Late Night USA«Und ihr nehmt Selenskyj in die Mangel wie einen Fatzke bei einer Gartenparty?»
Philipp Dahm
5.3.2025
Das Treffen zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj bewegt auch Seth Meyers.
Bild:YouTube/Late Night with Seth Meyers
Die historische Pressekonferenz mit Wolodymyr Selenskyj im Weissen Haus beschäftigt Seth Meyers: Der Late-Night-Host warnt, dass Donald Trump eine «internationale Allianz» von Oligarchen aufbaut.
Zwei Wochen ist «Late Night with Seth Meyers» nicht auf Sendung gewesen. «Viel ist passiert», sagt der Namensgeber der Show. «Und nicht alles ist gut.» Da wäre das Justizministerium, das gegen einen Demokraten ermittelt, weil Robert Garcia Elon Musk einen «Schwanz» genannt hat.
Oder die gerade entlassenen Staatsangestellten, die die Atomwaffen oder die Vogelgrippe kontrollieren – und die flugs wieder eingestellt werden mussten. Oder Donald Trumps sonderbare neue Obsession mit Fort Knox, denn das Gold dort könnte gestohlen worden sein.»
Trump: “Wouldn't that be terrible?... we open the door and there was no gold there.
«Wäre das nicht schrecklich? Wir öffnen Fort Knox und es gibt nichts. Nur harten Granit, der eineinhalb Meter dick ist», sagt Trump in dem Einspieler ab Minute 1:38. «Man braucht sechs Muskelmänner, um das Haupttor zu öffnen.» Und: «Wenn das Gold nicht da ist, werden wir sehr sauer sein.»
«Spoiler-Alarm: Niemand hat das Gold gestohlen», klärt Meyers mit Blick auf «eine der sichersten Militäreinrichtungen der Welt» auf. Und während viel los sei in Washington, gehe eine Story unter, meint der Moderator: Das Weisse Haus hat zwei Arbeitsgruppen aufgelöst, die sich um den Einfluss ausländischer Mächte und die Einhaltung der Russland-Sanktionen kümmern.
«Warum tragen Sie keinen Anzug?»
«Das ist das, worum sich alles für Trump und seine Clique von milliardenschweren Unterstützern dreht: andere reiche Kriminelle zu schützen», kommentiert Meyers. «Es ist eine internationale Allianz von Oligarchen. Deshalb sind sie auf Russlands Seite – weil sie Russlands Art der korrupten Autokratie mögen und sie nachahmen wollen. Sie wollen politische Macht konzentrieren, um sich zu bereichern.»
Das zeige sich im Poker um die ukrainischen Bodenschätze – und schon sind wir bei jenem Treffen zwischen Trump und Wolodymyr Selenskyj im Weissen Haus am 28. Februar, das in die Geschichtsbücher eingehen dürfte. Das habe schon schlecht angefangen, weil laut Meyers «einer von Trumps Speichelleckern in den rechten Medien» die Garderobe des Gastes infrage stellt.
Journalist Brian Glenn (rechts neben dem Lampenschirm) fragt, ob Selenskyj einen Anzug besitzt.
YouTube/Late Night with Seth Meyers
«Warum tragen Sie keinen Anzug?», wird Selenskyj gefragt. Und: «Besitzen Sie einen Anzug?» «Es ist von Anfang an eine besch****** Frage, aber die A****-S******* kommt erst raus mit ‹Besitzen Sie einen Anzug?› Der Typ ist der Anführer eines Landes, das von Russland überfallen worden ist, und ihr nehmt ihn in die Mangel wie einen Fatzke bei einer Gartenparty?»
«Casual Friday auf dem Todesstern»
Meyers legt eine snobistischen Ton auf und hält wie ein Dandy in seiner Hand ein imaginäres Cocktailglas: «Ist dein Stylist wirklich blind oder bloss weitsichtig?», fragt er und lacht künstlich. Es folgt erneut ein Einspieler aus dem Weissen Haus: «Viele Amerikaner haben ein Problem mit ihnen, weil sie die Würde dieses Hauses nicht respektieren», ruft Journalist Brian Glenn Selenskyj zu.
Meyers als Dandy.
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«Nein, das tun sie verdammt nochmal nicht», korrigiert Meyers. «Die Leute sorgen sich um die Kosten für Lebensmittel und das Gesundheitssystem. Und nicht darum, ob der Präsident der Ukraine jemals beim Herrenausstatter war. Ich sehe nicht, wie du Elon Musk fragst, ob er einen Anzug besitzt, obwohl der bei Kabinettssitzungen aussieht wie ein litauischer Plattenproduzent.»
Mit Musks Outfit hat der bei Selenskyj so kritische Brian Glenn von «Real America’s Voice» wohl keine Probleme. Der Journalist ist übrigens der Partner der russlandfreundlichen Republikanerin Marjorie Taylor Greene.
YouTube/Late Night with Seth Meyers
Das Studiopublikum hat Meyers spätestens jetzt auf seiner Seite. «Musk zieht sich an, als wäre Casual Friday auf dem Todesstern», schiebt der 51-Jährige nach, um sich dann wieder Trump zu widmen. Der sei plötzlich «sehr abwehrend» gewesen – «wegen jemandem, der ihm sehr nahe steht, sein hochgeschätzter Freund und Verbündeter, sein zuverlässigster Vertrauter – Wladimir Putin».
«Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn»
«Ich kenne ihn schon lange», sagt Trump im Clip ab Minute 9:59 über den Russen. «Er musste den Russland-Schwindel durchmachen. Sie wissen: Russland, Russland, Russland war ein Schwindel. Es war alles Biden. Es hatte nichts mit ihm zu tun. Deshalb musste er das durchleiden.»
Belehrung im Weissen Haus: Selenskyj sieht aus wie ein Schuljunge, der nach der letzten Stunde vor den Sommerferien noch nachsitzen muss.
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Und: «Putin hat zur Hölle viel mit mir durchgemacht. Er hat eine heuchlerische Hexenjagd mitgemacht, bei der sie ihn und Russland benutzt haben. Er hatte nichts damit zu tun. Es kam aus Hunter Bidens Badezimmer. Es kam aus Hunter Bidens Schlafzimmer. Es war widerlich. Und dann haben sie gesagt: Oh, der Laptop aus der Hölle wurde von Russland gemacht. Die 51 Agenten. Die ganze Sache war ein Betrug, und er musste damit klarkommen.
Meyers kann seinem Präsidenten nicht folgen: «Was kam aus Hunter Bidens Badezimmer? Die Russland-Untersuchung? Der Laptop? Die rohe Erde? Ernsthaft: Worüber redest du?» Wieso «rohe Erde»? Weil Trump mehrfach von «raw earth» statt «rare earths» gesprochen hat.
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«Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn», stöhnt Meyers. Und obwohl das widersinnig scheine, werde nun erst der Punkt erreicht, an dem das Gespräch ausarte – mit dem Auftritt von JD Vance. Der Vizepräsident belehrt Selenskyj, dass Trump eine «Diplomatie», die den Krieg beenden könne und nennt den Ukrainer «respektlos», weil er «vor den amerikanischen Medien» Gegenargumente bringe.
Trump verteidigt Putin
Auf Selenskyjs Frage, ob er schon einmal in der Ukraine war, antwortet Vance, er habe «tatsächlich diese Geschichten geschaut und gesehen». Trump ergänzt: «Sie haben jetzt nicht die Karten.» «Ich spiele nicht Karten», erwidert Selenskyj schwach. Vance endet: «Haben sie sich während dieses Treffens einmal bedankt?»
Late Night USA – Amerika verstehen
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50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.
«Mein Gott, JD Vance klingt wie der Freund, der zum dritten Mal beim Fremdgehen erwischt worden ist», lästert Meyers: «Du fragst immer wieder, wo ich heute Nacht war, aber hast du dich einmal für die Kette bedankt, die ich dir geschenkt habe?» Meyers imitiert die Freundin: «Das war vor zwei Jahren und ich habe mich bedankt, als du es mir gegeben hast.» «Aber hast du dich auch während dieses Streits bedankt?»
Was wirklich Sache sei, zeigt der Clip ab Minute 13:17 – Trump spricht nach dem Treffen mit der Presse. «Er muss nicht da stehe und dies und jenes über Putin sagen – alles negative Sachen.» Das sei schon ein dickes Ding, findet Meyers: «Selenskyj hat jeden Grund, schlechte Dinge über Putin zu sagen. Und fürs Protokoll: Selenskyj hat sich oft bedankt – direkt beim amerikanischen Volk und auf Englisch, das er fliessender spricht als Trump.»
«Rückgratlos und unmoralisch»
Diplomatie sei eine gute Sache und das Erreichen einer Waffenruhe auch, stellt Meyers klar. Gleichzeitig müsse man aber klar benennen, wer der Aggressor sei, wer das internationale Recht breche und die Menschenrechte missachte. «Aber Trump ist das alles sch****egal», sagt Meyers. «Alles, was ihm wichtig ist, ist Selbstbereicherung, rohe Macht und territoriale Eroberung.»
Die rechten Medien feiern den Präsidenten trotzdem, beweist der Clip ab Minute 14:57: Da schlagen verschiedene Kommentatoren Trump für den Friedensnobelpreis vor – unter ihnen auch Aussenminister Marco Rubio. «Komm schon, Marco», meint Meyers, «tu nicht so, als hättest du während dieses Treffens nicht versucht, in der Couch zu versinken.»
Meyers über Rubio: «Er sieht aus wie ein Fünfjähriger bei einer Hochzeit: ‹Marco, du durftest die Torte nicht anfassen. Jetzt geh' auf die Couch und denk über das nach, was du getan hast!›»
YouTube/Late Night with Seth Meyers
Meyers weiter: «Und wenn Sie noch einen Beweis dafür brauchen, wie rückgratlos und unmoralisch die Republikanische Partei geworden ist, schauen sie sich nur die Transformation von Lindsey Graham an: Vor zwei Wochen hat er Selenskyj überschwänglich gelobt. Am Freitag hat er seinen Rücktritt gefordert.» Problematisch sei, dass auch die Demokraten wenig Haltung an den Tag legen würden, endet Meyers.