermaks Sturz absehbar?
Seit dem Auffliegen der Energoatom-Affäre wurde der Druck auf Selenskyj täglich grösser. Zwei Minister mussten gehen, ein früherer Geschäftspartner des Präsidenten floh ins Ausland, und mehrere führende Beamte rückten ins Zentrum der Ermittlungen.
Breaking news: Andriy Yermak has resigned from his longtime post of head of the Ukrainian presidential office, President Zelenskyy says in a statement. pic.twitter.com/seGDBbWJbh
Dass die Behörden nun erstmals im engsten Kreis des Präsidenten präsent sind, markiert eine neue Stufe der Eskalation. Für viele war klar: Wenn die Ermittler tatsächlich bei Jermak auftauchen, ist sein politisches Ende nur eine Frage der Zeit.
Was bedeutet sein Rücktritt für Selenskyj?
Kurzfristig verhindert Selenskyj damit, dass die Affäre seine Position bei den anstehenden Friedensverhandlungen weiter schwächt. Gleichzeitig verliert er seinen wichtigsten politischen Manager – den Mann, der ihn seit Jahren begleitet und den Regierungsapparat für ihn führt.
Langfristig zeigt der Fall aber auch: Das ukrainische Antikorruptionssystem ist handlungsfähig genug, um selbst die mächtigsten Figuren anzutasten. In einem Moment, in dem die EU genau hinschaut, ist das ein strategisch wichtiges Signal.