«Oder der Feind schafft es zuerst»Ukraine setzt auf KI-gesteuerte Drohnenschwärme
SDA
15.5.2026 - 20:43
In der Ukraine wird intensiv an KI-gesteuerten Drohnenschwärmen gearbeitet.
Efrem Lukatsky/AP/dpa
Hunderte von KI-gesteuerten Drohnen, die gemeinsam operieren, miteinander kommunizieren und Ziele autonom angreifen: Diese dystopische Vision der Kriegsführung will die Rüstungsindustrie der Ukraine Realität werden lassen.
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Keystone-SDA, Agence France-Presse, Redaktion blue News
15.05.2026, 20:43
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In der Ukraine wird intensiv an der Einführung autonomer, KI-gesteuerter Drohnenschwärme gearbeitet.
Mit Drohnenschwärmen könnten wenige ukrainische Operatoren gleichzeitig Dutzende oder gar Hunderte Angriffsdrohnen steuern – und damit Russlands numerische Überlegenheit ausgleichen.
«Stellen Sie sich vor, die Nazis oder die Russen hätten zuerst die Atombombe bekommen»: Ein Experte nennt das Vorhaben das «Manhattan-Projekt» des 21. Jahrhunderts.
Vier Jahre nach der grossangelegten russischen Invasion zählt die Entwicklung von Drohnenschwärmen zu den heissesten Themen der Militärtechnik – in einem Land, das sich als weltweiter Spezialist für Drohnenkrieg sieht.
«Das Interesse ist enorm», sagt der ukrainische Militärexperte Juri Fedorenko bei einer kürzlich an einem geheim gehaltenen Ort in Lwiw im Westen der Ukraine abgehaltenen Konferenz zur Autonomie von Drohnen.
Seinen Angaben zufolge bitten ihn Kontakte häufig darum, bereits einsatzfähige «Schwärme» zu zeigen: Gruppen von Drohnen, die gemeinsam handeln und Aufgaben ohne menschliches Eingreifen erfüllen können – ein Szenario, das zugleich Begeisterung und Besorgnis auslöst.
«Über die Technologie von Drohnenschwärmen wird schon sehr lange gesprochen, und wir Militärs warten noch länger darauf [...] Die einzige Frage ist, wann sie Realität wird», sagt Wolodymyr mit dem Kampfnamen «Colt», Leiter der zivil-militärischen Zusammenarbeit der 412. ukrainischen Brigade.
Vertreter des ukrainischen Militärs und der Rüstungsindustrie erklärten gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, Kiew habe beim Einsatz dieser Technologie Fortschritte gemacht.
Andere betonen jedoch, dass noch ein weiter Weg vor ihnen liege und Drohnenschwärme nur ein – wenn auch spektakulärer – Teil der viel umfassenderen Entwicklung hin zu autonomer Kriegsführung seien.
Mit Drohnenschwärmen könnten wenige ukrainische Operatoren gleichzeitig Dutzende oder gar Hunderte Angriffsdrohnen steuern, den Gegner überfordern und den zahlenmässigen Vorteil Russlands ausgleichen.
«Das Hauptziel ist es, das Leben unserer Soldaten zu retten», sagt Andrij Lebedenko, stellvertretender Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. «Heute haben wir solche Projekte. Sie sind noch nicht gross angelegt, entwickeln sich aber weiter [...] Ein massiver Einsatz ist in den kommenden Jahren möglich.»
Der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov setzt auf Spitzentechnologie, um russische Angriffe abzuwehren. Dazu wurde das Zentrum für militärische KI «Defense AI Center A1» gegründet, das Kampferfahrungen analysieren und Innovationen vorantreiben soll.
Dessen Direktor Danylo Tsvok sagt, Drohnenschwärme gehörten zu den wichtigsten Forschungsfeldern: «Die Drohnenschwärme befinden sich derzeit in der Testphase [...] Es gibt vieles, das wir noch nicht offenlegen können.»
Das in der Ukraine gegründete Unternehmen Swarmer gilt als einer der Vorreiter des Sektors. Anfang des Jahres wurde es an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq kotiert. Firmenchef Alex Fink erklärte, sein Unternehmen setze seit April 2024 in der Ukraine Schwarmdrohnen-Technologie im Kampf ein.
Laut Fink können diese Systeme mehrere Drohnen autonom in einem Gebiet einsetzen. Anschliessend greifen entweder menschliche Piloten manuell Ziele an oder die Operatoren wählen die Ziele aus, während die Drohnen die Angriffe autonom ausführen.
«Manhattan-Projekt»
«Wir sind sicherlich noch nicht an dem Punkt, an dem wir der Technologie strategische oder auch nur taktische Entscheidungen über die Relevanz eines Ziels anvertrauen können», relativiert Fink. «Wir wollen nicht, dass unsere Systeme diese Entscheidung treffen. Menschen sollen die Kontrolle behalten.»
Auch an der Konferenz in Lwiw war bei einigen Teilnehmern Skepsis spürbar. «Drohnenschwärme werden völlig überschätzt [...] weil sie eine gute Science-Fiction-Geschichte liefern», sagt Jaroslaw Ajniuk, Leiter der Firma Fourth Law, die sich auf die Autonomisierung von Drohnen spezialisiert hat.
Er vergleicht die Technologie mit der Entwicklung von Microsoft Word. Sich allein auf Drohnenschwärme zu konzentrieren, bedeute, sich auf nur eine einzelne Option zu fixieren, statt die gesamte Entwicklung des Sektors zu betrachten.
Für ihn ist die Entwicklung einer «vollständigen und massiv skalierbaren Autonomie» von Waffensystemen das «Manhattan-Projekt» des 21. Jahrhunderts – in Anspielung auf das amerikanische Programm zur Entwicklung der ersten Atombombe.
«Stellen Sie sich vor, die Nazis oder die Russen hätten zuerst die Atombombe bekommen. Die Welt wäre radikal anders gewesen. Stellen Sie sich nun vor, sie würden zuerst die vollständige Autonomie erreichen», sagt er.
Auch Moskau hat KI und Drohnen zu militärischen Prioritäten erklärt. Laut einem Bericht der Militärexpertin Kateryna Bondar vom April 2026 hat die russische Armee «wahrscheinlich» bereits «ein vollständig autonomes unbemanntes System im Kampfeinsatz» verwendet.
Für Anton Melnyk, Mitgründer der zur Finanzierung der ukrainischen Verteidigung gegründeten Firma MITS Capital, gilt: Entweder gelingt es Kiew und seinen Nato-Partnern zuerst, diese Technologie zu beherrschen – «oder der Feind schafft es zuerst».